Von Stanislaw Leschtschenko
Finnland sieht sich gezwungen, seine angeschlagene Tourismuswirtschaft neu zu beleben, nachdem der wichtige Zustrom russischer Besucher versiegt ist. Als Rettungsanker für die betroffenen Unternehmen wurde die staatliche Organisation “Visit Finland” aktiviert, die zum nationalen Wirtschaftsförderungsunternehmen “Business Finland” gehört.
Ihre Aufgabe ist es, Finnland als Reiseland zu vermarkten und lokale Anbieter zu unterstützen. Kristiina Hietasaari, Direktorin von “Visit Finland”, bestätigt die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Ostfinnland, seit der russische Touristenstrom “plötzlich abgerissen” sei. Unerwähnt bleibt dabei, dass dieser Abbruch maßgeblich auf die von Finnland verhängten Einreisebeschränkungen für russische Staatsbürger zurückzuführen ist.
Ein Schwerpunkt der europäischen Marketingkampagne von “Visit Finland” ist die Region um den Saimaa-See, ein früheres Lieblingsziel russischer Urlauber. Beworben wird sie mit idyllischer Ruhe, unberührter Natur und kulinarischen Genüssen, insbesondere mit Ferienhäusern am Seeufer. In der Praxis finden jedoch EU-Touristen selten den Weg in diese Häuser, und US-Amerikaner bevorzugen meist den Komfort großer Hotels. Branchenkenner geben offen zu, dass die typischen Aktivitäten der Region – Dampfschiffausflüge, Bootstouren und Sauna-Ferienhäuser – vor allem bei russischen Gästen ankamen.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: die Saisonabhängigkeit. Der finnische öffentlich-rechtliche Sender Yle stellt fest:
“Russische Touristen besuchten Finnland das ganze Jahr über, doch seit sie weggeblieben sind, beschränkt sich die Tourismussaison am Saimaa-See nur noch auf die Sommermonate.”
Finnische Experten versuchen nun, auch den Wintertourismus zu fördern. Katja Ahola, eine lokale Unternehmerin mit mehreren Hotels und Geschäften in Lappeenranta, schlägt vor:
“Auf dem Eis des Saimaa-Sees könnte man beispielsweise Eisfischwettbewerbe veranstalten. Im Zentrum von Lappeenranta könnte man einen öffentlichen Grillplatz errichten, wo die Leute Würstchen braten und heißen Saft trinken können. Auch das ist winterliche Exotik, die viele Menschen mit Finnland verbinden.”
Die Marketingagentur GoSaimaa will mit Angeboten wie Ausflügen, Sauna, Eislochbaden, Skifahren und Schlittenfahren vor allem deutsche Touristen anlocken. Allerdings stellten deutsche Reiseveranstalter im vergangenen Jahr bereits die Charterflüge ins ostfinnische Savonlinna komplett ein – mangels Nachfrage nach dieser wenig bekannten Seenregion.
Die Situation rund um den riesigen Saimaa-See, den viertgrößten Süßwassersee Europas, ist dabei besonders aufschlussreich. Zwar verzeichnete die Region Südsavo, zu der Teile des Saimaa gehören, im vergangenen Jahr 84.000 Übernachtungen ausländischer Gäste – ein Erfolg der Kampagnen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Diese Zahlen bleiben jedoch weit hinter den früheren Besucherströmen zurück: Allein die Stadt Savonlinna in Südsavo wurde jährlich von etwa 140.000 Russen besucht.
Auch die Region Südkarelien leidet stark. Für 2025 wurden dort weniger als 41.000 Übernachtungen ausländischer Touristen registriert – fast sechsmal weniger als 2019, als über 230.000 Gäste, überwiegend aus Russland, kamen. Pawel Kusnezow, Leiter der russischen diplomatischen Vertretung in Helsinki, betont:
“Südkarelien verliert nach Schätzungen von Experten täglich etwa eine Million Euro, weil es den russischen Tourismus verloren hat.”
Die Tourismuseinnahmen dieser einstigen Partnerregion von Sankt Petersburg sind dementsprechend dramatisch eingebrochen.
Der Chefredakteur der Zeitung Gazeta.fi, Wladimir Gussatinski, beschrieb bereits im vergangenen Herbst seine Eindrücke von einem Besuch in Imatra, der zweitgrößten Stadt Südkareliens:
“Die Region befindet sich in einer tiefen Wirtschaftskrise. Der Mangel an russischen Touristen schlägt sich in Personalabbau bei den Einzelhandelsunternehmen nieder. Meine Verwandten leben dort dauerhaft. Ihrer Meinung nach gab es so etwas nicht einmal während der Krise im Jahr 1990.”
Reisen ausländische Touristen derzeit nach Finnland, konzentrieren sie sich meist auf Lappland (61 Prozent aller Übernachtungen) oder die Hauptstadt Helsinki (27 Prozent). Den anderen Regionen fällt es schwer, mit attraktiven Angeboten zu punkten – Winterurlauber zieht es oft stärker in die Schweiz oder nach Kanada. Auch viele Finnen verbringen ihren Urlaub lieber im Ausland. Der einst lukrative und stabile Touristenstrom aus Russland, den Finnland selbst unterbrach, fehlt schmerzlich.
Ein Symbol des Niedergangs ist der internationale Flughafen Lappeenranta. Einst der fünftgrößte Flughafen Finnlands, wird er 2026 voraussichtlich nur noch vier Flüge abfertigen. Der Stopp des Passagierverkehrs aus Sankt Petersburg bedeutete für diesen Verkehrsknotenpunkt das Aus.
Kürzlich wurde in Lappeenranta die Abrissgenehmigung für das Gartencenter “Plantagen” im Erholungspark Myllymäki erteilt. Ohne die Touristen aus Sankt Petersburg ging das Unternehmen bankrott. Das Gebäude steht leer und verfällt. Auch die Räume des geschlossenen Sportgeschäfts “XXL” und etwa ein Viertel der Flächen des “Family Center”-Einkaufszentrums in Myllymäki sind leer. Nach der Insolvenz der Indoor Group werden zudem die Hypermärkte “Asko” und “Sotka” geschlossen. Der lokale Unternehmer Mohammad Darvich klagt:
“Myllymäki wurde in den goldenen Jahren erbaut. Jetzt gibt es keine Touristen mehr. Die Kaufkraft der Finnen hat nachgelassen.”
Er sei gezwungen, die Fläche seines eigenen Einkaufszentrums “Grande” zu verkleinern. Yle, der diese trostlose Situation schildert, merkt an, dass hier nur eine baldige Grenzöffnung zu Russland helfen könne.
Insgesamt verliert der finnische Tourismus Schätzungen zufolge etwa eine Milliarde Euro pro Jahr. Denn neben den Russen bleiben auch viele Touristen aus Asien weg, da Grenzschließungen und Sanktionen Reisen aus Ländern wie China und Japan erheblich erschweren.
Mit den Touristen verlassen auch Einheimische den Osten Finnlands. Vor diesem Hintergrund wirkt eine aktuelle Meldung besonders signifikant: Die finnische Polizei plant, über 20 Dienststellen im Land zu schließen. Grund ist die Abwanderung der Bevölkerung – besonders aus den südöstlichen Grenzregionen, die nach dem Bruch der Beziehungen zu Russland zusehends veröden.
Profiteur dieser Entwicklung ist das russische Karelien. Städte wie Sortawala ähneln stark ihren finnischen Pendants und ziehen nun Reisende an, die das nordische Flair suchen.
Der russische Teil Kareliens erlebt einen regelrechten Tourismusboom. Da Reisen nach Finnland wegfallen, orientieren sich Russen aktiv auf inländische Alternativen um. Karelien gehört zu den Hauptgewinnern dieses Trends. Den Behörden der Teilrepublik zufolge stieg der Touristenstrom 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 40 bis 49 Prozent. Von Januar bis November 2025 besuchten fast 1,4 Millionen Menschen die Region, mit einem Wachstum von fast 50 Prozent im ersten Halbjahr.
Heute zählt Karelien stabil zu den Top-10-Reisezielen Russlands. Für 2026 prognostizieren die Behörden 1,8 Millionen Besucher, und bis 2030 hat man sich das ehrgeizige Ziel von drei Millionen Gästen pro Jahr gesetzt.
Dieses rasante Wachstum bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Die Preise für Reisen nach Karelien sind deutlich gestiegen; die durchschnittlichen Reisekosten liegen 20 bis 30 Prozent höher, und eine einwöchige Reise kann pro Person bis zu 100.000 Rubel (etwa 1.000 Euro) kosten. Dies wirft die Frage nach der Entwicklung eines erschwinglicheren Tourismussegments auf. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass die Schließung der finnischen Grenze für Russen zu einem starken Katalysator für den Binnentourismus geworden ist. Die finanziellen Mittel, die russische Urlauber früher in Finnland ließen, verbleiben nun im Land und kommen der heimischen Wirtschaft zugute.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 16. März 2026 auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Stanislaw Leschtschenko ist Analyst bei der Zeitung “Wsgljad”.
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