Ein altes Sprichwort besagt, dass Wettschulden Ehrenschulden sind. Wer die Vorgänge bei der FDP noch mit akademischem oder anderweitig abstraktem Interesse verfolgt, dürfte mitbekommen haben, dass deren Generalsekretärin Nicole Büttner Anfang Januar 2026 in einem Interview mit der Schwäbischen Zeitung eine ungewöhnliche Wette einging:
“Ich rasiere mir eine Glatze, wenn wir den Einzug in den Landtag verpassen. Alles weg. Radikal.”
Nachdem die FDP bei den jüngsten Landtagswahlen mit nur 4,4 Prozent der Stimmen deutlich gescheitert ist, haben deutsche Medien wie die Bild nun berichtet, dass Büttner ihr Versprechen tatsächlich eingelöst und sich die Haare abrasiert habe. Als Beleg dient ein Video auf ihrem Instagram-Profil, in dem sie ihre neue ‘Frisur’ präsentiert – und das sie geschickt zur politischen Schadensbegrenzung nutzt. Im Video und im dazugehörigen Text betont sie:
“Für mich ist ganz klar, dass ich zu meinem Wort stehe.”
Sie habe in den letzten Tagen viele Nachrichten erhalten, die nahelegten, sie könne sich “da schon irgendwie rauswinden”, schließlich sei es “im Politikbetrieb ja ganz normal, Sachen anzukündigen und dann nicht zu machen”. Büttner entgegnet jedoch, dass in Deutschland alle – von der Krankenschwester im Schichtdienst bis zum Handwerker, der ein Angebot verschickt – zu ihrem Wort stünden:
“So läuft unser Land. Dass das nur im Politikbetrieb nicht gelten soll, ist einfach nicht akzeptabel.”
Sie führt pathetisch aus:
“Wenn wir aber die großen Herausforderungen, vor denen unser Land nun mal steht, wenn wir die meistern wollen, (…) dann muss die gemeinsame Grundlage dafür Vertrauen und Glaubwürdigkeit sein. Wenn auch nicht alle meine Position und Meinung teilen, sollen sie sich darauf verlassen können, dass ich es ernst meine, dass ich das sage, was ich denke, und dass ich das tue, was ich sage. Dafür stehe ich mit meinem Wort – und jetzt auch mit meiner neuen Frisur.”
Während manche dies als geschickten PR-Coup werten mögen – nicht ganz zu Unrecht, berichten deutsche Medien derzeit fast mehr über die Glatze der Politikerin als über die jüngste Niederlage ihrer Partei in deren Stammland –, wird nach dem Verfliegen des ersten medialen Weihrauchs deutlich: Dieses Schadensbegrenzungsprogramm hat der FDP als Ganzes offenbar nur wenig genützt und wird es auch künftig nicht. Der tiefgreifenden Krise der Partei begegnet es nicht.
So konstatiert etwa der Merkur ein unvermindertes Fortbestehen der Probleme: Die FDP, die beispielsweise in Rheinland-Pfalz noch Teil der dortigen Ampel-Landesregierung ist, wird in aktuellen Umfragen aus diesem Bundesland nicht einmal mehr einzeln aufgeführt, sondern unter “Sonstige” subsummiert. Sollte die FDP auch dort aus dem Landtag fliegen, wäre sie nur noch in sieben Landesparlamenten vertreten.
Ob an diesem Bild des Niedergangs, das die FDP derzeit abgibt, in Baden-Württemberg tatsächlich ein angeblich unzureichender Fokus auf Feminismus sowie ein mutmaßlich zu starkes Festhalten an einer “Verbrenner-Vorfahrt” und einer Rückkehr zur Atomkraft schuld sind, wie etwa die TAZ erwartungsgemäß moniert, sei dahingestellt. Eines scheint jedoch sicher:
Büttner kümmert sich, um ein russisches Sprichwort zu paraphrasieren, zu sehr um die Haare, während der Kopf in Gefahr ist. Denn aus den eigenen Reihen der Partei kommt schärfste Kritik. Der FDP-Nachwuchsleiter Finn Flebbe erklärte am Sonntag gegenüber Journalisten des Redaktionsnetzwerks Deutschland:
“Die FDP stagniert unter der Wahrnehmungsschwelle.”
Die Generalsekretärin und der Bundesvorsitzende hätten “mehrfach bewiesen, dass sie keinen Plan haben, wie das zu ändern ist”. Und weiter:
“Deshalb sollten sie Platz machen – für andere.”
Der Chef der Jungen Liberalen forderte damit letztlich nichts Geringeres als einen kompletten Neustart der FDP: den Rücktritt nicht nur von Generalsekretärin Nicole Büttner und Bundesvorsitzendem Christian Dürr, sondern der gesamten Parteispitze, gefolgt von einer kompletten Neuwahl Ende Mai.
Mehr zum Thema – Umfrage in Rheinland-Pfalz: CDU und SPD Kopf an Kopf, AfD erneut sicher auf Platz 3