Von Geworg Mirsajan
Die Vereinigten Staaten verfolgen eine klare geostrategische Agenda: Sie wollen Chinas Zugang zu globalen Schlüsselressourcen systematisch blockieren. Nachdem sie mit Venezuela bereits ein wichtiges Tor nach Lateinamerika geschlossen haben, richten sie ihren Fokus nun auf den Iran – das zweite entscheidende Einfallstor.
In Venezuela, einem ehemaligen Hauptpartner Pekings in der Region, konnte China den amerikanischen Einfluss nicht aufhalten. Nur Stunden nach Gesprächen mit chinesischen Delegierten wurde Präsident Nicolás Maduro von US-Spezialkräften festgesetzt. Die verbliebene politische Elite unter Vizepräsidentin Delcy Rodríguez unterwarf sich daraufhin de facto der US-Hegemonie.
Im Iran hingegen verlief der US-amerikanische Vorstoß nicht nach Plan. Trotz der gezielten Tötung des Obersten Führers Ali Chamenei und zahlreicher Regierungsmitglieder brach das Land nicht zusammen. Stattdessen formierte sich der verbliebene Machtapparat und leistet seither entschlossenen Widerstand – durch direkte Angriffe auf US-Stützpunkte, amerikanische Verbündete und wirtschaftliche Interessen in der Region. Diese Entwicklung verschaffte China wertvolle Zeit, um über eine mögliche Unterstützung Teherans zu entscheiden.
Die Gründe für ein chinesisches Engagement sind vielfältig. Zwar enthält der umfassende Kooperationsvertrag von 2021 keine expliziten militärischen Beistandsklauseln. Doch eine durch Krieg verursachte Blockade der Straße von Hormus würde Chinas Wirtschaft unmittelbar treffen. Durch diese Meerenge werden nahezu alle Ölexporte des Irans, Katars und Kuwaits sowie der Großteil des irakischen, saudi-arabischen und emiratischen Öls verschifft.
Russland ist zwar Chinas wichtigster Öllieferant (ca. 18 %), doch dicht darauf folgen Saudi-Arabien (14 %), der Irak (11 %), die Vereinigten Arabischen Emirate (7 %), Oman (6 %) und Kuwait (3 %). Hinzu kommt iranisches Öl, das China aufgrund von Sanktionen oft als malaysische oder indonesische Ware bezieht. Igor Juschkow, Experte des russischen Fonds für nationale Energiesicherheit, erläutert gegenüber Wsgljad:
“Insgesamt bezieht die Volksrepublik China etwa 11 Prozent ihrer Ölimporte aus Malaysia. Dabei ist die Ölfördermenge in diesem Land geringer als das Volumen ihrer Verkäufe nach China.”
Beim Flüssiggas (LNG) stammt ein Viertel der chinesischen Importe aus Katar. Theoretisch könnte Peking dies als Begründung nutzen, um die Sicherheit der Schifffahrtsrouten mit der eigenen Marine zu gewährleisten – über die China inzwischen in beträchtlichem Umfang verfügt.
China ist heute der weltweit führende Schiffbaustandort und baut seine maritime Präsenz konsequent aus. Dies betrifft sowohl die Handelsflotte (über 60 % der globalen Schiffsneubauten 2025) als auch die Kriegsmarine. In den letzten vier Jahren stellte China mehr Schiffe vom Stapel als die Gesamttonnage der gesamten britischen Flotte ausmacht.
Ende 2025 verfügte China bereits über mehr Kampfschiffe als die USA. Die Flotte umfasst drei Flugzeugträger, zwei davon modernster Bauart, und bis 2035 plant Peking, deren Zahl auf neun zu erhöhen. Zum Vergleich: Die USA begannen 2015 mit dem Bau des Trägers “John F. Kennedy”, dessen Indienststellung nicht vor 2027 erwartet wird.
Es geht natürlich nicht darum, dass chinesische Trägerverbände im Persischen Golf direkt in Kampfhandlungen eingreifen. Schon ihre Präsenz zu signalisieren, könnte jedoch die amerikanischen Operationsmöglichkeiten gegen den Iran erheblich erschweren.
Historische Präzedenzfälle gibt es viele. 1971 entsandte die UdSSR eine Flotte in den Indischen Ozean, um einen US-Eingriff im Pakistan-Krieg zu verhindern. 1877/78 dampfte die britische Flotte in die Dardanellen ein, um den russischen Vormarsch auf Konstantinopel zu stoppen. Und während des Amerikanischen Bürgerkriegs kreuzte eine russische Eskadre vor der US-Küste, um britische Unterstützung für die Konföderation zu behindern.
Doch China scheint nicht gewillt, aus dieser historischen Spielbuch zu schöpfen. Offiziell beschränkt sich die Unterstützung Pekings bisher auf diplomatische Appelle des Außenministeriums. Für diese Zurückhaltung gibt es mehrere Gründe.
Erstens birgt ein direktes Engagement erhebliche Risiken. Während iranische Kräfte chinesische Schiffe kaum angreifen würden, könnten US-amerikanische oder israelische Einheiten unter falscher Flagge operieren. Andrej Klinzewitsch, Leiter des russischen Zentrums für die Erforschung militärischer und politischer Konflikte, erklärt gegenüber Wsgljad:
“In der Straße von Hormus sind zu viele Schiffe unterwegs, und man kann eine Antischiffsrakete in die Seite bekommen – nicht nur von der Küste aus, sondern auch von irgendeinem getarnten Schiff.”
Peking stünde dann vor der Wahl, eine solche militärische Niederlage hinzunehmen oder durch eine verstärkte Präsenz eine gefährliche Eskalation zu riskieren – verbunden mit schwer nachweisbaren Vorwürfen gegen Dritte.
Wahrscheinlich würde man die Niederlage akzeptieren, denn – zweitens – hat China seine globale Strategie, einen direkten Konflikt mit den USA zu vermeiden, nicht revidiert. Ob in Venezuela, im Handel oder in Afrika – Peking weicht direkten Konfrontationen aus und setzt stattdessen auf langfristige, hinter den Kulissen geführte Machtspiele. Manche mögen dies als Zurückhaltung deuten, andere als kühles Kalkül: China ist überzeugt, dass die Zeit für es arbeitet und jeder Aufschub eines Konflikts seine Position stärkt.
In diesem Sinne ist der aktuelle Krieg ein wertvolles Studienobjekt. Die Jerusalem Post schreibt:
“Peking betrachtet diesen Krieg als ein reales Testfeld, um zu verstehen, wie die Vereinigten Staaten Krieg führen, wie sie die Lage eskalieren lassen und wie sie mit gleichzeitigen Krisen umgehen.”
Drittens geht China grundsätzlich keine Verteidigungsbündnisse ein – mit Ausnahme des Pakts mit Nordkorea – und plant auch keine für die Zukunft. Die Verpflichtung, für einen Verbündeten in einen direkten Krieg zu ziehen, gilt in Peking als Anachronismus aus der Zeit blockbasierter Konfrontation. Experten des Carnegie Russia Eurasia Center sind überzeugt:
“Für die Vereinigten Staaten ist es bereits zu spät, die ihren Verbündeten gewährten Sicherheitsgarantien aufzuheben – dies würde einen zu großen Reputationsschaden verursachen. Aber China hat niemals solche Garantien gewährt und beabsichtigt angesichts der derzeitigen Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten auch nicht, dies jetzt zu tun.”
Gleichwohl leistet China dem Iran substantielle Hilfe, vor allem im Bereich der Aufklärung und Technologie. Al Jazeera berichtet:
“China hat jahrelang das iranische System der elektronischen Kampfführung umgestaltet – es exportierte hochmoderne Radarsysteme, stellte die iranische militärische Navigation vom US-amerikanischen GPS auf das verschlüsselte chinesische Satellitennavigationssystem BeiDou-3 um und nutzte zudem sein wachsendes Satellitennetz zur Unterstützung der elektronischen Aufklärung und der Kartierung des Geländes.”
Darüber hinaus berichten anonyme Experten von einem regen Waffenfluss aus China in den Iran über pakistanisches Territorium. Sollten die USA durch eine Bodenoffensive im Iran versuchen, Chinas Nahost-Zugang endgültig zu blockieren, könnten diese Waffen den Amerikanern spürbare Verlustezuzufügen – eine Niederlage, die militärische, diplomatische und wirtschaftliche Dimensionen hätte, für China selbst aber mit minimalen Risiken verbunden wäre.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 15. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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