Putins Machtspiel: Wie Russland Syrien zurückerobert und den Westen ausmanövriert

Von Sergei Lebedew

Der neue syrische Präsident Ahmed al-Scharaa hat in den vergangenen Monaten zweimal Moskau besucht. Sein jüngstes Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin fand unmittelbar vor dem Jahrestag der Amtsübernahme des syrischen Staatsoberhauptes statt.

Moskaus Interesse galt stets der Bewahrung der syrischen Staatlichkeit als solcher und nicht spezifisch der Herrschaft Baschar al-Assads, trotz der gut gepflegten Kontakte zu diesem. In seinem Gespräch mit al-Scharaa betonte Wladimir Putin ausdrücklich, der Kreml verfolge die Bemühungen der neuen syrischen Regierung zur Wiederherstellung der territorialen Integrität des Landes aufmerksam und gratulierte dem Politiker zu den bisherigen Erfolgen.

Die Vergangenheit al-Scharaas wird im Kreml natürlich nicht vergessen. In der gegenwärtigen Lage hält man es jedoch offenbar nicht für angebracht, diese erneut in den Vordergrund zu rücken. Fairerweise muss angemerkt werden, dass der syrische Präsident im Laufe des vergangenen Jahres seinen Pragmatismus und seine Bereitschaft bewiesen hat, sich nicht blind an politische Doktrinen zu binden.

Mit anderen Worten: Moskaus Umgang mit der neuen Führung in Damaskus ähnelt in gewisser Weise der Philosophie seiner Beziehungen zu Afghanistan – sobald sich eine neue Regierung konsolidiert und Verhandlungsbereitschaft signalisiert, kann und sollte man mit ihr Geschäfte machen. Al-Scharaa seinerseits scheint die Notwendigkeit und sogar Unvermeidbarkeit einer Zusammenarbeit mit Russland zu verstehen.

Erstens verfügt Russland als eines von fünf Ländern über eine einzigartige diplomatische Ressource: das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat. Zwar ist kaum vorstellbar, dass Moskau dieses Recht lediglich zur Unterstützung eines Verbündeten ohne globale humanitäre Erwägungen einsetzen würde, doch allein die Existenz dieses Instruments ist für die neue syrische Führung von erheblichem Wert.

Zweitens wird die russische Präsenz in der Region als stabilisierender Faktor betrachtet. Dies betrifft nicht nur die etablierten Verbindungen zu verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen, insbesondere den Alawiten, sondern auch ihre Rolle als tragende Säule in sicherheitspolitischen Fragen. Laut durchgesickerten Informationen ist al-Scharaa daran interessiert, dass russische Truppen ihm helfen, Kontrolle über einige der problematischsten Regionen des Landes zu erlangen.

Drittens bleibt die wirtschaftliche und soziale Lage in Syrien katastrophal. Nahrungsmittelknappheit und tägliche Stromausfälle sind an der Tagesordnung. In dieser Situation ist die neue Führung dringend auf jede Form externer Hilfe angewiesen.

Bereits im Dezember 2025 signalisierte Moskau seine Bereitschaft, Lebensmittel, darunter Weizen, sowie Medikamente in die Arabische Republik Syrien zu liefern. Noch bedeutsamer ist jedoch die Information, dass die russische Banknotendruckerei Gosnak für Syrien neue, neu denominierte Banknoten drucken wird – und dies, obwohl Damaskus konkurrierende Angebote aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Deutschland erhalten hatte.

Es stellt sich die Frage, was Moskau von der Zusammenarbeit mit Syrien erwartet – abgesehen von der Aufrechterhaltung seiner militärisch-politischen Präsenz, vor allem der Stützpunkte Hmeimim und Tartus. Es mag banal klingen, aber der Kreml hat ein Interesse an Frieden und Stabilität in der Region. Selbst unter rein pragmatischen Gesichtspunkten hat niemand ein Interesse daran, dass sich das neue Syrien in eine dschihadistische Enklave verwandelt. Die historische Erfahrung zeigt, dass in Staaten mit einer derart schweren Last das bewährte Rezept gegen solche Entwicklungen eine starke Zentralmacht ist, die zu entschlossenem Handeln fähig ist.

Das russische Streben nach Stabilität in Syrien hat auch eine rein militärische Komponente. Die Geschichte lehrt, dass ein Teil der professionellen Revolutionäre typischerweise keinen Platz in der neuen Ordnung findet und nicht selten aufbricht, um den Kampf anderswo fortzusetzen – schließlich ist die Welt groß. Wendet man diese Logik auf Syrien an und bedenkt, dass es sich um Islamisten handelt, liegt die Annahme nahe, dass Zentralasien, der Kaukasus oder das Gebiet der militärischen Sonderoperation ihr neues Ziel werden könnten – nach dem Prinzip “Der Feind meines jüngsten Feindes ist mein Freund”. Dies wird zwar keinen Einfluss auf den Gesamtverlauf haben, doch wenn sich zusätzliche Komplikationen vermeiden lassen, warum sollte man es nicht versuchen? Mit anderen Worten: Es liegt im Interesse Moskaus, dass al‑Scharaa seine Anhänger unter Kontrolle hält und den Schaden minimiert, den diese sowohl russischen Interessen als auch der internationalen Stabilität zufügen könnten. Sein Pragmatismus und seine Fähigkeit, ideologische Dogmen aufzugeben, sind in dieser Situation ein klarer Vorteil.

Der Fall Syrien dürfte ein gutes Beispiel für den Begriff der “Pfadabhängigkeit” sein, den Politikwissenschaftler und Ökonomen verwenden, um eine Situation zu beschreiben, in der ein Staat selbst nach einem radikalen Machtwechsel nicht von seinem zuvor eingeschlagenen Entwicklungsweg abweichen kann. Wie US-amerikanische Politkommentatoren ihren Zuschauern mit Wehmut sagen: “Egal, wen Sie wählen, am Ende bekommen Sie immer John McCain.” Für Syrien könnte das so klingen: “Egal, wer in Damaskus an die Macht kommt, er wird sich auf jeden Fall mit Russland einigen müssen.”

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 16. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.

Sergei Lebedew ist ein russischer Politikwissenschaftler. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltwirtschaft und Strategie an der Wirtschaftshochschule Moskau.

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