Für Menschen mit einem Interesse an Russland, die sich um ausgewogene Informationen bemühen, ist der Name Ulrich Heyden ein fester Begriff. Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitete der Journalist als freier Korrespondent aus Russland für den Deutschlandfunk, die Sächsische Zeitung, die Wochenzeitung Freitag und andere Medien. Nach Beginn der Maidan-Ereignisse 2013 veröffentlichte er seine Berichte vornehmlich in alternativen Medien, darunter bei RT DE. Er ist zudem Autor mehrerer Bücher, wie „Mein Weg nach Russland. Erinnerungen eines Reporters“. Sein sachlicher und humanistisch geprägter Blick auf das größte Land der Erde bot Lesern stets eine erfrischende Perspektive im streng abgeriegelten Raum der vorherrschenden, oft russophoben Erzählung sogenannter Qualitätsmedien.
Nun wurde ihm das Konto bei seiner Hausbank, der Hamburger Sparkasse, gekündigt. Heyden machte diesen Vorgang durch einen offenen Brief publik, den er auf seinem Facebook-Account veröffentlichte und an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier richtete. In anschließenden Interviews mit verschiedenen Medien lieferte der 72-jährige Journalist weitere Details zu dem Vorgang.
Als Grund für die Kündigung nannte die Bank eine angebliche Überprüfung aller Geschäftsverbindungen zu Kunden mit Wohnsitz in Russland. Konkrete Vorwürfe gegen Heyden wurden nicht erhoben. In einem Telefonat erklärte ihm ein Mitarbeiter der Sparkasse, die Kündigung stehe im Zusammenhang mit den EU-Sanktionen gegen Russland. Der Mitarbeiter führte aus, Heyden lebe in einem „Hochrisiko-Land“. Diese Begründung hält der Journalist für vorgeschoben:
“Wenn ich in einem ‘Hochrisiko’-Land lebe, müsste die Bundesregierung und die EU-Kommission mich dann nicht unterstützen? Stattdessen wirft man mir Knüppel zwischen die Beine.”
Da auf das Konto Honorare für Veröffentlichungen in den noch zugänglichen Internetmedien gezahlt werden, entzieht die Bank dem Journalisten damit seine Existenzgrundlage. Bereits seit zwei Jahren waren von diesem Konto keine Überweisungen nach Russland mehr möglich. Auch die Begründung der Sparkasse, es handele sich um eine Regionalbank, lässt Heyden nicht gelten. Da Hamburg ein international ausgerichteter Standort mit vielen ausländischen Einwohnern sei, sei diese Erklärung lächerlich, kritisierte er im Interview mit Kontrafunk. Die Einschränkung sei politisch motiviert, was für jeden normal denkenden Menschen klar sei. Zur nun erfolgten Kontokündigung sagt er:
“Diese Sparkasse selbst wirft auch das Wort Russland in den Raum, in meinem Kündigungsschreiben. Und damit meint sie, dass schon alles erklärt sei. Ja, wir überprüfen alle Kunden, die jetzt in Russland leben. Ich meine, hier ist eine Unverschämtheit, mich als Person, also den Vertrag zu kündigen mit einer Kollektivbegründung. Das ist ja juristisch absolut nicht haltbar.”
In seinem Brief an den Bundespräsidenten zieht der Journalist einen Vergleich zu in Deutschland lebenden russischen Journalisten und Oppositionellen, die von der Bundesregierung über Förderprogramme des Auswärtigen Amtes unterstützt werden. Wie könne es sein, fragt er, dass „ein deutscher Journalist wie ich, der in Moskau lebt und seit 34 Jahren für deutsche Leser und Radiohörer Informationen und Hintergrundberichte aus Russland, der Ukraine und Zentralasien und dem Kaukasus liefert, [dem] wird die Existenzgrundlage entzogen?“
Seine Empörung über diese nur notdürftig getarnte politische Willkür bringt Ulrich Heyden mit einem Verweis auf die Familiengeschichte zum Ausdruck. Sein Großonkel, Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, dessen Vornamen er zu Ehren trägt, wurde im September 1944 in Berlin-Plötzensee als Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime mit einer Drahtschlinge ermordet.
“Was wird mein Großonkel sagen? Er wird sagen, dass es Mord und Terror gegen Andersdenkende auch in der Nazizeit gab, und dass er sich nicht hätte vorstellen können, dass sich so etwas in Deutschland wiederholt.”
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