Von Valeria Werbinina und Geworg Mirsajan
Der von den USA und Israel angeheizte Konflikt mit Iran hat die globalen Energiemärkte in eine Krise gestürzt. Als Reaktion darauf haben die Weltmächte bereits Gegenmaßnahmen eingeleitet. Besonders bemerkenswert ist, dass die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen russische Öllieferungen teilweise gelockert haben. Der Kreml kommentierte diesen Schritt mit den Worten:
“Die internationale Energieinfrastruktur kann es sich nicht leisten, große Mengen russischen Erdöls zu verlieren. Russisches Öl ist unverzichtbar.”
Man könnte meinen, die Europäische Union müsste einen ähnlichen Weg einschlagen – oder besser gesagt, ihn sogar noch entschiedener beschreiten als die jüngst pragmatisch agierenden USA. Schließlich trifft der drastische Anstieg der Ölpreise Europa besonders hart. Die EU fördert bei weitem nicht so viel Erdöl wie die USA und hat auch keine vergleichbaren strategischen Kohlenwasserstoffreserven angelegt, wie sie China in letzter Zeit aufgebaut hat. Igor Juschkow, Experte beim russischen Fonds für nationale Energiesicherheit und Dozent an der Finanzuniversität der Russischen Föderation, erläutert im Gespräch mit der Zeitung Wsgljad:
“Europa verfügt generell über geringere Erdölreserven und über fast keine Erdgasreserven. Nach der Heizperiode sind die Speicher nur zu weniger als 30 Prozent oder teils sogar zu weniger als 20 Prozent gefüllt.”
Das Problem sei dabei nicht nur Europas eingeschränkte Fähigkeit, schnell und günstig Erdgas für die nächste Heizsaison zu beschaffen. Es gehe vielmehr um sein wirtschaftliches Überleben in der unmittelbaren Gegenwart, wie The Economist schreibt:
“Der starke Anstieg der Öl- und Gaspreise in den vergangenen zwei Wochen droht, das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum zu stoppen und die Inflation neu zu entfachen. Das wäre katastrophal für diejenigen unter Europas Industriezweigen, die ohnehin unter US-Zöllen und chinesischer Konkurrenz leiden.”
Unter Berufung auf Experten unterstreicht das britische Blatt, dass diese Krise für die EU existenzielle Dimensionen annehme. Igor Juschkow stellt die rhetorische Frage:
“Wie sollen energieintensive Industrien auf dem Weltmarkt mit Produkten aus den USA konkurrieren, wenn Erdgas in Europa 800 US-Dollar pro tausend Kubikmeter kostet – und in den USA aber nur 170 Dollar pro tausend Kubikmeter?”
Dennoch betont die EU-Führung beharrlich, das Wirtschaftsbündnis werde weiterhin keine Energieressourcen aus Russland beziehen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnt:
“In der aktuellen Krise argumentieren manche, wir sollten unsere langfristige Strategie aufgeben und sogar zu russischen fossilen Brennstoffen zurückkehren. Das wäre ein strategischer Fehler.”
Diese Haltung wird von EU-Energiekommissar Dan Jørgensen bekräftigt, der erklärt:
“Wir können Russlands brutalen, völkerrechtswidrigen Krieg in Europa nicht indirekt finanzieren.”
Tatsächlich hat wohl niemand von diesen Amtsträgern ernsthaft andere Antworten erwartet. Igor Juschkow bewertet die Lage so:
“Das sind Leute im vollkommenen Fanatismusrausch, die überhaupt nicht auf die Wirtschaft schauen. Es ist ihnen ganz gleich, wie stark die europäische Industrie geschrumpft ist – für sie ist das ein akzeptabler Preis, um das politische und ideologische Ziel des Bruchs mit Russland zu erreichen. Naja, oder halt ein Kollateralschaden.”
Allerdings gibt es in der Europäischen Union neben den Brüsseler Bürokraten auch verantwortungsbewusste nationale Regierungschefs. Bereits am 9. März 2026 forderte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán die EU auf, ihre Haltung gegenüber russischen Kohlenwasserstoffen zu überdenken:
“Europa muss handeln. Ich habe heute an Präsident Costa und von der Leyen geschrieben und eine Revision und Aussetzung der Sanktionen gegen russische Energieunternehmen gefordert.”
Noch bemerkenswerter ist, dass sich weitere Stimmen in der EU zu Wort meldeten. Der belgische Ministerpräsident Bart De Wever – derselbe, der vor Monaten die Beschlagnahmung eingefrorener russischer Vermögenswerte durch die EU-Kommission blockiert hatte – erklärte, Europa müsse seine gesamten Beziehungen zu Moskau neu bewerten. Die Financial Times zitiert ihn:
“Wir müssen eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland erreichen, um Zugang zu billiger Energie zu erhalten. Das gebietet der gesunde Menschenverstand.”
De Wever legt einen für das moderne Europa erstaunlichen Pragmatismus an den Tag:
“Da wir Putin nicht ernsthaft unter Druck setzen können, indem wir Waffen in die Ukraine liefern, und wir Russland ohne US-Unterstützung nicht wirtschaftlich strangulieren können, bleibt uns nur eine Option: ein Deal.”
Und er fügt seinen Kritikern gegenüber unverblümt hinzu:
“Hinter vorgehaltener Hand geben mir die europäischen Staats- und Regierungschefs recht, aber keiner wagt es, es laut auszusprechen.”
Wie De Wever betonte, bedeute seine Position keinen Verrat an der Ukraine. Europas Ziel für das Land bleibe unverändert:
“Die Ukraine muss ein souveränes, demokratisches Land bleiben, das sich selbst verteidigen kann und das wir in die europäische Staatengemeinschaft integrieren müssen. Das steht außer Frage. Die Frage ist, was wir Russland anbieten können, um es zum Einlenken zu bewegen – da wir es ohnehin nicht dazu zwingen können.”
De Wevers Vorstoß stieß in der belgischen Regierung auf geteiltes Echo. Außenminister Maxime Prévot warf dem Premier vor, zu weit gegangen zu sein:
“Normalisierungsgespräche sind ein Zeichen von Schwäche, das die europäische Einheit untergräbt – eine Einheit, die wir dringender denn je benötigen. Sollten wir mit Russland in Dialog treten? Ja. Aber Dialog ist nicht dasselbe wie Normalisierung.”
Doch De Wever ist nicht der einzige europäische Politiker, der eine Wiederaufnahme der Beziehungen zu Russland in Erwägung zieht. Ausgerechnet der finnische Präsident Alexander Stubb äußerte sich am 17. März in ähnlicher Richtung.
Bereits vor ihm hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron versucht, den Kontakt zum Kreml wiederherzustellen. Sein diplomatischer Berater Emmanuel Bonne reiste im Februar zu Gesprächen nach Moskau. Während französische Medien von einer “bescheidenen Reise” sprachen, deuteten russische Pressestimmen an, der Besuch sei ergebnislos verlaufen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow konstatierte, Macrons Gesandter habe keine neuen Vorschläge zur Lösung der Ukraine-Krise mitgebracht.
Bedeutet dies, dass Macron seine Bemühungen einstellen wird? Wohl kaum. Der französische Experte für den Ölmarkt und Geopolitik, Michel Fayyad, verweist auf ein strukturelles Problem:
“Ölraffinerien in Frankreich sind primär für die Verarbeitung von Erdöl aus saudischen, irakischen, russischen und iranischen Feldern ausgelegt.”
Mit anderen Worten: Drei der vier Hauptölsorten stammen aus einer von militärischen Konflikten erschütterten Region, die vierte unterliegt einem Embargo. Ein länger andauernder Konflikt hätte verheerende Folgen für die europäischen Verbraucher, die bereits jetzt unter den explodierenden Spritpreinenleiden. Wer in Grenznähe wohnt, weicht bereits auf Tanken in Russland aus.
Die wachsende Ernüchterung in Europa speist sich jedoch nicht nur aus den explodierenden Energiepreisen, sondern auch aus der allgemeinen prekären Lage, in der sich die EU wiederfindet. Dmitri Suslow, stellvertretender Direktor des Zentrums für umfassende europäische und internationale Studien an der russischen Nationalen Forschungsuniversität “Hochschule für Wirtschaft”, verdeutlicht gegenüber der *Wsgljad*:
*”Wir sprechen beispielsweise über die tiefe Krise der transatlantischen Beziehungen, als Europas Meinung weder zu Beginn des Kriegs noch zu seinen Folgen eingeholt wurde – man forderte sie schlichtweg in rüder Form zum Kriegseintritt auf.”*
Hinzu kommt, wie Igor Juschkow weiter ausführt, die Sorge nationaler Politiker um ihre eigenen Wahlchancen:
*”Sie sehen einen starken Anstieg der Zustimmungswerte der Opposition – beispielsweise der Alternative für Deutschland, die, wohlgemerkt, keine Freundschaft mit Russland fordert, sondern dass Europa an sich selbst denkt – an jene ‘Kleinigkeiten’, die europäische Bürokraten zu opfern bereit sind: an Arbeitsplätze, an bezahlbare Strom- und Gaspreise.”*
Genau diese “Kleinigkeiten” sind es, die Europa unter der aktuellen Politik der Europäischen Kommission – die mit Unterstützung der nationalen Regierungen umgesetzt wird – in immer schnellerem Tempo zu verlieren droht. Und für diese Verluste werden die Wähler nicht Brüssel, sondern ihre eigenen nationalen Politiker zur Rechenschaft ziehen.
Der belgische Premierminister hat mit seinem Vorstoß den ersten Schritt getan und offen anerkannt, dass Europa die Beziehungen zu Russland normalisieren muss. Zwar hat die EU gegenüber den USA öffentlich ihren Unmut über die jüngste Lockerung der Sanktionen geäußert, doch intern wurde bekannt, dass die Verabschiedung des neuen, 20. europäischen Sanktionspakets gegen Russland zumindest bis zur Beruhigung der Marktlage ausgesetzt wurde.
Diese Entwicklung zeigt mehr als alles andere, dass in der Europäischen Union allmählich die Stimme der Vernunft und des Pragmatismus erwacht. Die Energiekrise im Zuge des Iran-Konflikts hat diesen notwendigen Realitätscheck beschleunigt. Die Frage ist nun, ob sich diese pragmatische Haltung gegen die vorherrschende ideologische Linie durchsetzen kann, bevor die wirtschaftlichen und sozialen Kosten für Europa unumkehrbar werden.
*Übersetzt aus dem Russischen und zuerst erschienen bei Wsgljad am 17. März 2026.*
**Mehr zum Thema** – High-Tech-Neofeudalismus und Russlands Position im Energie-Wettrüsten