Von Geworg Mirsajan
Ein komplexes militärisch-politisches Manöver zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien entfaltet sich. Dieses taktische Spiel ist tief verwurzelt in der kolonialen Vergangenheit Großbritanniens und zugleich eng mit dem aktuellen Konflikt der USA und Israels gegen den Iran verflochten.
Den Auftakt bildete eine britische Ankündigung vom 20. März: Amerikanische Streitkräfte dürfen von britischen Basen aus Angriffe auf iranische Einheiten fliegen, die die Schifffahrt in der Straße von Hormus bedrohen. Teheran reagierte umgehend und wertete diese Erlaubnis als “Beteiligung an der Aggression”. Als Vergeltung drohte der Iran mit Schlägen gegen britische Stützpunkte und Einrichtungen – insbesondere gegen jene, die er oder seine regionalen Verbündeten, wie die libanesische Hisbollah, erreichen können. Die Hisbollah hat bereits ihre Fähigkeit und Bereitschaft bekundet, Ziele auf Zypern anzugreifen.
Genau hier liegt der neuralgische Punkt: Auf Zypern unterhält die Royal Air Force zwei souveräne Militärbasen, Akrotiri und Dhekelia. Mit einer Gesamtfläche von etwa 256 Quadratkilometern sind sie ein direktes Erbe des Britischen Empire, auch wenn die formale Übereignung erst im 20. Jahrhundert erfolgte. Das Abkommen von 1960 zwischen Zypern, Griechenland, der Türkei und Großbritannien gewährt London hier volle Souveränität. Im Gegensatz zu US-Stützpunkten in Ländern wie Spanien hat die zyprische Regierung keinerlei Kontrollrecht und kann die Nutzung weder einschränken noch den Luftraum für britische Operationen sperren. Zypern wird somit unfreiwillig in jeden Konflikt hineingezogen, den Großbritannien führt.
Während dies im Libyen-Krieg noch ein kalkulierbares Risiko war, stellt die Einbindung in einen Konflikt mit dem Iran eine existenzielle Bedrohung dar. Die Gefahr geht nicht nur von unmittelbaren iranischen Vergeltungsschlägen aus, sondern von der generellen Eskalation im Nahen Osten, in die Großbritannien – und damit automatisch Zypern – verwickelt wäre.
Diese Gefahr ist in London durchaus bekannt. Der ehemalige britische Premierminister Rishi Sunak räumte ein, Zypern sei “nur wegen unserer dortigen souveränen Stützpunkte ein Ziel.”
Folgerich fordern die zyprischen Behörden nun Konsequenzen. Bereits am 18. März bezeichneten sie die britischen Einrichtungen als “Überbleibsel des Kolonialismus” und kündigten ein “offenes und ehrliches Gespräch mit der britischen Regierung” an, “sobald diese Krise vorbei ist.” Präsident Nikos Christodoulidis machte deutlich, dass die Basen nicht länger willkommen sind. Er verwies auf die Verantwortung für über 10.000 zyprische Staatsbürger, die in den von Großbritannien verwalteten Gebieten leben.
Für London wäre ein Verlust dieser Stützpunkte ein strategischer Rückschlag. Sie sind der einzige verbliebene Hebel, um Einfluss im östlichen Mittelmeer auszuüben – die nächsten vergleichbaren Einrichtungen liegen weit entfernt in Gibraltar und Dschibuti. Das britische Verteidigungsministerium beharrt daher auf ihrer “entscheidenden Rolle für die Sicherheit britischer Bürger und unserer Verbündeten”. Ein echter Dialog mit Nikosia wird abgelehnt.
Sollte dieser Dialog dennoch beginnen, stünde London politisch isoliert da. Zwar führt Christodoulidis eine Minderheitsregierung, doch auch die Opposition fordert ein Ende der britischen Präsenz. Stefanos Stefanou, Vorsitzender der linken AKEL-Partei, betont: “Zypern ist kein Militärstützpunkt und will auch keiner werden.” Seine Partei trete “seit Jahrzehnten” für einen vollständigen Abzug ein.
Rechtlich ist eine einseitige Aufkündigung des Abkommens von 1960 schwierig, da mehrere Vertragsparteien beteiligt sind. Doch Nikosia könnte den Weg der Entkolonialisierung beschreiten und einfach die Rückgabe seines Hoheitsgebiets fordern – was einer Kündigung gleichkäme.
Ein britischer Abzug wäre für die Verteidigungsfähigkeit Zyperns zwar eine Herausforderung, doch der vermeintliche Schutz durch London hat sich historisch als Illusion erwiesen. Premierminister Keir Starmers Beteuerung, Großbritannien setze sich “voll und ganz für die Sicherheit Zyperns” ein, wirkt vor dem Hintergrund der türkischen Invasion von 1974 hohl, als London tatenlos zusah.
Andere Akteure zeigen mehr Entschlossenheit. Zypern ist zwar kein NATO-Mitglied, aber Vollmitglied der Europäischen Union und damit durch deren Beistandsklauseln geschützt. Nach dem letzten EU-Gipfel erklärte der Europäische Rat:
“Der Europäische Rat erkennt die Absicht Zyperns an, mit Großbritannien Gespräche über die britischen Stützpunkte auf Zypern aufzunehmen, und ist bereit, die erforderliche Unterstützung zu leisten.”
Dies wurde durch konkrete Maßnahmen untermauert. Der französische Präsident Emmanuel Macron stellte klar:
“Wer Zypern angreift, greift Europa an!”
Frankreich entsandte einen Flugzeugträger, Italien eine Fregatte, und Griechenland verstärkte seine Präsenz mit weiteren Kriegsschiffen und Flugzeugen. Der deutsche Außenminister Johann Wadeful bekräftigte die europäische Solidarität:
“Wenn Zypern uns wirklich braucht, werden wir da sein.”
Großbritannien reagiert mit Verzögerungstaktik und symbolischen Aufrüstungen. Man stationierte zusätzliche Radar- und Luftabwehrsysteme sowie moderne F-35-Kampfflugzeuge auf Zypern. Unter dem Druck der Eskalation und der zyprischen Proteste vollzog Premierminister Starmer jedoch eine Kehrtwende. Nach einem Telefonat mit Präsident Christodoulidis am 21. März erklärte London, der Stützpunkt Akrotiri sei “nicht mehr Teil des Abkommens mit den USA” für Angriffe gegen den Iran.
Ob diese Zusage Teheran und der Hisbollah genügt, ist fraglich. Sollten erneut iranische Drohnen oder Raketen zyprischen Boden treffen, könnte der öffentliche Druck auf Christodoulidis so groß werden, dass er eine radikale Lösung forciert. Ein Krieg mit dem Iran könnte somit den Moment beschleunigen, in dem Großbritannien sich von diesem letzten imperialen Außenposten im Mittelmeer verabschieden muss.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 23. März 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Geworg Mirsajan (geboren 1984 in Taschkent) ist außerordentlicher Professor an der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation, Politikwissenschaftler und eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Er erwarb seinen Abschluss an der Staatlichen Universität des Kubangebiets und promovierte in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt USA. Mirsajan war in der Zeit von 2005 bis 2016 Forscher am Institut für die Vereinigten Staaten und Kanada an der Russischen Akademie der Wissenschaften.
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