Von Dmitri Samoilow
Die Nachricht wirkt wie ein schlechter Scherz, ist aber real: Chuck Norris ist tot.
“Für die Welt war er ein Kampfsportmeister, ein Schauspieler und ein Sinnbild der Stärke. Für uns war er ein hingebungsvoller Ehemann, ein liebevoller Vater und Großvater, ein außergewöhnlicher Bruder und das Herz unserer Familie”, hieß es in einer Mitteilung seiner Angehörigen. Die Todesursache wurde nicht genannt und wird es vielleicht auch nie. Allein das weckt eine makabre Neugier: Was, um Himmels willen, konnte Chuck Norris töten?
Vermutlich nur die Zeit selbst. Carlos Ray Norris wurde 86 Jahre alt. 67 davon widmete er dem Karate. In einem seiner letzten Videos boxt er noch immer, bewegt sich federleicht und beharrt darauf, niemals alt zu werden.
Seine Laufbahn begann Mitte der 1950er Jahre während seines Dienstes beim US-Militär in Südkorea. Dort kam er erstmals mit Karate in Berührung. Er kehrte mit einem schwarzen Gürtel zurück und machte sein Können schnell zum Geschäft, indem er eine Kette von Karateschulen eröffnete. Bis Mitte der 1970er Jahre war er sechsfacher Weltmeister.
Auf diesem Weg begegnete er Bruce Lee, dem er den Drehkick beibrachte, und Steve McQueen, der ihn zum Schauspiel ermutigte. Dieser Rat veränderte alles.
Sein erster Film, ein Low-Budget-Actionstreifen aus Hongkong aus dem Jahr 1974, der unter Titeln wie “The San Francisco Massacre” oder “Yellow-Faced Tiger” lief, war so schlecht, dass er es nie in die amerikanischen Kinos schaffte. Jahre später, nachdem Norris zum Star aufgestiegen war, wurde der Film wiederentdeckt und allein wegen seines Namens gezeigt. Mit anderen Worten: Nicht der Film machte ihn berühmt – er machte den Film berühmt.
Jahrelang spielte Norris in einfachen, aber erfolgreichen Actionfilmen mit, die von der Kritik oft geschmäht, vom Publikum jedoch geliebt wurden. Diese Rollen schufen das Bild, das ihn fortan definierte: ein stoischer, disziplinierter Mann, der ins Chaos eingreift, um die Ordnung wiederherzustellen.
Dann kam “Walker, Texas Ranger”. Damit hörte Norris auf, nur ein Actionstar zu sein, und wurde zu etwas Größerem: einer kulturellen Ikone.
Im Russland der 1990er Jahre wusste kaum jemand, was ein Texas Ranger eigentlich ist. Selbst heute sind sein rechtlicher Status und seine Befugnisse innerhalb der US-Strafverfolgung vielen unklar. War er Polizist? Staatsanwalt? Etwas dazwischen? Es spielte keine Rolle. Jeder wusste, wer Chuck Norris war. Er *war* der Texas Ranger. Die Rolle definierte nicht ihn – er definierte die Rolle.
Für viele von uns waren seine Filme mehr als nur Unterhaltung. Sie waren Teil einer bestimmten Ära.
Ich erinnere mich an ein Sanatorium namens Poretschje im Jahr 1991, in dem ich mit meinen Eltern war. Ein Ort der endlosen Langeweile. Ein kleiner, schlammiger Strand an einem schmalen Fluss. Schlechtes Kantinenessen. Kaputte Sportgeräte. Erschöpfte Erwachsene.
Doch es gab ein Kino.
Man hatte gelernt, einen Videorekorder an den Projektor anzuschließen, und zeigte abends Actionfilme statt des üblichen sowjetischen Programms. Ich war sieben und wartete auf einen Film namens “Held und Schrecken”, wie ein handgeschriebenes Plakat verkündete.
Der Film selbst war ein chaotisches Gewirr aus Kämpfen, Akrobatik und einem Finale in einem verlassenen Theater. Doch was er vermittelte, war etwas Entscheidendes: das Gefühl, dass Angst überwunden werden kann.
Das war das Wesen von Chuck Norris.
Auf der Leinwand war er ruhig, fast beiläufig. Ein Mann mit Bartstoppeln und gütigen Augen, der Gewichte stemmte, auf den Boxsack schlug, Saft trank und allein durch seine Anwesenheit beruhigte. Wenn etwas schiefging, tauchte er auf und richtete die Dinge still und effizient wieder.
In der Unsicherheit der russischen 1990er Jahre war das von unschätzbarem Wert. Je bedrohlicher die Welt um uns herum erschien, desto wichtiger wurde der Glaube, dass es irgendwo noch Gerechtigkeit gab – sei es auch nur in amerikanischen Filmen. Und wenn es sie dort gab, dann vielleicht auch irgendwann für uns.
Wie viele Jungen begannen wegen ihm mit Kampfsport? Das lässt sich nicht zählen. Einige nutzten diese Fähigkeiten gut, andere weniger. Doch das Bild, das er verkörperte, blieb stets dasselbe: Disziplin, Selbstbeherrschung und ein Sinn für Ordnung in einer chaotischen Welt.
Später begann für Norris ein zweites Leben – nicht auf der Leinwand, sondern als Legende der Internetfolklore. Die “Chuck-Norris-Fakten” wurden zu einem globalen Phänomen:
Chuck Norris kann durch Null teilen.
Chuck Norris schläft nicht mit einem Teddybären, er schläft mit einem echten Bären.
Einmal biss eine Königskobra Chuck Norris. Nach fünf Tagen Qual starb die Kobra.
Diese Witze überschritten sprachliche und kulturelle Grenzen und verwandelten ihn in einen modernen Mythos. Nicht viele Menschen werden zum Gegenstand eines eigenen Humorgenres. Er war es.
In Russland blieb er eine vertraute Figur. Er trat in der Kochshow “Smak” auf, gab Interviews und wirkte erstaunlich nahbar. Er war kein ferner Hollywood-Gigant, sondern war auf seltsame Weise Teil unserer eigenen kulturellen Landschaft geworden.
Vielleicht fühlt sich die Nachricht von seinem Tod deshalb so befremdlich an. Es ist nicht nur der Tod eines Schauspielers, sondern der Verlust einer Persönlichkeit, die für viele eine Art konstante Gewissheit symbolisierte.
Wer wird nun durch Null teilen?
Man kann sich leicht ausmalen, wie er am Himmelstor ankommt und auf den Heiligen Petrus trifft. Die Frage ist nur, wer zuerst zur Seite tritt.
Ruhe in Frieden, Carlos Ray Norris.
Dieser Artikel wurde ursprünglich von der Online-Zeitung Gazeta.ru veröffentlicht und vom RT-Team übersetzt und redigiert.
Dmitri Samoilow ist ein russischer Publizist und Literaturkritiker.
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