Deutschlands Kehrtwende: Warum die Politik jetzt China umschmeichelt

Von Ladislav Zemánek

Als Bundeskanzler Friedrich Merz Ende letzten Monats zu seinem ersten offiziellen Besuch in Peking landete, war die Botschaft klar: Deutschland setzt wieder auf direkten Dialog mit China. Er reihte sich damit in eine wachsende Reihe westlicher Staats- und Regierungschefs ein – nach Frankreichs Präsident Emmanuel Macron Ende 2025 und dem britischen Premierminister Keir Starmer Anfang 2026 –, die den Weg in die chinesische Hauptstadt suchten. Sogar Donald Trump wird für Ende März/Anfang April in Peking erwartet.

Diese diplomatische Choreografie spiegelt eine grundlegendere Verschiebung wider: Angesichts der Gefahr eines Handelskrieges an zwei Fronten mit den beiden Weltmächten überdenken Europas führende Volkswirtschaften die Logik der Konfrontation und der wirtschaftlichen Entflechtung.

Merz’ Reise fand vor dem Hintergrund eines dreifachen Drucks statt. Deutschland sieht sich mit einer stagnierenden Binnenkonjunktur, turbulenten transatlantischen Beziehungen und der dringenden Notwendigkeit konfrontiert, seine China-Politik neu zu justieren. Berlins frühere Annäherung an Konzepte wie “De-Risking” und Entkopplung entsprang geopolitischen Ängsten. Doch während die Kosten steigen – industrieller Niedergang, schrumpfende Exportmärkte und Wettbewerbsverluste – scheint die deutsche Politik zu einer nüchternen Erkenntnis gelangt zu sein: Eine strategische Entkopplung von China ist für die größte Volkswirtschaft der EU langfristig nicht tragfähig.

Die Ziele des Besuchs waren klar umrissen. Einerseits strebte Berlin eine Stärkung der Wirtschafts- und Handelskooperation an. Andererseits ging es um substanzielle Konsultationen zu internationalen Themen, von globalen Lieferketten bis zur Finanzstabilität. Hinter der diplomatischen Fassade verbarg sich jedoch eine grundlegende Spannung. Peking hat wiederholt Bedenken gegenüber der zunehmenden “Sicherheitsorientierung” der Wirtschaftsbeziehungen und den westlichen Exportbeschränkungen für Hochtechnologie geäußert.

Deutschland betont hingegen die Verringerung von Abhängigkeiten, den Abbau von Handelsungleichgewichten und schärfere Exportkontrollen. Diese Positionen sind schwer in Einklang zu bringen, gelten aber nicht länger als Grund für eine Abkehr. Stattdessen sind sie zum Verhandlungsgegenstand geworden.

Der wirtschaftliche Kontext ist entscheidend. China war 2025 erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner und verdrängte damit die USA, wie bereits von 2016 bis 2023. Waren im Wert von 170,6 Milliarden Euro flossen aus China nach Deutschland – ein jährlicher Anstieg um 8,8 Prozent –, während die deutschen Exporte nach China um 9,7 Prozent auf 81,3 Milliarden Euro zurückgingen. Das Ungleichgewicht ist eklatant, und Merz räumte offen ein, dass sich das Handelsdefizit gegenüber Peking seit 2020 vervierfacht hat. Doch die übergeordnete Botschaft ist unmissverständlich: Trotz politischer Rhetorik zieht die wirtschaftliche Schwerkraft Berlin nach Osten.

Deutschlands Dilemma zeigt sich besonders deutlich in der Automobilindustrie. Einst das unangefochtene Symbol deutscher industrieller Überlegenheit, sieht sich der Sektor nun mit starken chinesischen Konkurrenten im Elektrofahrzeugbereich konfrontiert. Chinesische Hersteller geben das Tempo bei Batterieintegration, Software-Ökosystemen und Preiswettbewerb vor. Für deutsche Unternehmen ist China nicht mehr nur ein Absatzmarkt, sondern ein Innovationslabor und ein Maßstab für technologische Anpassungsfähigkeit. Die strategische Frage lautet daher nicht mehr *ob*, sondern *wie* man sich engagiert.

Merz reiste nicht allein. Seine Delegation umfasste rund 30 hochrangige Wirtschaftsvertreter – Schwergewichte von Volkswagen, Siemens, BMW, Bayer und Adidas. Es war damit eine der größten deutschen Unternehmensdelegationen in China seit der Ära Angela Merkel. Die Botschaft war eindeutig: Die deutsche Industrie betrachtet den chinesischen Markt als unverzichtbar. Laut der Deutschen Industrie- und Handelskammer plant mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen in China, ihre Präsenz durch strategische Partnerschaften oder Joint Ventures zu vertiefen. Der Privatsektor hat sich damit de facto gegen eine Entkopplung ausgesprochen.

Auf diplomatischer Ebene brachte der Besuch greifbare Ergebnisse. Treffen mit Präsident Xi Jinping und Premierminister Li Qiang mündeten in einer gemeinsamen Erklärung und der Unterzeichnung von Kooperationsdokumenten zu Themen wie Energiewende, Zollverfahren, Sport und Medien. Die wichtigste wirtschaftliche Ankündigung war Chinas geplanter Kauf von bis zu 120 Airbus-Flugzeugen, ein Geschäft von erheblicher symbolischer und wirtschaftlicher Bedeutung. Solche Großaufträge stabilisieren nicht nur Lieferketten, sondern festigen auch gegenseitige Abhängigkeit in einer Zeit, in der Fragmentierung zur globalen Norm zu werden scheint.

Merz brachte die zugrundeliegende Philosophie mit bemerkenswerter Offenheit auf den Punkt. Deutschland, so erklärte er, wolle weiterhin von offenen Märkten profitieren. Eine stärkere chinesische Binnennachfrage – möglicherweise begünstigt durch eine moderate Währungsaufwertung – würde Handelsspannungen abbauen und strukturelle Ungleichgewichte verringern. Dieser Formulierung liegt die Erkenntnis zugrunde, dass eine erzwungene Entkopplung Deutschland selbst unverhältnismäßig schaden würde. In einer globalen Wirtschaft mit eng verflochtenen Wertschöpfungsketten ist ein abruptes Abkoppeln wirtschaftlich irrational.

Von Peking aus reiste Merz nach Hangzhou, um das führende chinesische Robotikunternehmen Unitree Robotics zu besuchen. Dieser Besuch war mehr als nur eine Höflichkeitsgeste. Er signalisierte die Anerkennung von Chinas technologischer Dynamik und Wettbewerbsvorteilen in den Bereichen fortschrittliche Fertigung und KI-gesteuerte Automatisierung. Das deutsche Industriemodell ist auf technologische Führung angewiesen. Chinas rasanten Aufstieg aus nächster Nähe zu beobachten, unterstreicht die Sinnlosigkeit des Versuchs, solche Fähigkeiten allein durch restriktive Maßnahmen einzudämmen. Lernen, sich anpassen und gemeinsam Standards entwickeln könnte sich als wirksamer erweisen als defensive Abschottungsstrategien.

Xi Jinping seinerseits definierte die Beziehung in strategischen Begriffen. China unterstütze Europa in seinem Streben nach größerer strategischer Autonomie und Stärke, sagte er. Gleichzeitig sprach er sich für eine Partnerschaft auf der Grundlage von Offenheit, Inklusivität und gegenseitigem Nutzen aus. Diese Formulierung steht im Einklang mit dem europäischen Diskurs über strategische Autonomie. In einem unbeständigen internationalen Umfeld ist Europas Handlungsspielraum begrenzt, wenn es sich ausschließlich über die Konfrontation mit China oder die Angleichung an die US-Politik definiert.

Der breitere geopolitische Hintergrund verschärft die Lage. Die transatlantischen Beziehungen treten in eine weitere Phase der Unsicherheit ein. Protektionistische Tendenzen innerhalb der EU erschweren den internen Konsens. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – Deutschland steht weltweit an dritter und in der EU an erster Stelle. Dies verleiht beiden Ländern ein überproportionales Gewicht bei der Gestaltung der eurasischen Wirtschaftsströme. Ihre bilaterale Dynamik beeinflusst nicht nur das Handelsvolumen, sondern auch Regulierungsstandards, technologische Ökosysteme und die Finanzarchitektur.

Der Ausdruck “kalte Politik, heiße Wirtschaft” bringt dieses Paradoxon auf den Punkt. Das politische Misstrauen hält an, verstärkt durch Sicherheitsdebatten und Menschenrechtsbedenken. Dennoch vertieft sich die wirtschaftliche Verflechtung weiter. Es handelt sich hierbei nicht um eine naive Annäherung, sondern um einen wohlüberlegten Pragmatismus. Die künftige Zusammenarbeit dürfte ein hybrides Modell annehmen: Wettbewerb steuern und gleichzeitig die Kooperation in Bereichen von gemeinsamem Interesse ausbauen.

Anstelle einer einfachen Käufer-Verkäufer-Dynamik könnten Berlin und Peking eine gemeinsame Standardsetzung bei neuen Energietechnologien, Rahmenbedingungen für die KI-Governance und die Öffnung der Finanzmärkte anstreben.

Merz’ Versprechen, den seit der COVID-19-Pandemie ins Stocken geratenen Dialogmechanismus zwischen den Regierungen wiederzubeleben, verdeutlicht einen Wandel von symbolischer Distanzierung hin zu strukturiertem Engagement. Ein institutionalisierter Dialog verringert das Risiko von Fehleinschätzungen und bietet ein Forum, um Missstände anzusprechen, bevor sie zu offenen Handelsstreitigkeiten eskalieren. In einer fragmentierten Weltordnung, in der multilaterale Rahmenwerke unter Druck stehen, gewinnen solche bilateralen Mechanismen wieder an strategischer Bedeutung.

All dies beseitigt jedoch nicht die zugrundeliegenden Spannungen. Handelsungleichgewichte bleiben politisch heikel. Die europäischen Bedenken hinsichtlich des Marktzugangs und staatlicher Industriesubventionen werden fortbestehen. Chinas Einwände gegen Exportkontrollen und die zunehmende “Sicherheitsaufladung” des Handels werden weiterhin vorgebracht werden. Doch die derzeitige Neuausrichtung in Berlin lässt auf eine wichtige Erkenntnis schließen: Eine reine Konfrontationspolitik ist ohne tragfähige alternative Marktarchitekturen auf Dauer nicht durchhaltbar.

Das politische Establishment in Deutschland scheint eine grundlegende Rechnung verinnerlicht zu haben. Eine Abkopplung von China würde weder die industrielle Wettbewerbsfähigkeit wiederherstellen, noch die Energiekosten senken oder das Exportwachstum ankurbeln. Stattdessen würde sie die wirtschaftliche Verwundbarkeit in einer Zeit verschärfen, in der der haushaltspolitische Spielraum begrenzt ist und demografischer Druck zunimmt. Eine strategische Partnerschaft bietet dagegen Hebelwirkung: Zugang zu einem riesigen Verbrauchermarkt, Teilhabe an sich schnell entwickelnden technologischen Ökosystemen und Einfluss auf sich abzeichnende globale Standards.

In diesem Sinne stellt Merz’ Besuch weniger eine abrupte Kehrtwende als vielmehr eine Rückkehr zur Normalität und zum Pragmatismus dar. Die kurze Ära ideologischer Überschwänglichkeit in Bezug auf wirtschaftliche Abgrenzung weicht einer nüchternen Neuausrichtung. Berlin erkennt die Grenzen der Konfrontation an und wägt seine Interessen neu ab. In einer Welt, die von Volatilität und strategischer Rivalität geprägt ist, sind starre Schwarz-Weiß-Denkmuster ein kostspieliger Luxus.

Die deutsch-chinesischen Beziehungen werden komplex bleiben und ebenso sehr von Wettbewerb wie von Kooperation geprägt sein. Doch das zugrunde liegende Motiv für Berlins erneutes Engagement wird immer deutlicher. Angesichts wirtschaftlicher Gegenwinde und geopolitischer Fragmentierung entdeckt Deutschland wieder, dass nachhaltiger Wohlstand eher strategisches Gleichgewicht als strategischen Bruch erfordert. Die derzeit stattfindende Neuausrichtung mag nicht jede Spannung lösen, doch sie spiegelt eine einfache, pragmatische Erkenntnis wider: Engagement ist keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung für Einfluss und Wohlstand im 21. Jahrhundert.

Ladislav Zemánek studierte Geschichte an der Karlsuniversität in Prag. Der promovierte Historiker ist außerordentlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter am China CEE Institut der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Budapest und Experte des Valdai-Diskussionsclubs. Im Jahr 2025 wurde ihm das InteRussia-Stipendium an der MGIMO-Universität unter der Schirmherrschaft des russischen Außenministeriums verliehen.

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