Die fünfte Energiekrise bricht an: Droht der Welt ein historischer Kollaps?

Von Olga Samofalowa

Die Analysten von Saudi Aramco, dem größten Ölkonzern der Welt, haben ihre Prognose für den kommenden Monat vorgelegt. Ihr Leichtöl wird bereits jetzt über den Hafen am Roten Meer für 125 US-Dollar pro Barrel an asiatische Kunden verkauft. Doch schon in der nächsten Woche könnte der Preis auf 138 bis 140 Dollar klettern, so die Einschätzung. Treiber sind schwindende Lagerbestände und eine sich weltweit zuspitzende physische Knappheit des Rohstoffs.

Sollten die Lieferunterbrechungen bis Mitte April andauern und die Straße von Hormus blockiert bleiben, könnten die Preise die Marke von 150 Dollar erreichen und in den Folgewochen auf 165 oder gar 180 Dollar steigen. Jede weitere Woche des Stillstands im April würde den Preis um 10 bis 15 Dollar pro Barrel nach oben treiben, prognostizieren die Experten.

Auch Ölhändler positionieren sich für einen weiteren Anstieg. Sie erwarten, dass die Brent-Futures im April 130, 140 oder 150 Dollar pro Barrel erreichen werden. Offenbar glauben die Marktteilnehmer nicht an ein Ende des Konflikts bis Ende März. Unterdessen kündigte der Iran am Sonntag an, die Straße von Hormus für Schiffe befreundeter Nationen zu öffnen, während US-Präsident Donald Trump von Teheran die vollständige Freigabe der Meerenge binnen 48 Stunden forderte. Andernfalls drohte er mit Angriffen auf iranische Kraftwerke.

Der Markt erlebe derzeit einen dreifachen Einbruch bei den Lieferungen, erläutert Murad Sadygsade, Gastdozent an der Nationalen Forschungsuniversität “Wirtschaftshochschule Moskau” und Präsident des Zentrums für Nahoststudien. Er erklärt:

“Der erste Einbruch ist die nahezu vollständig unterbrochene Passage durch die Straße von Hormus, durch die normalerweise täglich etwa 20 Millionen Barrel Erdöl und Ölprodukte transportiert wurden, also etwa ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs. Zweitens wurde die Förderung in den Ländern am Persischen Golf selbst gedrosselt: Das Öl kann nirgendwohin transportiert werden, die Lagerstätten füllen sich, ein Teil der Infrastruktur ist beschädigt. Der dritte Faktor ist der Mangel nicht nur an Rohöl, sondern auch an fertigen Erdölprodukten: Diesel, Flugbenzin, LPG.”

In dieser Situation, so der Experte, zahle der Markt nicht mehr für Öl im Allgemeinen, sondern für seltene Chargen der benötigten Sorte mit kurzer Lieferzeit. Genau deshalb lägen die physischen Preise bereits deutlich über den Börsenkursen, und einzelne Nahost-Sorten würden mit extremen Aufschlägen gehandelt.

Sadygsade betont, dass ein Szenario mit Ölpreisen von 150 bis 180 Dollar pro Barrel nicht länger als unrealistisch abgetan werden könne, sollte die Meerenge weiterhin faktisch gesperrt bleiben und die Lieferausfälle den gesamten April andauern. Bislang sei ein solcher Preissprung nur ausgeblieben, weil der Terminmarkt auf ein baldiges Ende der Krise gehofft habe. Brent habe sich bei etwa 100 bis 120 Dollar pro Barrel eingependelt, obwohl der physische Markt bereits auf eine weitaus gravierendere Verknappung hingedeutet habe.

Welche Folgen drohen den ölimportierenden Ländern bei einer einmonatigen Blockade? Der Experte meint:

“Es wird eine ganze Kette von Problemen geben.

Zunächst verteuern sich Rohstoffe und Frachtkosten. Dann werden Benzin, Diesel, Flugbenzin, Gas für den Hausgebrauch und Strom, wo dieser mit Gas und Heizöl verbunden ist, teurer werden. Anschließend steigt die Inflation, der Kurs der Landeswährungen fällt, die Zentralbanken scheuen sich, die Zinsen zu senken, die Wirtschaft drosselt die Produktion und die Regierungen sind gezwungen, Haushaltsmittel für Subventionen und Preisbindungen auszugeben.”

In den anfälligeren Ländern, fügt er hinzu, würden schnell administrative Maßnahmen in Kraft treten: Rationierung, Beschränkungen für den Kraftstoffexport, Umstellung der Betriebe auf Sparbetrieb, die Einschränkung des Verkehrs und die Schließung eines Teils der staatlichen Einrichtungen. Bei einer einmonatigen Blockade liege das Problem nicht in den Erwartungen, sondern im tatsächlichen Mangel an Kraftstoff und Rohstoffen für die Raffinerien.

Wer ist am stärksten gefährdet? Am schwersten werde es für diejenigen, die gleichzeitig stark von Öl aus dem Persischen Golf abhängig seien, über wenige eigene Ressourcen, kaum Alternativen und ein schwaches finanzielles Polster verfügten, so Sadygsade. Er hebt hervor:

“In der ersten Risikogruppe befinden sich Japan und Südkorea. Japan bezieht etwa 95 Prozent seines Erdöls aus dem Nahen Osten, Südkorea etwa 70 Prozent. Dabei ist ihre Ölverarbeitung technologisch stark an genau diese nahöstlichen Sorten gebunden.”

Auch Indien sei sehr anfällig: Es importiere etwa 90 Prozent seines Öls, und ein Großteil der kritisch wichtigen Lieferungen werde über den Persischen Golf transportiert. Doch dank russischem Erdöl und alternativen Bezugsquellen verfüge das Land über etwas mehr Flexibilität. China sei weniger vom Nahen Osten abhängig, da es besser diversifiziert sei. Es verfüge über eine höhere Eigenförderung und große Reserven, so der Experte. Er bemerkt außerdem:

“Am anfälligsten sind nicht die reichsten Importeure, sondern die armen Länder mit geringen Reserven und einer schwachen Währung – Pakistan, Sri Lanka, Ägypten. Für sie führt ein solcher Schock schneller zu einer Währungs-, Haushalts- und Sozialkrise.”

Vor diesem Hintergrund würden die ölexportierenden Länder, darunter die USA und Russland, vom Preisanstieg profitieren. Doch es gebe eine feine Grenze: Steige der Ölpreis zu hoch, würde nämlich niemand mehr den Rohstoff kaufen, und statt Supergewinnen blieben die Exporteure auf ihren Lieferungen sitzen. In der aktuellen Situation helfe selbst ein starker Preisanstieg nichts, wenn die Lieferungen einfach blockiert seien, meint Sadygsade. Er fügt hinzu:

“Für die Exporteure ist entscheidend, ob eine weltweite Konjunkturabkühlung und ein Nachfragerückgang einsetzen.

Wenn der Preis zu lange auf einem sehr hohen Niveau bleibt, drosseln die Importeure ihren Verbrauch, die Wirtschaft kühlt ab, und dann sinkt die Nachfrage nach Erdöl insgesamt. Daher ist nicht so sehr das Niveau von 150 US-Dollar pro Barrel gefährlich, sondern vielmehr die Kombination aus einem hohen Preis und der Dauer des Schocks.”

In der Praxis, so der Experte weiter, sei der Bereich von 140 bis 150 Dollar pro Barrel das Niveau, bei dem die Weltwirtschaft ernsthaft ins Stocken gerate, während ein Wert von 180 bis 200 Dollar pro Barrel bereits das Risiko eines globalen Nachfragerückgangs und eines anschließenden schmerzhaften Preisverfalls berge. Die Auswirkungen wären dann nicht mehr nur inflationärer, sondern rezessiver Natur.

Klassische Beispiele für Ölschocks bestätigten diese Logik. In den Jahren 1973 bis 1975 stieg der Durchschnittspreis für importiertes Öl nach dem arabischen Embargo von 3,2 Dollar pro Barrel auf fast 14 Dollar – mehr als das Vierfache. Der Schock in den Jahren 1979 bis 1980 nach der iranischen Revolution wurde zu einem der Faktoren der Rezession. 1990, nach dem Einmarsch des Irak in Kuwait, geriet der Markt in große Angst um die Lieferungen aus dem Nahen Osten.

Und im Jahr 2008 stieg der Brent-Preis auf etwa 147 Dollar pro Barrel, doch als klar wurde, dass die Weltwirtschaft in eine harte Rezession abgleitet, brach

der Ölpreis ein. Sadygsade sagt:

“Die Geschichte zeigt eines: Erdölpreise können sehr schnell in die Höhe schießen, aber wenn der hohe Preis die Wirtschaft zu ersticken beginnt, ist anschließend ein ebenso abruptes Absacken möglich.”

Vor diesem Hintergrund erscheine ein Szenario mit Preisen von 180 bis 200 Dollar pro Barrel nicht unwahrscheinlich. Es bleibe aber vorerst eher ein Stressszenario als die wahrscheinlichste Prognose.

Auf dem Markt hoffe man, dass sich die Lieferungen im April wieder erholen werden, wenn auch nur teilweise. Der Wirtschaftsexperte warnt jedoch:

“Analysten zeigen jedoch, dass das Ausmaß der aktuellen Versorgungsunterbrechung bereits sehr groß ist, und der physische Markt verhält sich so, als sei das Defizit tiefer, als es derzeit anhand von Brent erkennbar ist. Daher sind Preise von 180 bis 200 US-Dollar pro Barrel nicht mehr nur ein ‘Schreckgespenst für die Schlagzeilen’, sondern ein realistisches Szenario, falls sich die Blockade hinzieht, die Infrastruktur weiter beschädigt wird und strategische Reserven sowie Umleitungsrouten das Defizit nicht ausgleichen können.”

Es liege im Interesse der ganzen Welt, eine neue Krise zu vermeiden. Der Experte betont:

“Meiner Ansicht nach werden die wichtigsten Akteure versuchen, zu verhindern, dass die Preise längere Zeit im Bereich von 180 bis 200 US-Dollar pro Barrel verharren, denn das ist ein Niveau, das fast alle hart trifft.

Für die Importeure bedeutet dies eine Belastung durch Inflation, Kraftstoffknappheit, Wechselkurse und soziale Spannungen. Für die Exporteure entsteht eine Belastung durch die physische Unmöglichkeit, Erdöl zu verkaufen, das Risiko eines Nachfragerückgangs und die Gefahr einer globalen Rezession.”

Bereits jetzt seien Versuche zu erkennen, den Schock abzufedern: die größte Freigabe strategischer Reserven in der Geschichte, Diskussionen über zusätzliche Lieferungen aus alternativen Quellen, die Suche nach Ausweichlösungen. Eine schnelle Lösung sei laut Sadygsade jedoch nicht garantiert. Er sagt:

“Ein Szenario einer baldigen Entspannung ist noch möglich, aber man darf es nicht als selbstverständlich ansehen.

Je länger die Blockade andauert, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir nicht nur einen Preis von 150 US-Dollar pro Barrel sehen, sondern eine Entwicklung in Richtung 180 bis 200 US-Dollar pro Barrel.”

Nikolai Dudtschenko, Analyst beim Finanzdienstleister Finam, meint, dass unter den aktuellen Bedingungen absolut jedes Szenario möglich sei. Er sagt:

“Unserer Ansicht nach wird die Koalition versuchen, den Konflikt im nächsten Monat zu beenden. Zumindest lässt sich anhand der von der International Energy Agency veröffentlichten Reserven und einzelner Erklärungen erkennen, dass die Länder nicht mit einem allzu langwierigen Szenario rechnen. Allerdings könnte sich hier ein typischer kognitiver Planungsfehler verbergen, bei dem das Erreichen des Ziels viel mehr Zeit erfordert, als ursprünglich vorgesehen war.”

Seinen Worten zufolge steige derzeit die Wahrscheinlichkeit einer US-Bodenoffensive gegen den Iran, obwohl zuvor davon ausgegangen worden sei, dass US-Präsident Donald Trump sich kaum zu einem solchen Schritt entschließen würde. Die aktuelle Lage lasse jedoch nach Ansicht des Analysten keine andere Wahl. Er betont:

“Es ist nicht auszuschließen, dass diese Bodenoperation begrenzten Charakter haben wird – ein Versuch, die Kontrolle über die Meerenge selbst zu erlangen, ohne das übrige iranische Territorium anzutasten.”

In jedem Fall handele es sich um eine Eskalation, die die Preise nur noch weiter in die Höhe treibe.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 22. März 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Olga Samofalowa ist Wirtschaftsanalystin bei der Zeitung Wsgljad.

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