Von Rainer Rupp
In einem aufschlussreichen Interview mit Judge Andrew Napolitano am 18. März 2026 analysierte der norwegische Geopolitikexperte Professor Glenn Diesen die jüngsten Entwicklungen. Sein Urteil ist scharf: Der völkerrechtswidrige Angriff der USA und Israels auf den Iran markiert keinen Akt der Stärke, sondern den verzweifelten Versuch Washingtons, den relativen Machtverlust des eigenen Imperiums aufzuhalten. Das eigentliche Ziel war es, die einst unangefochtene US-Hegemonie über den für die globale Energieversorgung entscheidenden Mittleren Osten wiederherzustellen.
Statt eines Sieges erlebten die Trump-Regierung und Israel jedoch ein strategisches Desaster.
Innerhalb von nur drei Wochen nach Kriegsausbruch wurde für die ganze Welt sichtbar, wie sich der schleichende Niedergang der USA in einen freien Fall verwandelte. Besonders deutlich wird dies in den Reaktionen aus Moskau und Peking. Was für Trump und Netanjahu ein genialer Schachzug sein sollte, entpuppte sich für die anderen Großmächte als Lehrstück in amerikanischer Hilflosigkeit: geprägt von Panik, verzweifelten Lügen, sich widersprechenden Rechtfertigungen und – am folgenschwersten – dem vollständigen Verlust jeglicher diplomatischen Glaubwürdigkeit.
Von vorsichtigem Optimismus zu eisiger Ernüchterung in Moskau
Noch vor einem Jahr herrschte im Kreml vorsichtige Hoffnung. Trump hatte im Wahlkampf Diplomatie versprochen und schien dieses Versprechen zunächst einzulösen. Er nahm die direkten Gespräche mit Moskau wieder auf, die unter Biden drei Jahre lang brachgelegen hatten, und äußerte sich offen darüber, den Ukraine-Krieg “in 24 Stunden” beenden zu können.
Aus russischer Sicht, so Professor Diesen, war dies ein klares Signal: Washington hatte ein vitales Interesse daran, Russland von China wegzulocken und auf die eigene Seite der globalen Machtbalance zu ziehen, anstatt es weiter in die Arme Pekings zu treiben. Der Kreml durchschaute zwar Trumps simplen Plan, doch angesichts der russophoben europäischen Regierungsspitzen eröffnete dessen diplomatische Ouvertüre Moskau neue Möglichkeiten für kreative Außenpolitik, die Europa aus dem Konzept brachte.
Doch diese Hoffnung auf einen bilateralen Deal mit den USA ist inzwischen zerplatzt. Professor Diesen formuliert es gnadenlos: Die Russen fragen sich inzwischen, “ob Trumps Diplomatie nur eine Falle war”. Der Iran-Krieg liefere den endgültigen Beweis. Washington habe Diplomatie nun zweimal als Tarnung für Überraschungsangriffe missbraucht – ein Muster, das fatal an die mutmaßlich US-unterstützten ukrainischen Angriffe auf russische Nuklearbomber und sogar auf Präsident Putins Residenz erinnere.
Der Kreml habe die bittere Konsequenz gezogen und schreibe die gesamte Geschichte mit Trump nun neu. War er jemals ernsthaft an Entspannung interessiert? Oder hat er Moskau nur hingehalten, um Zeit zu gewinnen? Diesen sieht hier den Wendepunkt: Russland habe gelernt, dass US-Diplomatie, die dem Ziel der Hegemonieerhaltung dient, nicht mehr vertrauenswürdig ist. Jede Verhandlung könne der Auftakt zum nächsten Schlag sein.
Pekings Schock: Die Zerstörung der Weltwirtschaft als Kollateralschaden
Die chinesische Führung beobachtet dasselbe Schauspiel – mit noch größerem Entsetzen. Professor Diesen beschreibt die Stimmung in Peking als “geschockt”. Nicht nur wegen der Missachtung des Völkerrechts, sondern vor allem wegen der rücksichtslosen Zerstörung der globalen Wirtschaftsordnung. Der Angriff auf Süd-Pars, das größte Erdgasfeld der Welt, sei kein isolierter Militärschlag, sondern das “wörtliche Abfackeln” der Weltwirtschaft.
Trump hatte ein für April geplantes Treffen mit Xi Jinping bereits abgesagt. Sein ursprünglicher Plan war klar: Er wollte mit einem vollendeten “Regime-Change” im Iran in Peking auftauchen, diese Trophäe präsentieren und Xi mit der nun US-kontrollierten Straße von Hormus unter Druck setzen. Stattdessen stecke Washington nun in einem selbstverschuldeten Chaos in der Straße von Hormus fest. China erkenne dasselbe Muster wie Russland: Die USA, getrieben von einer “Nach-uns-die-Sintflut”-Mentalität, zerstörten verzweifelt das internationale System, das sie einst dominierten, nur um ihren eigenen Abstieg zu verlangsamen.
Für Peking ist dies nicht nur militärische Irrationalität, sondern ökonomischer Wahnsinn. Die Blockade der Straße von Hormus, explodierende Energiepreise und die fortschreitende Deindustrialisierung Europas seien keine Kollateralschäden, sondern direkte Folgen einer in Panik geratenen Supermacht.
Die gemeinsame Erkenntnis: US-Chaos schweißt Russland und China enger zusammen
Hier verschmelzen die Perspektiven Moskaus und Pekings zu einer Diagnose. Beide Mächte ziehen dieselbe Lehre: Das US-Imperium handelt nicht mehr aus Stärke, sondern aus Angst. Es ist unberechenbar, lügt offen (man denke an die groteske Behauptung, der Iran habe eigene Kinder beschossen), ignoriert Regeln und opfert die globale Wirtschaft auf dem Altar der eigenen Hegemonie.
Genau das Gegenteil von Trumps Absicht tritt ein: Statt Russland von China zu trennen, treibt er die beiden enger zusammen. Der Iran-Krieg werde so zum Katalysator für eine multipolare Weltordnung, die Washington nicht mehr aufhalten, sondern nur noch beschleunigen könne. Die eigentliche Tragik, so Diesen, liege darin, dass die USA die Lektion der Geschichte vergessen hätten: Wer seinen Niedergang mit Gewalt aufhalten will, beschleunigt ihn nur.
Europa als zahlender Zuschauer
Besonders bitter für Brüssel: Europa zahlt den höchsten Preis. Nach Jahren der Russophobie und der selbstgefälligen “Befreiung” von russischer Energie stehe der Alte Kontinent nun doppelt isoliert da. Katar-LNG und Nahost-Öl seien abgeschnitten, die Energiepreise explodierten. Die mit dem Ukraine-Krieg begonnene Deindustrialisierung erreiche ein neues, tödliches Niveau – vor allem in Deutschland.
Und genau hier liege ein indirekter Gewinn für Russland. Selbst überzeugte Russophobe wie der belgische Ministerpräsident oder der finnische Präsident Stubb forderten plötzlich eine Normalisierung mit Moskau. Europa kaufe ohnehin schon russisches Öl – nur über Indien und mit saftigen Aufschlägen. Die Heuchelei breche zusammen. Professor Diesen formuliert es trocken: “Die Europäer können ohne russische Energie offenbar doch nicht leben.” Der Iran-Krieg zwinge sie zurück an den Verhandlungstisch mit Moskau.
Fazit: Ein selbstverschuldeter Sargnagel
Professor Diesen liefert eine nüchterne, faktenbasierte Analyse: Der Kreml und Peking sähen dasselbe Bild – eine Supermacht, die aus relativer Schwäche heraus mit Lügen, Überraschungsangriffen und wirtschaftlicher Zerstörung agiere. Russland habe gelernt, dass Vertrauen naiv sei. China habe erkannt, dass die USA die Weltordnung zerstörten, um ihre Hegemonie zu retten.
Das Ergebnis sei unausweichlich. Der Krieg gegen den Iran, der den US-Niedergang stoppen sollte, beschleunige ihn stattdessen in atemberaubendem Tempo: militärisch in einer asymmetrischen Falle, wirtschaftlich durch globale Schocks und geopolitisch durch den endgültigen Vertrauensverlust bei den beiden Mächten, die Washington fürchten müsse.
Trump und seine Falken hätten das Imperium nicht gerettet. Sie h
ihm den Todesstoß versetzt. Russland und China blicken nun nicht mehr mit Hoffnung, sondern mit der Gewissheit auf diese Entwicklung: Die multipolare Weltordnung ist nicht mehr aufzuhalten. Das amerikanische Jahrhundert endet nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einer selbstverschuldeten Implosion in den Wüsten des Nahen Ostens.
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