Von Dmitri Bawyrin
Ursula von der Leyen leidet unter Kopfschmerzen von zwei Seiten – rechts und links. Der Schmerz von rechts ist altbekannt, hartnäckig und quälend: Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der es sich zur Mission gemacht hat, die Europäische Union in ihrer jetzigen Form als Bedrohung für die Souveränität und die traditionellen christlichen Werte der Mitgliedstaaten zu zerstören.
Der Schmerz von links hingegen ist recht neu, unerwartet und akut: der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez. Auch er blockiert nun aus innenpolitischen Gründen Initiativen der Europäischen Kommission – sie sind ihm zu unpopulär. Darüber beklagt sich von der Leyen in ihrem vertrauten Kreis, und diese Vertrauten haben sich daraufhin bei der spanischen Zeitung El Mundo beschwert.
Bei Orbán ist die Sache klar: Ein Friedensschluss zwischen den beiden ist unmöglich. Von der Leyen hofft schlicht, dass Orbáns Partei Fidesz die Wahlen im April gegen die Oppositionspartei Tisza verliert. In diesem Fall würde in Ungarn ein proeuropäischer Ministerpräsident an die Macht kommen, was ihr eine Last von den Schultern nehmen würde (und von den Schultern Wolodymyr Selenskyjs würde gleich eine ganze Gebirgskette fallen, da Orbán die Auszahlung eines 90-Milliarden-Euro-Kredits blockiert, ohne den die Ukraine bis zum Sommer keine Waffenkäufe tätigen kann).
Um Orbáns Rücktritt zu befördern, tut die Europäische Kommission alles – genauer gesagt: sie tut gar nichts. Intern gilt das Gebot, jede öffentliche Kritik an Ungarn zu unterlassen, um nicht des Einmischens in die Wahlen bezichtigt zu werden und bei den Ungarn kein Gefühl von Trotz und nationalem Widerstand zu schüren, zumal die Europäische Kommission dort ohnehin unbeliebt ist. Stattdessen soll der Eindruck entstehen, die Wahl zwischen Fidesz und Tisza sei eine rein innenpolitische Entscheidung zwischen Alt und Neu und keine von außen oktroyierte Machtübernahme.
Mit anderen Worten: Orbán hätte von selbst verlieren müssen – und er hätte laut ungarischer Meinungsforscher auch verloren, hätte ihm nicht ausgerechnet Selenskyj die Hand gereicht. Der ukrainische Präsident glaubte, seinen Widersacher (Orbán) in die Knie zwingen zu können, als er sich weigerte, den Transport von russischem Erdöl durch die Druschba-Pipeline wieder aufzunehmen, um in Ungarn unmittelbar vor den Wahlen eine Energiekrise zu provozieren. Doch wie so oft hat der ehemalige Komiker es übertrieben: Es folgten direkte Drohungen gegen Orbán und sogar seine Familie, woraufhin der ungarische Ministerpräsident von allen Konfliktparteien innerhalb der EU unterstützt werden musste, einschließlich der Europäischen Kommission und des Vorsitzenden von Tisza, Péter Magyar.
Nun stehen Orbáns Chancen, an der Macht zu bleiben, deutlich besser. Für von der Leyen ist er zu einem unheilbaren Übel geworden, für Selenskyj zu einem Anlass, den Schrei einer durchschossenen Wölfin auszustoßen, wie es Kisa Worobjaninow am Ende des Romans “Die zwölf Stühle” tat.
In Spanien finden die Wahlen erst im nächsten Jahr statt. Wenn von der Leyen hier Probleme hat, dann nur aus demselben Grund, aus dem einem schlechten Tänzer die eigenen Füße im Weg stehen. Ministerpräsident Sánchez, der sein Amt bereits in der dritten Amtszeit in Folge bekleidet, bezeichnet sich selbst als “überzeugten Europäer” – und auf ihn konnte sich das Projekt eines vereinten Europas stets verlassen. Sánchez’ Ansichten sind zwar deutlich linker, als es von der Leyen lieb wäre, aber nicht so sehr, dass sie zu offener Rebellion führen würden.
Madrid erweist sich Brüssel in den für Europa wirklich brennenden Fragen als durchaus loyal, darunter leider auch die Unterstützung der Ukraine und die Konfrontation mit Russland. Genauer gesagt bereitet nicht Sánchez selbst von der Leyen Kopfzerbrechen, sondern der Druck seitens jener Akteure, für deren Interessen sie lobbyiert: der NATO, Israels und des globalistischen Flügels der US-Elite.
Zum Stolperstein wurden der Iran und die Forderung nach einer Anhebung der Verteidigungsausgaben der NATO-Bündnisstaaten auf fünf Prozent des BIP. Spanien ist das einzige NATO-Land, das sich kategorisch weigert, so viel für die Verteidigung auszugeben. Sánchez erklärte, für ihn persönlich liege die Obergrenze bei 2,1 Prozent.
Außerdem ist Spanien, neben der Türkei, das einzige Land, das den Angriff auf die Islamische Republik Iran eindeutig und ohne Umschweife verurteilt hat. Die Weigerung, den USA Militärstützpunkte in der Nähe von Gibraltar zur Verfügung zu stellen, die gemeinsam von Spanien und den USA genutzt werden, erregte den Zorn Donald Trumps. Israel bezeichnete der spanische Ministerpräsident sogar als “Völkermordstaat”.
Als Reaktion darauf versuchten israelische Stellen, Sánchez des Antisemitismus zu bezichtigen – was, offen gesagt, lächerlich ist: Die Haltung des spanischen Regierungschefs gegenüber der israelischen Politik ist heutzutage typisch für Kräfte links von den Sozialdemokraten. Selbst der islamische Einfluss auf ihn ist minimal, da es in Spanien deutlich weniger Muslime gibt als beispielsweise in Frankreich, dessen Präsident Emmanuel Macron aus diesem Grund hin- und hergerissen ist: Mal verurteilt er das US-amerikanisch-israelische Vorgehen, mal unterstützt er es.
Ursula von der Leyen vertritt natürlich eine andere Position – eine eifrig proisraelische. So sehr, dass dies während der israelischen Operation im Gazastreifen einen handfesten Skandal in der EU auslöste. Man wies die Kommissionspräsidentin darauf hin, dass sie eine Union vertrete, in der die Ansichten zu diesem Thema weit auseinandergehen. Und besonders lautstark wies genau jener Sánchez darauf hin.
Was die Aufstockung der Verteidigungshaushalte angeht, vertritt von der Leyen dieselbe Linie wie die USA, obwohl sie ein miserables Verhältnis zu Präsident Trump hat. Auch das NATO-Sekretariat, wo von der Leyens alter Weggefährte – der designierte Generalsekretär des Bündnisses, Mark Rutte – das Sagen haben wird, pocht auf höhere Verteidigungsausgaben. Sie alle verlangen von Brüssel, Druck auf Madrid auszuüben, doch alles bleibt beim Alten.
Es überrascht nicht, dass von der Leyen von all diesen Sorgen erschöpft ist und sich bei ihren Untergebenen über Migräne beklagt. Überraschend ist etwas anderes – nämlich, dass sie sich überhaupt mit all dem beschäftigt. Denn die NATO und die EU sind zwar sich überschneidende, aber völlig unterschiedliche Strukturen, und Israel gehört weder zur einen noch zur anderen.
Mit anderen Worten: Ursula von der Leyen wird von Problemen geplagt, die mit den eigentlichen Aufgaben der Europäischen Union nichts zu tun haben. Die EU hat keine Bündnisverpflichtungen gegenüber der US-amerikanisch-israelischen Koalition und ist nicht für die Politik der NATO verantwortlich.
Dies erklärt besser als alles andere die wachsende Abneigung vieler Europäer gegenüber der Europäischen Kommission. Anstatt sich um ihre Kernaufgabe zu kümmern – nämlich die Rechte und Bedürfnisse der Bürger zu wahren –, ist die Kommissionspräsidentin bis über beide Ohren in Projekte des internationalen Globalismus verstrickt, von der Aufrüstung der NATO bis hin zum Krieg gegen Russland. Und sie hält das für normal.
Es ist absurd, skandalös und schlichtweg dumm, Regierungen unabhängiger Staaten dafür zu kritisieren, dass sie sich um die Interessen ihrer Bürger kümmern und deren Meinung berücksichtigen.
Doch genau diese Eigenschaften so unterschiedlicher – und ideologisch sogar gegensätzlicher – Politiker wie Orbán und Sánchez werden ihnen von den Eurokraten zum Vorwurf gemacht. “Sie suchenvon den Eurokraten zum Vorwurf gemacht. “Sie suchen in Spanien und Ungarn nach politischen Vorteilen, das ist allen aufgefallen”, beklagten sich von der Leyens Untergebene gegenüber *El Mundo*. “Was für ein Gesindel”, mag sich der eurozentrische Leser da denken.
In Wirklichkeit wird Sánchez jedoch maßlos überbewertet, und eine angemessene Haltung in der Iran-Frage macht ihn noch lange nicht zu einem angemessenen Politiker. In Bezug auf die Ukraine vertritt er eine völlig unangemessene Haltung – eine, die den Interessen Europas schadet und den Konflikt unnötig verlängert. Es ist einfach so, dass die globalistische Fraktion im Westen und von der Leyen persönlich so übermütig geworden sind, dass sie nicht einmal die geringste Kritik von denen ertragen können, die ihrer Meinung nach gefälligst in der Reihe stehen und nicht quaken sollten.
Und wenn die EU-Kommissionspräsidentin sich um ihre europäischen Pflichten kümmern würde, anstatt zu versuchen, sich als Herrscherin über die Meere aufzuspielen, hätte sie keine Kopfschmerzen (wie ein Specht).
*Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 14. März 2026 auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.*
***Dmitri Bawyrin*** *ist Journalist, Publizist und Politologe mit den Interessenschwerpunkten USA, Balkan und nicht anerkannte Staaten. Er arbeitete fast 20 Jahre als Polittechnologe in russischen Wahlkampagnen unterschiedlicher Ebenen. Er verfasst Kommentare für die russischen Medien “Wsgljad”, “RIA Nowosti” und “Regnum” und arbeitet mit zahlreichen Medien zusammen.*
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