Von Sergei Strokan
Zwei Wochen nach Beginn der gemeinsamen Militäroffensive mit Israel gegen den Iran hat US-Präsident Trump eine Taktik entwickelt, um seinen Kritikern zu begegnen. Der Bewohner des Weißen Hauses plant, den Iran an seinem „Ölhalsband“ zu packen – konkret, indem er dem Land die Möglichkeit zum Ölexport nimmt und es so wirtschaftlich erdrosselt.
Die unmittelbare Frage lautet: Wie soll das gelingen?
Im nördlichen Persischen Golf liegt die Insel Charg, iranisches Hoheitsgebiet und auf der Landkarte kaum sichtbar. Sie ist nur wenige Kilometer lang und hat weniger als 10.000 Einwohner. Doch ausgerechnet dieses winzige Eiland war und ist Irans wichtigstes „Ölventil“: Schätzungen zufolge laufen etwa 90 Prozent der iranischen Erdölexporte über Charg, da sich hier die zentralen Verladeanlagen und Tankerterminals befinden.
Zur Erinnerung: Der Iran erzielte 2024 Einnahmen aus Ölexporten von über 46 Milliarden US-Dollar und verzeichnete damit das höchste Umsatzwachstum aller OPEC-Staaten. Ende letzter Woche autorisierte US-Präsident Donald Trump eine Serie von Luftangriffen auf die Insel Charg – Angriffe, die er als „mit die mächtigsten in der Geschichte des Nahen Ostens“ bezeichnete. Trump erklärte, das Ziel sei die Zerstörung militärischer Infrastruktur auf der Insel gewesen; die Ölinfrastruktur hingegen habe er vorerst verschont. Er wolle abwarten, wie der Iran reagiere und ob das Land seinen trotzigen Kurs gegenüber den USA fortsetze. Vor diesem Hintergrund diskutieren US-Medien die Möglichkeit einer Einnahme der Insel durch die US-Marines – Anlass dafür gibt die Verlegung der hoch bewerteten, auf Okinawa (Japan) stationierten 31. Marine-Expeditionsgruppe in den Nahen Osten durch das US-Militärkommando.
Es liegt auf der Hand: Charg gehört nicht zum iranischen Kernland, sodass auf diesem kleinen Fleck Erde eine spektakuläre Bodenoperation inszeniert werden könnte. Mit einem Angriff auf Charg könnte Trump versuchen, mehrere Ziele gleichzeitig zu erreichen.
Erstens: Dem Iran den Erdölexport so schwer wie möglich zu machen.
Zweitens: Den Demokraten in Washington, die ihn unter Druck setzen und den Überfall auf den Iran als gefährliches und sinnloses Abenteuer betrachten, seine Entschlossenheit und Kaltblütigkeit zu demonstrieren.
Drittens: Einen Präventivschlag gegen China, den Hauptabnehmer iranischen Erdöls, zu führen – und das ausgerechnet kurz vor dem für Ende März geplanten US-China-Gipfel.
Viertens und letztens: Russland zu signalisieren, dass er seine Pläne keineswegs aufgegeben hat, eine US-Vorherrschaft auf dem globalen Kohlenwasserstoffmarkt durchzusetzen. Hochsymbolisch ist dabei, dass Trump nach der Bombardierung von Charg ankündigte, die zuvor ausgesetzten Sanktionen gegen russisches Erdöl wieder in Kraft zu setzen, sobald die Krise im Nahen Osten beendet und die Preise stabilisiert seien.
Die ungelöste Intrige um die Insel Charg zeigt, dass der Nahe Osten am Rande einer neuen Runde der Destabilisierung und eines existenziellen Kampfes ohne Regeln steht – eines Nullsummenspiels nach dem Motto „Fressen oder gefressen werden“.
Verfügt der Iran über Hebel, um den USA hier die Stirn zu bieten? Ja, und zwar durchaus beachtliche.
Der Vorsitzende des iranischen Parlaments, Mohammad Bagher Ghalibaf, verkündete:
“Iran wird sich im Falle eines Angriffs auf seine Inseln nicht länger zurückhalten.”
Irans Außenminister Abbas Araghtschi erklärte hierzu, die Streitkräfte des Landes würden „jegliche Energieinfrastruktur in der Region angreifen, die US-amerikanischen Unternehmen gehört oder an der US-Unternehmen Anteile halten“.
Dem Iran bleibt auch gar keine andere Wahl: Die Insel ist klein, aber von unschätzbarem Wert.
Übersetzt aus dem Russischen.
Sergei Strokan ist Beobachter für internationale Politik mit 25-jähriger Erfahrung. Heute ist er in dieser Eigenschaft im russischen Verlagshaus Kommersant tätig. Diesen Kommentar verfasste er exklusiv für RT.
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