Von Rainer Rupp
Der ehemalige Pentagon-Berater und MIT-Professor Theodore Postol beginnt mit einer bemerkenswerten Selbstkorrektur: Er habe die Wirksamkeit der iranischen Vergeltungsschläge unterschätzt. Trotz massiver eigener Verluste durch US-amerikanische und israelische Angriffe habe der Iran bereits in frühen Konfliktphasen “spektakulär erfolgreich zurückgeschlagen – härter und effektiver” als prognostiziert.
Seine zentrale These: In einem Abnutzungskrieg verschiebe sich das Kräfteverhältnis zugunsten des Iran. Eine entscheidende Schwachstelle der USA sei ihre Luftverteidigung an Militärbasen im Persischen Golf, die den präzisen iranischen Drohnenangriffen kaum gewachsen sei. Durch die Zerstörung zentraler Radarsysteme sei das gesamte westliche Raketenabwehrnetz – inklusive Patriot, THAAD und Iron Dome – praktisch kollabiert. Ein System, in das Hunderte Milliarden Dollar geflossen seien.
Postol spricht von einem “katastrophalen Kollaps” der israelischen Luftverteidigung, die seiner Einschätzung nach nie wirklich funktionstüchtig war. Die jahrzehntelange Vermarktung dieser Systeme bezeichnet er als “gigantischen Betrug” an der westlichen Öffentlichkeit. Die Technologie sei anfällig für aktive Gegenmaßnahmen (wie die Zerstörung kritischer Komponenten) und passive Methoden (etwa Täuschkörper). Die globalen Konsequenzen seien gravierend: Zahlreiche Staaten hätten sich mit dem Kauf teurer Abwehrsysteme in falscher Sicherheit gewogen und stünden im Ernstfall schutzlos da.
1. Ein sinnloser Transfer: Patriot und THAAD aus Südkorea
Die Verlegung von Patriot- und THAAD-Systemen aus Südkorea in den Nahen Osten bewertet Postol als militärisch wirkungslos. Beide Systeme hätten im aktuellen Konflikt eine extrem niedrige Abfangrate gezeigt – der Patriot im einstelligen Prozentbereich, das hochgelobte THAAD-System praktisch gar keine. Der Transfer ändere also nichts an der realen Bedrohungslage für Israel oder US-Basen. Stattdessen verursache er erheblichen “politischen Schaden”: Südkorea habe hohe diplomatische Kosten im Verhältnis zu China für Systeme in Kauf genommen, die nun abgezogen würden. Die Reaktion in Seoul sei entsprechend verärgert.
2. Das Ende der US-Präsenz am Golf?
Die erfolgreichen iranischen Angriffe, insbesondere mit Drohnen, hätten laut Postol “erheblichen Schaden” an US-Militärbasen im Persischen Golf angerichtet. Dies führe dazu, dass Gastgeberstaaten wie Katar oder die VAE die Präsenz amerikanischer Stützpunkte zunehmend infrage stellten. Seine Prognose: Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre könnten diese Basen verschwinden, da die regionalen Führungen die USA zum Abzug drängen werden. Aus iranischer Perspektive sei dies ein “großer strategischer Erfolg”, der sich bereits abzeichne.
3. Der blinde Wächter: Zerstörte Radarsysteme
Ein entscheidender Erfolg des Iran sei die Zerstörung “aller wichtigen Radarsysteme” auf US-Basen, darunter große AN/TPY-2-Überwachungsradars in Katar. Diese seien essenziell für die Früherkennung anfliegender Raketen und die Zielzuweisung an Abwehrsysteme wie THAAD und Patriot gewesen. Der Verlust habe die Vorwarnzeit für Israel von ehemals 5–10 Minuten auf maximal 1–2 Minuten schrumpfen lassen. Ohne präzise Radardaten könne der Flugkurs iranischer Raketen nicht mehr rechtzeitig berechnet werden, was zu pauschalen Alarmen für ganz Israel führe – eine permanente Belastung für die Bevölkerung.
4. Der Zustand der israelischen Luftverteidigung
Postol beschreibt die israelische Luftverteidigung als “de facto nicht mehr funktionsfähig”. Sichtbare Einschläge und Explosionen über Tel Aviv und Haifa belegten dies. Der Iran habe taktisch klug zuerst ältere Raketen eingesetzt, um israelische Abfangraketen zu binden, bevor er mit moderneren Systemen nachlegte. Die entstandenen Schäden seien beträchtlich, auch wenn westliche Medien sie herunterspielten – vorhandenes Videomaterial zeige eindeutige Treffer.
5. Ein Größenvergleich: Kleines Radar vs. verlorene Giganten
Der Experte verdeutlicht den Verlust durch einen Vergleich: Die zerstörten großen Phased-Array-Radare (mit bis zu 30 Metern Durchmesser und 750 m² Antennenfläche) boten enorme Leistung und Reichweite. Das verbleibende, deutlich kleinere THAAD-Radar (AN/TPY-2) könne diesen Ausfall nicht kompensieren. Die Folge: Das System sei für anfliegende Gefechtsköpfe praktisch blind, die Abfangrate liege nahe null.
6. Satelliten: Gut zum Sehen, schlecht zum Verfolgen
Die weltraumgestützte Aufklärung der USA und Israels funktioniere zwar weiterhin gut. Satelliten könnten Raketenstarts im Iran an den charakteristischen Booster-Flammen erkennen und teilweise sogar den Raketentyp identifizieren. Eine echte Bahnverfolgung zur Berechnung des Ziels sei jedoch nicht möglich, da die Boost-Phase nur Sekunden dauere. Postol zieht ein Bild: Es sei, als sehe man in dunkler Nacht das Aufleuchten eines Feuerzeugs, verliere die gerade angezündete Zigarette danach aber sofort aus den Augen – man weiß nicht, wohin sie sich bewegt.
Das vollständige, höchst informative Interview auf Englisch mit dem Titel “Iranian Missiles vs Israeli Air Defense: Who Would Actually Win” ist hier zu finden.
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