Von Rainer Rupp
Die US-Aktienmärkte sind trotz einer sich abzeichnenden Energiekrise (bislang) nicht eingebrochen – ein Phänomen, das maßgeblich auf den sogenannten „Trump-Put“ zurückgeführt wird. Dieser Begriff beschreibt die weitverbreitete Erwartung in Finanzkreisen, dass die Regierung um jeden Preis einen Börsenabsturz verhindern wird, insbesondere mit Blick auf die anstehenden Kongresswahlen im Herbst. Obwohl die Indizes seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffs auf Iran etwas nachgegeben haben und etwa 10 Prozent unter ihren Allzeithochs liegen, spekulieren Anleger weiterhin auf politische Stützungsmaßnahmen.
In Politik und Medien gelten steigende Kurse traditionell als Indikator für eine boomende Wirtschaft. Für die Trump-Administration und die Republikaner wird dieses Narrativ jedoch zunehmend zum Problem. Denn die Mehrheit der US-Bevölkerung spürt von diesem angeblichen Aufschwung wenig. Stattdessen kämpfen viele mit sinkender Kaufkraft, ausgeschöpften Kreditlinien und der Sorge, über die Runden zu kommen.
Gleichzeitig vertieft die aktuelle Börsenrallye die ohnehin schon extreme Vermögensungleichheit. Während die Nachrichten den Wirtschaftsaufschwung feiern, konzentrieren sich die Gewinne aus Aktien in den Händen einer kleinen Elite. Für den durchschnittlichen Amerikaner, den „Joe Sixpack“, bleibt davon nichts übrig. Seine Realität ist geprägt von der wieder anziehenden Inflation und den explodierenden Energiepreisen, die die Lebenshaltungskosten weiter in die Höhe treiben.
Die aktuelle Umverteilung von unten nach oben ist in ihrem Ausmaß historisch beispiellos. Dieses Muster ist in allen westlichen Gesellschaften zu beobachten, in denen neoliberale Politik dominierte, doch nirgends ist es so ausgeprägt wie in den USA, der Heimat des Kapitalmarkts. Zwar besitzen rund 62 Prozent der Amerikaner Aktien – ein Rekordwert –, doch die Verteilung ist extrem schief:
Das reichste Prozent der Haushalte hält etwa 50 Prozent aller Aktienwerte. Die obersten 10 Prozent besitzen sogar bis zu 93 Prozent. Im Kontrast dazu muss sich die untere Hälfte der Bevölkerung (140 Millionen Menschen) mit lediglich 1 Prozent des gesamten Aktienvermögens begnügen. Ein Börsenboom ist somit kein Motor für breiten Wohlstand, sondern ein Turbo für die Vermögenskonzentration bei der Elite.
Allein im zweiten Quartal 2025 verbuchten die reichsten 10 Prozent einen Zugewinn von fünf Billionen Dollar durch Aktien und Fonds. Der sogenannte „Wealth-Effect“ – das Gefühl gestiegenen Reichtums, das zu mehr Konsum und Investitionen anregt – bleibt dieser Gruppe vorbehalten. Selbst die obere Mittelschicht profitiert nur marginal, da ihre Depots vergleichsweise klein sind und oft auf Altersvorsorgekonten beschränkt bleiben.
Für die Arbeiterklasse und die untere Mittelschicht ist die Situation noch prekärer. Deren Ersparnisse liegen meist in Sparbüchern oder sind in Immobilien gebunden, die mit steigenden Aktienkursen nicht mithalten können. Seit 1989 ist mehr als die Hälfte der Aktienkursgewinne auf eine Umschichtung der Einkommen von Arbeit zu Kapital zurückzuführen – direkt zu Lasten der Löhne.
Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern strukturell bedingt. Wer bereits Vermögen besitzt, kann Risiken eingehen, diversifizieren und den Zinseszins nutzen. Wer wenig hat, spart konservativ und verliert langfristig an Kaufkraft. Das Ergebnis ist eine Rekord-Ungleichheit: Die obersten 10 Prozent kontrollieren fast 70 Prozent des gesamten privaten Vermögens in den USA.
In Deutschland präsentiert sich das Bild auf den ersten Blick anders, doch das Grundproblem bleibt ähnlich. Nur etwa 17 bis 20 Prozent der Bevölkerung besitzen Aktien oder Aktienfonds. Die Beteiligung ist stark einkommensabhängig: In Haushalten mit über 4.000 Euro Nettoeinkommen investiert fast jeder Zweite, bei unter 2.000 Euro hingegen nur jeder Zehnte. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung hält ihr Vermögen fast ausschließlich in sicheren, aber inflationsanfälligen Anlagen wie Sparbüchern.
Laut Deutscher Bundesbank besitzen die obersten 10 Prozent der Haushalte rund 60 Prozent des gesamten privaten Nettovermögens. Superreiche mit über 100 Millionen Euro Finanzvermögen kontrollieren sogar fast ein Drittel davon. Der Durchschnittsdeutsche investiert, wenn überhaupt, vor allem in Immobilien. Von Rekorden am DAX profitieren daher in erster Linie Wohlhabende und die obere Mittelschicht.
Auch hierzulande vergrößert Börsenwachstum primär die Vermögen der oberen Mittelschicht und der Reichen. Die „normale“ Mittelschicht partizipiert kaum, da ihre Ersparnisse risikoarm und damit renditeschwach angelegt sind. Zusätzlich treiben Erbschaften und steigende Immobilienpreise die Ungleichheit voran. Die Bundesbank warnt daher, dass steigende Kapitalmarktrenditen die gesellschaftliche Kluft weiter vertiefen könnten. Eine Umkehr dieser Umverteilung von unten nach oben ist unter der derzeitigen politischen Führung in Berlin jedoch nicht in Sicht.
Mehr zum Thema – Die Vereinigten Staaten haben sich in Iran übernommen