Jahrelang haben Millionen Spieler in Pokémon Go Sehenswürdigkeiten fotografiert, während sie digitale Kreaturen jagten. Unwissentlich halfen sie so dabei, einen der größten visuellen Datensätze der Geschichte zu schaffen – der nun für einen automatisierten Lieferdienst genutzt wird.
Das 2016 vom US-Unternehmen Niantic veröffentlichte Pokémon Go war eines der ersten breit erfolgreichen Augmented-Reality-Spiele. Es nutzte die Handykameras und GPS-Daten der Spieler, um digitale Wesen an reale Orte zu projizieren und Millionen Menschen auf die Jagd durch Parks, Straßen und zu Wahrzeichen zu schicken.
Innerhalb weniger Wochen nach dem Start wurde das Spiel zu einem globalen Phänomen, wurde über 500 Millionen Mal heruntergeladen und zählte auf seinem Höhepunkt monatlich 232 Millionen aktive Spieler.
Im vergangenen Monat kündigte Niantic Spatial, ein aus dem Spieleentwickler hervorgegangenes KI-Kartierungsunternehmen, eine Partnerschaft mit Coco Robotics an. Ziel ist es, die autonome Lieferflotte von Coco mithilfe von 30 Milliarden Bildern zu steuern, die über mehr als ein Jahrzehnt von Pokémon-Go-Spielern aufgenommen wurden. Aus diesen Aufnahmen entstehen zentimetergenaue Karten städtischer Umgebungen.
“Es stellt sich heraus, dass es im Grunde dasselbe Problem ist: Pikachu realistisch herumlaufen zu lassen oder dafür zu sorgen, dass Cocos Roboter sich sicher und präzise durch die Welt bewegen”, erklärte John Hanke, Geschäftsführer von Niantic Spatial, letzte Woche der MIT Technology Review. Die Firma verfüge über mehr als eine Million Positionen weltweit, “an denen wir dich genau lokalisieren können.”
Coco Robotics betreibt rund 1.000 Lieferroboter in US-Städten wie Los Angeles, Chicago und Miami und expandierte kürzlich nach Helsinki, Finnland.
Kritiker äußerten Bedenken, dass Pokémon-Go-Spieler faktisch unbezahlt für ein KI-Unternehmen gearbeitet hätten, um bei der Entwicklung eines massiven Überwachungswerkzeugs zu helfen. Niantic betonte hingegen, das Scannen der Umgebung sei stets freiwillig gewesen und die Daten seien nicht mit Spielerkonten verknüpft.
Obwohl Pokémon Go auch in Russland populär war und allein in Moskau mehrere Millionen Spieler fand, zog Niantic das Spiel nach der Eskalation des Ukraine-Konflikts 2022 vom russischen und belarussischen Markt zurück.
Bereits davor hatte das Spiel zahlreiche Sicherheitsbedenken ausgelöst. Russische Regierungsvertreter warnten, die Ortungsfunktionen könnten für geheimdienstliche Erkundungen genutzt werden. Ein pensionierter FSB-General beschrieb das Spiel sogar als “Rekrutierung aus eigenem Antrieb und ohne jeden Zwang”.
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