Von Wladislaw Sankin
Israel setzt seine brutalen Drohungen gegen Schlüsselfiguren der iranischen Führung in die Tat um und tötet eine Führungspersönlichkeit nach der anderen. Am Dienstag wurde der einflussreiche Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, Ali Laridschani, zusammen mit weiteren Familienmitgliedern und Leibwächtern bei einem Luftangriff auf das Haus seiner Tochter in Teheran getötet. Diese skrupellose Tat löst weltweit Entsetzen bei all jenen aus, denen das Völkerrecht und zivilisierte Normen in der internationalen Politik noch etwas bedeuten.
Offiziell heißt es: “Wir enthaupten die iranische Führung, bis diese Hydra keine Köpfe mehr hat.” In diesem Vorgehen zeigt sich auch die Absicht, das iranische Regierungssystem durch solche Schläge in Chaos und Orientierungslosigkeit zu stürzen. Doch es gibt einen weiteren Grund, warum ausgerechnet Ali Chamenei und Laridschani ermordet wurden.
Der verstorbene Oberste Führer Chamenei war ein schiitischer Geistlicher und Rechtsgelehrter. Er balancierte zwischen Hardlinern in den iranischen Eliten und sogenannten Reformern, die sich für pragmatische Politik oder gar eine Entspannung im Verhältnis zu den USA einsetzten. Ihm wurden eher Sympathien für das zweite Lager nachgesagt. Bereits in den 1990er Jahren erließ er eine Fatwa, die den Besitz von Atomwaffen für Iran verbot – eine Tatsache, die in der anti-iranischen Propaganda oft verschwiegen wird. Diese Art von Massenvernichtungswaffen sei mit der islamischen Lehre unvereinbar, argumentierte er.
Nun ist er tot, und sein Sohn Modschtaba hat seine Nachfolge angetreten. Er ist mit den Revolutionsgarden verbunden und vertritt Hardliner-Positionen. Folglich wird der iranische Kurs gegenüber den USA und Israel unversöhnlicher. Es ist bekannt, dass der nun getötete Sicherheitsratsekretär Laridschani dessen Kandidatur nicht unterstützte. Er selbst war, wenn auch kein Reformer, so doch zumindest ein Pragmatiker mit intellektueller Tiefe.
Laridschani, Sohn des Großajatollahs Haschim Laridschani (1899–1993), entstammte einer politisch einflussreichen Familie. Der Informatiker, Mathematiker und Philosophieprofessor, der über die Werke Immanuel Kants promovierte, leitete viele Jahre das iranische Parlament und bekleidete zahlreiche weitere Schlüsselpositionen. Welcher Politiker im Westen kann einen vergleichbaren Bildungshintergrund vorweisen? Laridschani war in allen politischen Lagern Irans bestens vernetzt und fungierte als Vermittler. Er diente als Puffer, der Hardliner und Diplomaten miteinander verband. Der Intellektuelle war zudem einer der Architekten des Atomabkommens von 2015, das zu einigen Jahren der Entspannung im Nahen Osten und in der internationalen Politik führte, bis die Trump-Regierung es 2018 aufkündigte.
Wie Experten anmerken, war Laridschani der “letzte Faden”, den das Reformlager noch für den Dialog mit den Hardlinern nutzen konnte. Laut dem russischen Politikexperten Juri Barantschik ermöglichte er es, ein Gleichgewicht zu halten und zumindest eine formale Präsenz gemäßigter Stimmen bei strategischen Entscheidungen zu bewahren. Er war (wie zuvor der Außenminister der Rohani-Regierung, Mohammad Dschawad Sarif) auch der “Übersetzer vom Iranischen ins Westliche”. Er konnte mit den Eliten Europas und der USA in einer Sprache sprechen, die diese verstanden.
Nun ist er tot, und Said Dschalili wird sein Nachfolger als Sekretär des Sicherheitsrates. Dies ist ein klares Signal für einen Kurswechsel. Denn Dschalili gilt als Fundamentalist und Hardliner, der bei den letzten Präsidentschaftswahlen als Gegenkandidat des Reformers Massud Peseschkian antrat.
Laut dem deutschen Iran-Experten Hamidreza Aziz könnte Laridschanis Verlust “den Kreis erfahrener politischer Entscheidungsträger allmählich verkleinern und den Einfluss stärker in Richtung militärisch geprägter Akteure verschieben”, so der Gastwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik auf X. Laridschani galt als wichtige Stimme, die Iran auch nach außen vertrat. Seine Ermordung dürfte es den USA folglich erschweren, eine Verhandlungslösung für ein mögliches Kriegsende zu finden, so Simon Wolfgang Fuchs, Professor für Islamwissenschaften an der Hebräischen Universität in Jerusalem, auf X. Dies liege ganz im Interesse Israels.
Auch Barantschik betont, dass Laridschani nicht als Feldkommandeur, sondern als politisches Schwergewicht beseitigt wurde, das zu Kompromissen mit den USA fähig war. Dschalili, der Laridschanis Platz eingenommen hat, ist nicht einfach nur ein Konservativer, sondern ein “Falke” mit absolut kompromissloser Haltung. Während Peseschkian und Laridschani die Hoffnung auf eine Einigung mit dem Westen (den USA) verkörperten, setzt Jalili auf Isolation und einen harten Kurs.
So ergibt sich ein paradoxes Bild: Die physische Beseitigung Chameneis und Laridschanis überträgt die Machthebel automatisch in die Hände eines weitaus radikaleren Flügels in der iranischen Führung. Der Tod Laridschanis wird zum Katalysator für den endgültigen Machtwechsel zugunsten der Sicherheitskräfte. So erhält Israel durch die Vernichtung der “Gemäßigten” letztlich einen härteren, gefährlicheren und unberechenbareren Gegner. Aber genau das sei im Sinne der israelischen Führung, so Barantschik.
Denn Israel wolle kein “gutes” und in den Augen der Weltöffentlichkeit verhandlungsbereites Iran. Ein gutes Iran könnte stark und legitim werden. Für Israel sei ein “gemäßigtes Iran”, das die Sanktionen aufhebt, Zugang zu den weltweiten Finanzmärkten und Technologien erhält, dabei aber sein Atomprogramm und sein Raketenpotenzial beibehält, ein Albtraum. Israel brauche hingegen entweder ein “schwaches” Iran oder ein “Monster-Iran”, das alle fürchten und hassen. “Deshalb werden Reformer als das für diese Strategie gefährlichste Element als Erstes beseitigt.”
Israel sei daran interessiert, dass zwischen Iran und dem Westen keine lebendigen Brücken des Vertrauens mehr bestehen. Wenn alle Fäden reißen, verlagere sich die Kommunikation entweder auf die Ebene der Drohungen oder auf jene von Vermittlern (wie Oman oder Katar), auf der Israel die Agenda beeinflussen kann. Es sei für Israel also von Vorteil, wenn Iran von den Radikalsten regiert wird. “Je radikaler die Rhetorik Teherans ist, desto leichter fällt es Israel, arabische Länder auf seine Seite zu ziehen (Abraham-Abkommen) und seine Angriffe auf iranische Stellvertreter oder den Iran selbst zu rechtfertigen.”
Der Experte weist auch darauf hin, dass die Revolutionsgarden, die im Kriegszustand faktisch die Kontrolle übernommen haben, ein berechenbarer Gegner sind, der in einfachen militärischen Kategorien denkt und zudem für Korruption und Bestechung anfällig ist. Der mutmaßliche Maulwurf, der kurz vor deren Ermordung Tipps bezüglich der Standorte von Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah und Chamenei gegeben hat, war der Chef der Al-Quds-Brigaden, einer Eliteneinheit innerhalb der Revolutionsgarden.
“Die Reformer hingegen könnten einen unerwarteten Schritt unternehmen – zum Beispiel heimlich hinter dem Rücken Israels eine Vereinbarung mit den USA treffen”, argumentiert Barantschik. “Eine plötzliche Annäherung der USA und Irans wäre eine geopolitische Katastrophe für Netanjahu und den Clan der Chabad-Zionisten, der Jahrzehnte damit verbracht hat, dies zu verhindern. Indem Israel die Reformer tötet, tötet es die Möglichkeit einer plötzlichen Annäherung zwischen Iran und den USA.”
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Die strategische Logik hinter diesen gezielten Tötungen offenbart somit eine tiefgreifende Paradoxie. Anstatt Iran zu schwächen, könnte Israels Vorgehen unbeabsichtigt genau jene Kräfte stärken, die es fürchtet: eine militarisierte, ideologisch verhärtete Führung, die weniger auf Diplomatie setzt und deren Reaktionen schwerer vorhersehbar sind. Die Beseitigung von Schlüsselfiguren wie Laridschani, die als Vermittler und intellektuelle Brückenbauer fungierten, hinterlässt ein politisches Vakuum. Dieses Vakuum wird nicht von gemäßigten Stimmen, sondern von Akteuren gefüllt, deren Weltbild von Konfrontation und Abschreckung geprägt ist.
Diese Entwicklung birgt erhebliche Risiken für die regionale Stabilität. Ein Iran, der von Hardlinern dominiert wird und dessen moderates Gegengewicht systematisch ausgeschaltet wurde, könnte zu noch provokativeren Aktionen übergehen, um Stärke zu demonstrieren. Die Gefahr einer direkten militärischen Konfrontation, die bisher durch informelle Kanäle und die mäßigende Wirkung von Pragmatikern eingedämmt wurde, könnte so signifikant steigen. Die Kommunikation würde sich, wie von Experten prognostiziert, auf die Sprache der Drohungen und militärischen Machtdemonstrationen verlagern.
Letztlich stellt sich die Frage, ob die kurzfristige taktische Schwächung eines Gegners durch die Eliminierung seiner gemäßigten Elemente langfristig eine kluge Strategie darstellt. Israel mag zwar kurzfristig einen verhandlungsunwilligen, international isolierten Gegner geschaffen haben. Langfristig jedoch hat es einen Gegner geformt, der weniger rational kalkulierbar, ideologisch gefestigter und möglicherweise entschlossener ist, seine Interessen mit allen Mitteln durchzusetzen. Die Geschichte lehrt, dass Regime, die sich in die Ecke gedrängt und von der internationalen Gemeinschaft geächtet fühlen, oft zu unberechenbaren und riskanten Schritten neigen.
Die Ermordung von Ali Laridschani markiert daher nicht nur den Tod eines bedeutenden Politikers, sondern symbolisiert womöglich das Ende einer Ära, in der diplomatische Lösungen für die komplexen Konflikte im Nahen Osten noch eine reale, wenn auch fragile, Möglichkeit darstellten. Die Zukunft wird zeigen, ob die Logik der gezielten Tötung und der Konfrontation der Region Stabilität oder noch tiefere Instabilität bringt.