Von Astrid Sigena
Als Gendarmerie-Hauptwachtmeister Franz Stachel am 17. März 1943 im steirischen Pinggau seine Fußstreife antrat, ahnte er nicht, dass dies sein letzter Dienstgang sein würde. Noch am selben Tag fand man seine Leiche an der Wechselstraße. Unbekannte Täter hatten den Polizisten überwältigt und mit seiner eigenen Dienstwaffe sowie dem Bajonett erschossen und erstochen.
83 Jahre später entschied die steirische Polizei, ihren ermordeten Kollegen mit einem Gedenkstein zu ehren. Die feierliche Enthüllung am 17. März 2026 in Pinggau wurde mit Blasmusik, Fahnen und in Anwesenheit von Geistlichen, Kommunalpolitikern und uniformierten Einsatzkräften begangen. Die Inschrift lautet: “An dieser Stelle wurde Gendarmenhauptwachtmeister Franz Stachel am 17. März 1943 ermordet. Zum ehrenden Gedenken Landespolizeidirektion Steiermark 2026.”
Auf Facebook erklärte die Polizei Steiermark:
“In Zusammenarbeit mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern, dem Land Steiermark sowie Vereinen – insbesondere der Berg- und Naturwacht – entstand am damaligen Ort des Geschehens nun ein würdiger Ort des Erinnerns. Ein Gedenkstein, der ein Zeichen gegen das Vergessen und in Erinnerung an Franz Stachel errichtet wurde.”
Die Initiative ging somit von lokalen Bürgern aus.
Brisant ist jedoch der fehlende historische Kontext, insbesondere zur Rolle der Polizei im NS-Staat. Die Polizei Steiermark betont zwar, Recherchen zufolge sei Stachel weder an NS-Verbrechen beteiligt gewesen noch Mitglied der NSDAP. Dennoch war er als Exekutivbeamter in einer Gemeinde ein ausführendes Organ der NS-Verordnungen in Österreich nach dem “Anschluss” 1938. Stachel war Anfang der 1930er pensioniert worden und erst wenige Monate vor seinem Tod aufgrund des Personalmangels an der Front reaktiviert worden.
Noch brisanter: Die Täter wurden nie gefasst. In einer Pressemitteilung berichtet die Polizeidirektion Steiermark, es habe sich mutmaßlich um geflohene polnische Zwangsarbeiter gehandelt, die später für weitere Straftaten in Niederösterreich verantwortlich gewesen sein sollen. Die österreichische Tageszeitung Der Standard fand diese Faktenlage dürftig. Eine andere Version nennt zwei kroatische Landstreicher als Mörder.
Sollten es tatsächlich geflohene polnische Zwangsarbeiter gewesen sein, handelten sie unter extremem Druck. Polnischen oder sowjetischen Gefangenen drohte im NS-Staat bei Fluchtversuchen das KZ oder die Hinrichtung. Es ist daher nicht auszuschließen, dass Stachel getötet wurde, um eine Meldung an die Behörden zu verhindern.
Das österreichische Innenministerium zeigte sich wenig begeistert von der Gedenkinitiative und betonte gegenüber dem Standard, dass “Errichtung und Finanzierung des Gedenksteines ausschließlich auf eine lokale Initiative zurückgehen”. Kritisch sei zudem, dass die Rolle der Polizei im NS-Regime unerwähnt bleibe. Die Initiative entspreche nicht den Anforderungen einer zeitgemäßen Erinnerungskultur. Man werde die Landespolizeidirektion auffordern, für eine Kontextualisierung zu sorgen. Diese Distanzierung wirkt jedoch widersprüchlich, da Medienberichten zufolge mit Joachim Steinlechner ein Beamter des Bundesinnenministeriums bei der Enthüllung anwesend war.
Inzwischen scheint auch der regionalen Polizeibehörde ihr erinnerungspolitisches Vorgehen nicht mehr ganz geheuer. Auf Facebook versprach die Polizei Steiermark, die “komplexe Geschichte” durch eine Zusatztafel sichtbar zu machen. Auf der Homepage der Gemeinde Friedberg, zu der Pinggau gehört, ist die ursprüngliche Pressemitteilung zur Einweihung nicht mehr auffindbar und wurde wahrscheinlich entfernt.
Auch aus der Wissenschaft kam teils harsche Kritik. Claudia Kuretsidis-Haider vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands forderte eine Kontextualisierung der Polizeirolle im NS-Staat. Überhaupt sei der Fokus auf diesen Einzelfall unverständlich: “Angesichts aller von der Polizei im Nationalsozialismus begangener Verbrechen und der tatsächlich Widerständigen innerhalb der Polizei erschließt sich uns nicht, warum man ausgerechnet an diesen Fall erinnern möchte.” Der Historiker Helmut Konrad sah in der Ehrung sogar ein Anzeichen für einen “politischen Klimawandel” und betonte die Wichtigkeit von Wachsamkeit zum Schutz der Demokratie.
Andere Stimmen befürworteten die Ehrung. Die Journalistin Margot Jeitler meinte, gerade heute sei es wichtig, “an dieses persönliche Schicksal in einer furchtbaren Zeit zu erinnern, die von allen Beteiligten in heutigen Maßstäben unvorstellbare Opfer” abverlangt habe. Das Jahr 1943 sei eine Ära gewesen, “die von allen Beteiligten, vom Gendarmen im Dienst bis hin zu den Gejagten, immense Opfer aufbürdete. Eine Zeit, in der Gewalt oft die einzige Sprache war, die noch gesprochen wurde”.
Unerwartet meldete sich auch die russische Botschaft in Wien zu Wort – nicht die polnische, wie angesichts der mutmaßlichen Täterherkunft zu erwarten gewesen wäre. Auf ihren Social-Media-Kanälen erklärte die Botschaft, man halte derartige Veranstaltungen “für äußerst fragwürdig”. Sie verwies auf die “unrühmliche Rolle” der Polizeibehörden im Dritten Reich, etwa deren Beteiligung “an repressiven Razzien” sowie an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung und sowjetische Kriegsgefangene.
Die russischen Diplomaten sehen die historische Wahrheit durch die Gedenkzeremonie in Gefahr. Solche Ehrungen begünstigten eine Entwicklung, “die historische Wahrheit über die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zu verfälschen und die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfer zu beschönigen”. Die Botschaft werde die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen und hoffe auf eine Kontextualisierung “in voller Übereinstimmung mit der historischen Wahrheit”.
Man kann nur spekulieren, was diese heftige Reaktion auslöste. Ein Grund mag im kollektiven Trauma um die “Mühlviertler Hasenjagd” im Februar 1945 liegen, als ausgebrochene sowjetische KZ-Häftlinge von NS-Behörden und Teilen der Bevölkerung gejagt und ermordet wurden. Die Botschaft reagiert sensibel, auch wenn der steirische Polizist mit diesen Vorgängen nichts zu tun hatte.
Der Fall Franz Stachel zeigt, wie heikel die Themen Polizeirolle in der NS-Zeit und das Schicksal der Zwangsarbeiter bis heute sind. Die Motive der lokalen Initiatoren mögen ehrenwert gewesen sein, als sie ein Opfer aus ihrer Mitte ehren wollten. Sie bedachten jedoch nicht die Wirkung einer kontextlosen Ehrung auf Nachfahren der NS-Opfer. Die Folge ist eine weitere Runde im schwierigen Streit um das angemessene Gedenken.
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