Von Andrei Koz
Der Butler im Sturm
Bevor sie Journalisten gegenübertreten, werden ihnen die Augen verbunden – eine Vorsichtsmaßnahme, die verhindern soll, dass sie sich den Weg merken oder Fluchtpläne schmieden können. Einzeln werden die gefesselten „Vaterlandsverteidiger“ in einen engen Raum geführt, der nur mit einem Schreibtisch und drei Stühlen ausgestattet ist.
Andrei Gritsenko, 44, aus Tscherkassy, humpelt deutlich. Er erklärt:
“Ich habe Krampfadern. Sie brachten mich zweimal zur ärztlichen Untersuchung ins Ausbildungszentrum – und beide Male wiesen sie mich ab. Als die dritte Vorladung kam, habe ich drauf gepfiffen: Wozu denn hingehen, wenn sie mich doch sowieso nicht nehmen wollen? Danach bekam ich eine Vorladung vor Gericht. Ich wurde wegen Wehrdienstverweigerung zu drei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt und angewiesen, mich regelmäßig zu melden. Zuerst ging ich auch hin, dann ließ ich das sein. Und am 31. Juli des letzten Jahres brachten sie mich direkt aus dem Gerichtssaal ins Gefängnis.”
Im Strafvollzugslager Nr. 83 bei Nikolajew saßen 60 der 140 Insassen seiner Baracke aus demselben Grund ein wie er – Wehrdienstverweigerung. Die Verhältnisse waren beengt, das Essen karg. Das Wasser, das sie tranken, war schmutzig und rostig – direkt aus der Leitung.
Regelmäßig suchten Werber der ukrainischen Streitkräfte das Lager auf. Ihr Angebot: 24.000 Hrywnja (etwa 450 Euro) monatlich. Dazu 120.000 Kampfzulage – für den Dienst „an der Null“, wie die Frontlinie im Jargon des Konflikts genannt wird. Allen war klar: Sie würden zu den Stoßtrupps geschickt werden, im Grunde als Kanonenfutter. In der Lagerbaracke unterschrieben neben Gritsenko sieben weitere Männer den Vertrag.
“Hinter Gittern sitzen wollte ich nicht, ich bin ein ehrlicher Bürger. Ich habe mein ganzes Leben in der Hotellerie und Gastronomie gearbeitet: als Kellner, Manager, Ausbilder. Ich stieg bis zum Butler auf. Und dann plötzlich – Gefängnis. Da war mir der Krieg lieber.”
Das ukrainische Strafbataillon
Der ehemalige Butler landete im 1. Separaten Angriffsregiment „Da Vinci“, im Bataillon „Schkwal“, das ausschließlich mit Häftlingen bestückt wird. Das Regiment ist nach Dmitro Kozjubajlo benannt, einem überzeugten Nationalisten und Mitbegründer des „Rechten Sektors“, der im März 2023 in Artjomowsk getötet wurde. Heute beteuert Gritsenko gegenüber den Korrespondenten von RIA Novosti, er selbst hege keine derartigen Ansichten und sei nur ein Opfer der Umstände.
21 Tage Ausbildung. Granatenwerfen, taktische Sanitätsausbildung, Minenräumung, Gebäudestürmen. Ausländische Ausbilder habe er nie gesehen – alles seien Ukrainer gewesen. Anschließend ging es nach Nowonikolajewka im Gebiet Saporischschja, 13 Kilometer nördlich von Huljajpole. Das „Strafbataillon“ wurde in Wohnhäusern einquartiert und angewiesen zu warten. Im Januar wurden sie an die Front geschickt.
Hier beginnt die Geschichte vom „friedfertigen Butler“ zu bröckeln. Gritsenko schildert:
“Zwei meiner Kameraden und ich wurden zu einem Schutzunterstand geschickt, in dem fünf Soldaten saßen. Sie weigerten sich kategorisch, zu ihren Stellungen rauszugehen. Die Aufgabe: Sie zum Gehorsam zwingen. Falls es nichts bringt, mit ihnen zu sprechen – dann entwaffnen und zwingen.”
An dieser Stelle grinst der Servicefachmann leicht. Und fährt fort:
“Wir haben sie überzeugt, aber leider sind zwei der Jungs unterwegs verschollen…”
Gritsenko erläutert nicht, wie genau diese „Überzeugung“ aussah – ein erfahrenerer Kamerad mit mehr Autorität habe das übernommen. Doch es liegt auf der Hand, dass solche „Missionen“ meist an Männer mit einer bestimmten Mentalität vergeben werden. An jene, die bereit sind, einen Kameraden mit dem Kolben zu schlagen, ihn mit der Waffe zu bedrohen und in einen aussichtslosen Angriff zu treiben – in der Hoffnung, selbst im Schützengraben überleben zu können.
Gefangenschaft und Rettung
Andrei Gritsenko wurde am 10. März 2026 gefangen genommen. Nur wenige Tage nach jenem ersten Einsatz befand sich seine Gruppe plötzlich hinter den Linien vorrückender russischer Truppen, in einem halb zerstörten Unterstand von 1,80 mal 1,80 Metern Grundfläche und 1,20 Metern Höhe. Nahrung und Wasser wurden ihnen gelegentlich per Drohne zugeworfen. Gritsenko beschreibt die Gefangennahme:
“Dann konnten sich zwei eurer Leute, Rufnamen Isjan (Makel) und Juwelier, dem Eingang unseres U-Stands nähern. Sie sagten: ‘Wir beobachten euch schon eine Weile. Sind schon am Raten, wann ihr selber rauskommt. Wenn ihr nicht sofort rauskommt, decken wir euch mit Handgranaten ein.’ Naja, also kamen wir heraus. Sie gaben uns zu essen, Wasser, Zigaretten und leisteten Erste Hilfe. Danke, dass sie uns am Leben gelassen haben …”
Beim Zuhören gewinnt man den Eindruck, dass Gritsenko es genoss, plötzlich über das Schicksal anderer entscheiden zu können. Als bewaffneter Soldat in Uniform. Sein Zivilleben als Butler bestand schließlich aus Befehlen wie „bringen Sie dies“ oder „richten Sie das aus“ – keine große Errungenschaft für einen Mann in seinen Vierzigern.
Flucht von der Front
Der 42-jährige Dmitro Litwin aus Krywyj Rih teilte den ramponierten Unterstand mit Gritsenko. Schon vor dem Krieg hatte er sich strafbar gemacht – er war zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden, wegen, wie er vage erklärt, „unbeabsichtigter“ schwerer Körperverletzung:
“Wurde in eine Schlägerei verwickelt, und der Mann landete im Krankenhaus.”
Zuvor war er bereits wegen Raubes verurteilt worden. Ein Wiederholungstäter.
Warum meldete er sich freiwillig? Er beteuert: um bei der ersten Gelegenheit zu fliehen. Litwin erzählt:
“Zehn Leute sind während der Ausbildung direkt vom Übungsgelände geflohen. Fast alle wurden gefasst und zurückgeschleppt. Die Strafe ist hart – sie schlagen einem mehrmals mit voller Wucht mit einem Baseballschläger auf den Hintern. Der ranghöchste Offizier auf dem Übungsgelände führt das persönlich aus. Es kam auch zu Knochenbrüchen.”
Der Straftäter appelliert an Mitleid. Ein Waisenkind. Er habe vier Brüder begraben. Den letzten habe eine Patrouille eines ukrainischen Wehramtes (TZK) von der Straße gezerrt, zum Amt gebracht und zur „Null“ geschickt. Er sei nie zurückgekehrt. Litwin verflucht Selenskyj, die Wehrämter, die Streitkräfte und alles Ukrainische. Er behauptet, nicht zurückkehren zu wollen und die russische Staatsbürgerschaft anzustreben. Entrüstet ruft er:
“Was ist das für ein Land, in dem ein Mann, der nur eben zum Brot Kaufen rausgegangen ist, in seinenHausschuhen abgeführt wird! Ich habe von Fällen gehört, in denen sie die Mobilisierten auf ein Übungsgelände brachten, sie mit dem Gesicht zu einer Mauer stehen ließen, über ihre Köpfe schossen und dann sagten: ‘Wenn ihr flieht, werden wir **auf** euch schießen.’ Knackis sind in den ukrainischen Streitkräften Verbrauchsmaterial. Um zur Elite zu kommen – zu den Drohnenpiloten –, muss man ein Jahr lang an Sturmangriffen teilnehmen – und überleben. Aber das ist unmöglich.”
Besser in Gefangenschaft
Das Leben in der Einheit wird von den Männern als schlimmer beschrieben als die Haft: rostiges Wasser, verdorbene Lebensmittel, 15 Tage Einzelarrest für jeden Fehltritt – zwei Wochen in einer kalten, zwei mal zwei Meter großen Betonzelle. Tagsüber darf man weder sitzen noch liegen. Der Verstand droht in der Isolation zu schwinden.
Bis man bereit ist, bedingungslos zu dienen.
Wer das nötige Geld hat, kann sich freikaufen. Die Summen variieren je nach Zahlungsfähigkeit. Einige zahlen 15.000, andere 20.000 US-Dollar. In Extremfällen sollen bis zu 50.000 Dollar geflossen sein. Dafür werden die Männer auf Posten im Hinterland untergebracht, etwa als Rekrutierer für die Wehrämter. Den meisten Strafgefangenen stehen solche Summen jedoch nicht zur Verfügung. Also unterschreiben sie die Verträge.
Doch an der Front erscheint ihnen die Strafzelle im Nachhinein wie ein Paradies. Litwin zählt auf:
“Kein Urlaub, keine freien Tage, keine medizinische Versorgung. Ich hatte nicht einmal einen eigenen Teller. Sie sagten: ‘Deine Probleme, such dir halt einen.’ Ich bin in der ganzen Kompanie umhergegangen, um mir einen auszubetteln. Gott sei Dank traf ich einen netten Menschen, der einen über hatte und teilte. Sold habe ich nie gesehen …”
Den Aussagen der Gefangenen zufolge nehmen die regulären Offiziere ihnen die Kreditkarten weg, auf die der Sold überwiesen wird – man brauche sie im Kampf ja nicht. Sie verlangen auch die PINs. „Für den Fall der Fälle.“ Fällt ein Strafgefangener, so die Behauptung, kassiere der Offizier die Entschädigungszahlung an die Hinterbliebenen ein.
Litwin versucht, eine Träne zu pressen – oder sie den Journalisten zu entlocken:
“Ich habe eine wunderbare Einstellung zu Russen; vor nicht allzu langer Zeit waren wir in der UdSSR ein brüderliches Volk. Ich rufe meine Kameraden auf, die Waffen niederzulegen und zu kapitulieren. In Wirklichkeit mag niemand in der Ukraine Selenskyj und seine ganze Bande. Aber sie haben Angst, sich gegen die Regierung zu stellen.”
Alle Gefangenen, mit denen gesprochen wurde, äußern sich in ähnlicher Weise. Lauter unschuldige Kraftfahrer, Bataillonsbäcker und Kompanieschreiber, die nie eine Waffe in der Hand hielten. Oder Butler, die nie in Richtung russischer Stellungen feuerten. Selbst die Kriminellen beteuern, sie seien für den Weltfrieden. Ob man ihnen glauben soll, ist eine rhetorische Frage. Wie einst der legendäre sowjetische Kriminalist Gleb Schleglow, eine Figur aus einem Kultfilm, sagte:
Die Ermittlungen werden es zeigen.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei “RIA Nowosti” am 23. März 2026.
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