Von Walerija Werbinina
„Eine Bastion gestürmt“, „ein erbitterter Kampf überstanden“ oder gar der feudal anmutende „Verlust des Erbbesitzes“ – diese Begriffe stammen nicht von einem Schlachtfeld, sondern beschreiben die Kommunalwahlen in Frankreich. Diese fanden in zwei Wahlgängen statt: Erreichte kein Kandidat im ersten Durchgang die absolute Mehrheit von über 50 Prozent, folgte eine Stichwahl.
Angesichts der stark zersplitterten Parteienlandschaft stand der Sieger selten sofort fest. Die einwöchige Pause zwischen den Wahlgängen wurde daher intensiv für taktische Bündnisse genutzt. Die diesjährigen Kommunalwahlen standen unter besonderer Spannung, gelten sie doch als der zuverlässigste Stimmungsbarometer für die entscheidende Präsidentschaftswahl 2027. Dann wird Frankreich Emmanuel Macron los und wählt einen neuen Staatschef.
Entsprechend genau wird jedes Ergebnis seziert. Ein Sieg oder eine Niederlage auf kommunaler Ebene wird als Vorbote für die Kräfteverhältnisse im großen Duell um den Élysée-Palast gewertet. Ob in der Großstadt oder der Kleinstadt – die französische Politik ist eng mit den regionalen Machtverhältnissen verwoben. Selbst der Verlust einer scheinbar unbedeutenden Gemeinde kann als politische Tragödie interpretiert werden.
„Die Grünen haben Bègles verloren, eine ihrer ältesten Hochburgen“, berichtet Le Monde und verweist darauf, dass die 30.000-Einwohner-Stadt der Partei 37 Jahre lang die Treue gehalten hatte. In Brest verlor der Sozialist François Cuillandre die Stadt an die Rechte, die dort ebenfalls seit 37 Jahren regiert hatte. Ein Erfolg für die Linke war dagegen der Sieg des 83-jährigen kommunistischen Bürgermeisters von Martigues, Gaby Charroux, gegen den Kandidaten des rechtsextremen „Rassemblement National“ (RN).
In Nizza triumphierte der ehemalige Vorsitzende der Republikaner, Éric Ciotti, der sich dem rechten Lager angeschlossen hat und ein enger Verbündeter von Marine Le Pen ist. In Le Havre behielt Édouard Philippe sein Amt, der als Spitzenkandidat des Zentrums für die Nachfolge Macrons gehandelt wird.
Die Wahlen brachten auch kuriosere Episoden hervor: In der Kleinstadt Arcis-sur-Aube setzte sich ein Kandidat mit dem Nachnamen Hittler durch – ausgerechnet gegen einen Bewerber namens Renaud-Zielinski. Der 75-jährige Sieger, dessen Familie aus dem Elsass stammt, kommentierte:
„Einige Tage lang mussten wir Angriffe, Karikaturen und polemische Ausfälle ertragen, die nichts mit unserem Leben hier zu tun haben.“
Die Einheimischen nennen ihn lieber bei seinem Vornamen Charles oder „Monsieur Charles“.
In Val-de-Scis führte eine exakte Stimmengleichheit zu einer ungewöhnlichen Entscheidung: Zum Zuge kam die Liste, deren Kandidaten im Durchschnitt älter waren.
Zu den bedeutendsten Ergebnissen zählt die Niederlage von Macrons Vertrauter Rachida Dati. Die ehemalige Kulturministerin unterlag im Rennen um das Pariser Rathaus trotz massiver Regierungsunterstützung und trotz medienwirksamer PR-Aktionen, bei der die für ihren luxuriösen Lebensstil bekannte Politikerin die Arbeit eines Müllwerkers imitierte.
Sieger in Paris wurde der Sozialist Emmanuel Grégoire, auf den sich alle linken Kräfte – mit Ausnahme der linkspopulistischen „La France insoumise“ (LFI) von Jean-Luc Mélenchon – geeinigt hatten. Paris bleibt damit eine Hochburg der Sozialisten.
Eine politische Sensation war die Niederlage des ehemaligen Premierministers und Zentristen François Bayrou in seiner Heimatstadt Pau. Le Monde spricht bereits vom „Niedergang einer langen politischen Karriere“. Der 74-jährige Bayrou, zwölf Jahre lang Bürgermeister, unterlag dem 50-jährigen Anwalt und Sozialisten Jérôme Marbot, der eine lokale Linkskoalition (ohne LFI) anführte, mit nur 344 Stimmen Unterschied.
Das Blatt Politico zieht eine vereinfachte Bilanz und zählt zu den Gewinnern den neuen Pariser Bürgermeister (gemeint ist hier der Sieger der Wahl, Anm. d. Red.), Édouard Philippe in Le Havre, Éric Ciotti in Nizza und das „Rassemblement National“, das seine Basis in kleineren Städten ausbauen konnte. Zu den Verlierern gehören paradoxerweise auch der RN, dem der Durchbruch in die großen Städte misslang, sowie Macron, Bayrou, die „Grünen“ und das gescheiterte linke Bündnis mit LFI, das unter anderem Toulouse, Limoges, Brest und Clermont-Ferrand verlor. Le Monde betont, dem RN gelinge es nicht, über Erfolge in mittelgroßen Städten hinauszukommen.
In Toulon unterlag die charismatische 49-jährige RN-Kandidatin Laure Lavallette der amtierenden rechtskonservativen Bürgermeisterin, der 75-jährigen Josée Massi, die erklärte:
„Toulon hat Widerstand geleistet, Toulon hat Charakter, genau wie ich.“
Der Verlust des wichtigen Militärhafens ist für die Rechten besonders schmerzhaft, da die Stadt vor 30 Jahren bereits von einem Bürgermeister ihrer Partei regiert wurde und die Rückkehr in greifbarer Nähe schien. Lavalette hatte die erste Runde noch mit 42,05 zu 29,54 Prozent gewonnen. Doch im zweiten Wahlgang formierte sich gegen sie eine „republikanische Front“ aus anderen Rechten und Macron-Anhängern, die die Stadt für das bürgerliche Lager hielt.
Ein ähnliches Szenario spielte sich in Nîmes ab, wo der RN-Vizeparteichef Julien Sanchez nach einem Sieg im ersten Durchgang im zweiten Wahlgang dem Kommunisten Vincent Bouget unterlag, der von einem breiten Linksbündnis unterstützt wurde.
Auch in Marseille blieb der RN erfolglos. Kandidat Franck Allisio unterlag dem amtierenden Bürgermeister Benoît Payan, der von einem Linksbündnis ohne LFI getragen wurde. Payan erhielt 54,34 Prozent. Trotz der Niederlage im Rathaus konnte sich der RN in zwei Stadtbezirksparlamenten etablieren.
Wie Politico feststellt, konnte der RN vor sechs Jahren landesweit nur 827 Sitze (Bürgermeister und Gemeinderäte) erringen, heute sind es 3.019. Parteichef Jordan Bardella feierte dies bereits als „bedeutendsten Durchbruch in unserer Geschichte“. Dies wirft natürlich die Frage nach seinen eigenen Ambitionen als möglicher Präsidentschaftskandidat auf.
Laut einer von Politico zitierten Umfrage könnte Bardella in einer ersten Wahlrunde 35 Prozent der Stimmen holen und den Zentristen Édouard Philippe um 17 Prozentpunkte überflügeln. Dieselbe Publikation verweist jedoch auf die erfolgreiche Taktik seiner Gegner, im zweiten Wahlgang jedes Bündnis einzugehen, um den RN zu stoppen – wie in Toulon geschehen. Hätte Bardella bereits in der ersten Runde gewonnen, bliebe dem Gegner keine Chance. Doch genau das zu erreichen, wird äußerst schwierig sein.
Nun ziehen die Parteien Bilanz, passen ihre Strategien an und suchen im Falle eines Misserfolgs nach Schuldigen. Die gemäßigte Linke kritisiert die Linkspopulisten von LFI. Der sozialistische Abgeordnete Boris Vallaud bemerkte:
„Das Bündnis mit ihnen war erfolglos und hat uns zur Niederlage geführt.“
Der rechte Abgeordnete Sébastien Chenu griff seinerseits rechte Republikaner an und warf ihnen vor, sie hätten „Marseille den Sozialisten geschenkt“. Der siegreiche Bürgermeister von Marseille rief dagegen dazu auf, das linke Bündnis zu erhalten, sich aber von den „Verordnungen“ Mélenchons fernzuhalten.
Im Hinterkopf aller Beteiligten schwingt jedoch stets die nächste große Wahl mit: die Präsidentschaftswahl 2027, die über die Zukunft Frankreichs entscheiden wird
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel erschien zuerst am 23. März 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad”.
Walerija Werbinina ist Analystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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