BRICS gegen den Westen: Wie der Iran-Krieg die Weltordnung für immer verändert

Von Fjodor Lukjanow

Die Entscheidung der fünf BRICS-Staaten, auf ihrem Gipfel 2023 in Südafrika fünf neue Mitglieder aufzunehmen, stieß in Fachkreisen auf geteiltes Echo. Kritiker bemängelten die undurchsichtigen Auswahlkriterien und warnten vor einer weiteren Aushöhlung der Handlungsfähigkeit des ohnehin heterogenen Blocks. Die Priorisierung quantitativen Wachstums vor einer vertieften inhaltlichen Zusammenarbeit erschien vielen als fragwürdige Weichenstellung.

Zu den neuen Mitgliedern zählt auch der Iran, der im selben Jahr – nach einer vorübergehenden Lockerung internationaler Sanktionen – zudem der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) beitrat.

Der jüngste Angriff der USA und Israels auf den Iran stellte beide Organisationen vor eine Zerreißprobe. Ein Ignorieren der Aggression gegen ein Mitglied hätte ihre Bedeutungslosigkeit demonstriert. Eine klare Solidaritätsbekundung und Verurteilung des Völkerrechtsbruchs hingegen barg das Risiko einer direkten Konfrontation mit Washington – ein Schritt, den insbesondere Mitglieder mit engen US-Partnerschaften wie Indien oder die Vereinigten Arabischen Emirate scheuten. Die SOZ begnügte sich schließlich mit einer vagen Erklärung der “tiefen Besorgnis”. Der informelle BRICS-Block schwieg gänzlich.

Während Indiens zurückhaltende Haltung angesichts seiner langjährigen Beziehungen zu Israel erwartbar war, enttäuschte die übertriebene Zurückhaltung Chinas – eines wichtigen Wirtschaftspartners des Iran – viele Beobachter. Dies nährte Spekulationen, ob die BRICS sich selbst ad acta gelegt hätten und künftige Investitionen in den Block vergeblich seien. Doch ist diese Schlussfolgerung gerechtfertigt?

Die Enttäuschung speist sich aus einer Überschätzung der Handlungsmöglichkeiten der BRICS. Die wegweisende Entscheidung von 2023 bestand nicht in der Schaffung einer neuen, institutionalisierten Gegenmacht zum Westen. Stattdessen markierte die Erweiterung den bewussten Aufbau eines erweiterten “Raums ohne den Westen”. Die Vision einer schlagkräftigen, alternativen internationalen Institution war selbst im ursprünglichen Fünferkreis aufgrund zu divergierender Interessen unrealistisch. Auch die Idee einer vollwertigen systemischen Alternative blieb hypothetisch, solange die USA die Kontrolle über das globale Finanzsystem behalten und damit jeden eigenständigen Ansatz effektiv behindern können.

Dennoch wäre es verfrüht, die BRICS abzuschreiben. Die US-Regierung unter Donald Trump setzt ihr gesamtes Arsenal ein, um den relativen Machtverlust des Westens umzukehren – mit unverblümten Methoden und direktem Druck. Der Krieg gegen den Iran ist Ausdruck dieser Strategie: die Abschaffung letzter Hemmnisse und der Rückgriff auf rohe Gewalt als vermeintlich selbstlegitimierendes Mittel. Zwar kann dies kurzfristig einschüchtern; langfristig ist ein auf pure Dominanz gestütztes System jedoch schwer zu erhalten. Es beschleunigt vielmehr einen grundlegenden mentalen Wandel.

Während der Ära der liberalen Globalisierung wurde das westlich geprägte Regelwerk von vielen auch außerhalb des Westens akzeptiert, da es – trotz ungleicher Verteilung – insgesamt Wohlstandsgewinne und Stabilität versprach. Diese ideologische Rechtfertigung der Hegemonie, sie diene letztlich allen, ist heute selbst auf rhetorischer Ebene obsolet. Trumps Politik ähnelt der Karikatur eines kapitalistischen Bösewichts aus vergangenen Zeiten: “Wir nehmen, was wir kriegen können. Wehrt euch, wenn ihr es wagt!”

So mächtig die USA auch sein mögen, die Welt auf diese Weise dauerhaft zu kommandieren, wird ihnen nicht gelingen. Die aktuelle Politik unterstreicht vielmehr die Dringlichkeit, in Weltpolitik und -wirtschaft nach alternativen Bezugspunkten und größerer Unabhängigkeit von den US-Launen zu suchen. Vor nicht allzu langer Zeit bedurfte es noch großer Überzeugungsarbeit, diese Notwendigkeit zu vermitteln.

Dass die BRICS-Staaten geschlossen amerikanischem Druck trotzen werden, ist nicht zu erwarten. Doch in diesem Kreis versammeln sich jene Akteure, die das Potenzial haben, die Weltordnung der kommenden Jahre maßgeblich mitzugestalten. Der US-Druck zielt unter Trump nicht mehr auf die Aufrechterhaltung einer regelbasierten Ordnung – wie noch unter Joe Biden –, sondern einzig auf die Verteidigung der eigenen Vorrangstellung mit allen Mitteln. Trumps wiederholt geäußerte Wut auf die BRICS-Gruppe ist dabei bezeichnend: Sie spiegelt ein instinktives Erkennen dieses Zusammenschlusses als etwas potentiell Bedeutsames wider. Allein die Aufrechterhaltung dieses Forums ist somit eine wertvolle Lektion und ein Baustein für die Zukunft.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. März zuerst auf der Homepage des Wirtschaftsmagazins “Profil” erschienen.

Fjodor Lukjanow ist Chefredakteur von “Russia in Global Affairs”, Vorsitzender des Präsidiums des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik und Forschungsdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai.

Schreibe einen Kommentar