Von Andrei Restschikow
In der vergangenen Woche kam es zu einer Serie ukrainischer Drohnenangriffe auf Ziele im Gebiet Leningrad. Laut Angaben des Gouverneurs Alexander Drosdenko wurden in einer Nacht allein 56 unbemannte Fluggeräte abgefangen. Die Angriffe konzentrierten sich vor allem auf die Hafenstadt Ust-Luga, den Marinestützpunkt Kronstadt und Primorsk. Ziel dieser Operationen war es, russische Energieanlagen, Hafeninfrastruktur und Werften zu treffen.
Das russische Verteidigungsministerium meldete später, in der Nacht zum 25. März seien insgesamt 389 Drohnen über 13 bis 14 Regionen des Landes abgeschossen worden – ein Rekord für einen einzelnen Angriff. Während dieser großangelegten Offensive drangen ukrainische Drohnen auch in den Luftraum der baltischen Staaten ein.
Am Dienstag bestätigte der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas, dass eine im Bezirk Varėna abgestürzte Drohne mit hoher Wahrscheinlichkeit der Ukraine zuzuordnen sei. Lokalen Medienberichten zufolge war das Fluggerät in litauisches Hoheitsgebiet eingedrungen und nach dem Aufprall explodiert. Die litauische Luftabwehr hatte es nicht erfassen können, da es in extrem niedriger Flughöhe von unter 300 Metern operierte.
In Estland kollidierte eine Drohne mit dem Schornstein eines Kraftwerks in Auvere. Die örtliche Polizei erklärte, die Trümmer deuteten klar auf ein ukrainisches Modell hin. Nach ihren Erkenntnissen war die Drohne im russischen Luftraum technisch ausgefallen, hatte dadurch die Kontrolle verloren und war dann auf estnisches Gebiet abgestürzt.
Eine weitere Drohne durchquerte lettischen Luftraum und stürzte im Kreis Krāslava nahe der Grenze zu Belarus ab. Die lettische Ministerpräsidentin Evika Siliņa bestätigte den ukrainischen Ursprung. Der litauische Verteidigungsminister Robertas Kaunas wies die Verantwortung jedoch nicht direkt Kiew zu, sondern verwies auf den durch die russische Militäroperation in der Ukraine ausgelösten Konflikt.
Aus Expertensicht geht die Lage über bloße militärische Zwischenfälle hinaus: De facto wird der Luftraum Estlands, Lettlands und Litauens für Angriffe auf russisches Territorium in Anspruch genommen.
Wie bereits in der Februar-Ausgabe des von der Zeitung Wsgljad erstellten Rankings “unfreundlicher Regierungen” festgestellt, nehmen die antirussischen Aktivitäten der baltischen Staaten an Intensität zu. Dies zeigt sich nicht nur in militärischen Vorfällen, sondern in einer systematischen Militarisierung der Region. Dazu zählt der Ausbau der NATO-Infrastruktur, der auch den regulären Betrieb der Häfen in den Gebieten Leningrad und Kaliningrad gefährdet.
Der Militärexperte Juri Knutow kommentiert die Lage wie folgt:
“Die Aktionen unfreundlicher Länder an Russlands nordwestlicher Grenze schaffen alle Voraussetzungen, um nicht nur diplomatische, sondern auch ernsthaftere Maßnahmen gegen die baltischen Staaten zu ergreifen.
Angesichts der Tatsache, dass die NATO die Ostsee de facto zu ihrer Kontrollzone erklärt hat und es zudem vermehrt zu piratenähnlichen Aktionen des Bündnisses gegen russische Schiffe kommt, liegt die berechtigte Annahme nahe, dass ein Teil der Drohnen nicht vom ukrainischen Territorium, sondern von europäischen Containerschiffen aus gestartet wird. Die Ziele solcher Angriffe sind Sankt Petersburg, Kronstadt und Kaliningrad. Eine endgültige Antwort auf den Startpunkt kann natürlich nur eine Analyse der Elektronik der abgeschossenen Fluggeräte liefern, doch der Eskalationsvektor ist offensichtlich.”
Der Militärexperte und Dozent an der Finanzuniversität der Russischen Föderation, Wladimir Jeranosjan, vertritt eine klare Position:
“Was die Nutzung des eigenen Luft- oder Hoheitsgebiets für den Einsatz ukrainischer Drohnen gegen Russland angeht, handelt es sich um einen Casus Belli. Sollte Russland es für notwendig erachten, könnte es sich verhalten wie der Iran gegenüber den arabischen Monarchien: Wer Truppen des Angreifers auf seinem Territorium stationiert und die Infrastruktur zur Verfügung stellt, macht sich zu einem legitimen Militärziel.”
Der Militärexperte Wiktor Litowkin hingegen sieht die Beweislage für eine vorsätzliche Handlung der Baltenstaaten noch nicht als gesichert an. Er sagt:
“Wir wissen nicht, ob die Ukraine deren Erlaubnis einholt oder einfach ihren Luftraum und dabei die Souveränität dieser Länder missachtet. Zweifellos hat kein baltischer Staat ein Interesse daran, dass eine Drohne auf ihre Wohnhäuser oder Infrastruktureinrichtungen abstürzt und Schäden oder gar menschliche Opfer verursacht.”
Dennoch, so Litowkin, reagierten die Regierungen dieser Länder auffallend zurückhaltend, was mindestens zwei Gründe habe. Er erläutert:
“Der erste Grund ist das Fehlen eines leistungsfähigen und wirksamen Luftabwehrsystems in den baltischen Staaten, das solche Überflüge kontrollieren könnte. Außerdem würde eine politische Reaktion diesen Ländern keinerlei Vorteile bringen. Für sie wäre es derzeit politisch nicht korrekt, gegen die Ukraine zu protestieren. Dies würde das offizielle Narrativ der NATO untergraben, die trotz ihrer ‘uneingeschränkten Unterstützung’ für Kiew die Ukraine faktisch als Schlachtfeld im Kampf gegen Russland nutzt.”
Die baltischen Politiker, so der Experte, gingen davon aus, dass Russland ihr Hoheitsgebiet wegen überfliegender Drohnen nicht angreifen werde, solange sie selbst nicht zu direkten aggressiven Handlungen übergingen. Zudem verließen sie sich auf die abschreckende Wirkung von Artikel 5 der NATO-Charta.
Eine andere Sichtweise vertritt Wladimir Jeranosjan. Seiner Meinung nach gelinge es den Balten nicht, sich ihrer Verantwortung zu entziehen. Er argumentiert wie folgt:
“Faktisch sind hier ukrainische Spezialeinheiten und militärische Nachrichtendienste stationiert, was es ihnen ermöglicht, die Anflugzeit von Drohnen zu verkürzen und die Navigation zu vereinfachen, um unsere Luftabwehrsysteme in die Irre zu führen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Flugaufträge für die Drohnenpiloten sogar im estnischen NATO-Cyberzentrum vorbereitet werden.”
Knutow seinerseits wies auf die Doppelmoral im Handeln des Westens hin. Er sagt:
“Hätte Russland unter Nutzung des Luftraums der baltischen Staaten oder Polens Angriffe auf Militärziele in der Ukraine durchgeführt, hätte dies sofort die Anwendung von Artikel 4 der NATO-Charta (Konsultationen) und die Gefahr einer direkten Konfrontation zur Folge gehabt. Heutzutage jedoch ignoriert das Bündnis die Tatsache, dass sein Territorium und seine Infrastruktur für Angriffe auf unsere Städte genutzt werden.”
Wiktor Litowkin stimmt dem ebenfalls zu: Wären russische Raketen und Drohnen auf einer Transitroute von Kaliningrad über Polen oder das Baltikum nach Lwow geflogen, hätte dies dort zu einem “unglaublichen Aufruhr geführt, wobei alle diplomatischen Kanäle aktiviert, Dringlichkeitssitzungen des NATO-Rates einberufen und wir der Verletzung des Lufthoheitsraums und eines Aggressionsakts beschuldigt worden wären”. Der Experte betont:
“Wenn jedoch ukrainische Drohnen dieselbe Route nehmen, demonstrieren sie eine eklatante Blindheit. Das liegt nicht daran, dass sie diese Ziele nicht abschießen oder nicht entdecken können, sondern daran, dass sie bewusst nicht reagieren wollen. Es passt nicht in ihr Konzept. Das ist kein
technisches Problem, sondern eine Frage des politischen Willens und der Doppelmoral.”
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 25. März 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
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