Letzte Woche kam ans Licht, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in die Vergabe eines Buchhandlungspreises eingegriffen und drei ausgezeichnete Buchhandlungen unter Berufung auf “Erkenntnisse des Verfassungsschutzes” von der Liste gestrichen hatte.
Die betroffenen Buchhandlungen kündigten daraufhin rechtliche Schritte gegen diesen Eingriff an. Im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels erschien ein Kommentar, der der Jury des Preises empfahl, der für die Leipziger Buchmesse geplanten Verleihungszeremonie fernzubleiben. Inzwischen haben mehrere der prämierten, aber von Weimer nicht gestrichenen Buchhandlungen ihre Teilnahme an der Preisverleihung abgesagt.
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat in einer Stellungnahme die Offenlegung der Begründung gefordert:
“Die Würdigung der kulturellen Leistung einer Buchhandlung von einer etwaigen politischen Ausrichtung des Sortiments abhängig zu machen, lehnen wir grundsätzlich ab. ‘Extremistische und terroristische Organisationen, Gruppierungen oder Einzelpersonen’ zu vermuten, wie sie durch das Haber-Verfahren erkannt werden sollen, bleibt äußerst fragwürdig, solange keine konkreten Anhaltspunkte offengelegt werden.”
Auch Jo Lendle, Chef des Hanser-Verlags, äußerte sich zu Weimers Entscheidung: “Ein Hauch von McCarthy weht durch das Land. Kein schöner Geruch”. Die Kurt-Wolff-Stiftung, die den Preis 2015 mit initiiert hat, erklärte, es handele sich um “eine Einflußnahme, die Grundprinzipien des Preises konterkariert”. Mit seinem Vorgehen hat Weimer tatsächlich große Teile nicht nur der Buchhändler, sondern der gesamten Kulturszene gegen sich aufgebracht. Zudem wurde bekannt, dass sein Ministerium in den Absageschreiben an die gestrichenen Preisträger behauptet hatte, die Jury habe sich gegen diese Buchhandlungen entschieden.
Die Bundesregierung stellte sich ausdrücklich hinter Weimer: “Herr Weimer nimmt seine Aufgabe mit der vollen Unterstützung der Bundesregierung wahr”, versicherte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer. Die falsche Begründung in der Absage sei darauf zurückzuführen, dass es sich “wie bei den vorherigen Preisvergaben um eine standardisierte Absage” gehandelt habe.
Weimer versuchte, mit Verweis auf die Fassade einer der prämierten Buchhandlungen, die mit vielen Parolen übersät ist, in die Offensive zu gehen: “Wenn sich eine Institution weithin sichtbar hinter die Losung ‘Deutschland verrecke’ stellt, stellen sich zu Preiswürdigkeit Fragen”, erklärte er in einem Interview. Praktisch allerdings hat er den Rückzug angetreten: Inzwischen hat er die gesamte Preisverleihung abgesagt.
Allerdings finden nun gleich zwei Ersatzveranstaltungen auf der Buchmesse statt. Eine am Stand des Hanser-Verlags, zu der alle 118 ursprünglich prämierten Buchhandlungen eingeladen sind, und eine am Stand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Ob Kulturstaatsminister Wolfram Weimer zu diesen Veranstaltungen eingeladen oder dort überhaupt erwünscht ist, ist nicht bekannt.
Den Skandal um das Ludwig-Erhard-Seminar samt Abendessen mit Bundesministern für 80.000 Euro hat Weimer überlebt, den um seine Attacken auf propalästinensische Aussagen auf der Berlinale ebenfalls. Ob er auch den dritten noch überlebt, wird sich erweisen.
Mehr zum Thema – Weimer-Skandal: “Man wird ihn proaktiv aus dem Amt entfernen müssen”