Beschleunigung als Waffe: Wie die Moderne den Krieg vorbereitet

Von Felicitas Rabe

“Die Einfachheit wird aus dem Leben verdrängt, die Stille ist verloren. Man jagt sich, man treibt sich gegenseitig an, man will alles im Augenblick besitzen und genießen. Es ist alles veloziferisch.”

Johann Wolfgang von Goethe über “die moderne Hast” in einem Brief an Karl Friedrich Zelter am 25. Mai 1827

Unter dem Motto “Rasende Zerstörung” veranstaltet die Neue Gesellschaft für Psychologie (NGfP) von Donnerstag bis Sonntag ihre Jahreskonferenz in Berlin. Den einführenden Vortrag zum Thema “Rasende Zerstörung im Zeitalter der Geschwindigkeit” hielt am Freitag der Vorsitzende des NGfP-Vorstands, Benjamin Lemke.

Zu Beginn seines Vortrags verwies der Politikwissenschaftler und Psychologe Benjamin Lemke auf den französischen Philosophen Paul Virilio. In dessen Werk “Geschwindigkeit und Politik” werde der Zusammenhang zwischen bürgerlicher Ordnung und Zerstörung aufgezeigt. Ein zentrales Element der Macht über Wirtschaft, Krieg und Frieden sei dabei die Kontrolle der Geschwindigkeit. Lemke führte dazu aus:

“Wer schneller sehen kann, verschafft sich einen Informationsvorsprung und somit Entscheidungsmacht. Wer schneller kommunizieren kann, kann die Agenda setzen, mit Drohungen spielen und Finanzmärkte beeinflussen. Wer schneller militärisch zuschlagen kann, für den werden klassische Eroberungen überflüssig.”

In modernen Kriegen, so Lemke, seien Massen an Soldaten nicht mehr nötig – anders als etwa im Ersten Weltkrieg, als allein in Deutschland rund zehn Millionen Soldaten an verschiedenen Fronten kämpften. Heutige Militärmacht basiere auf Satelliten, Sensoren, Drohnen und Kommunikationszentren. Unser Planet schrumpfe zu einem simultanen Operationsfeld, in dem jeder Punkt beobachtbar und innerhalb von Minuten erreichbar sei.

Der entscheidende militärische, politische und wirtschaftliche Vorteil liege in der Geschwindigkeit, mit der die jeweiligen Mächte handeln könnten: “Wer rascher ist, gewinnt.” So habe der ehemalige US-Präsident Donald Trump den Angriff auf den Iran damit begründet, dass die USA die militärischen Kapazitäten des Irans zerstören müssten, “bevor sie uns treffen.” Man müsse “zuerst zuschlagen, damit unsere Antwort schneller und stärker ist”.

Die Geschwindigkeit und Widersprüchlichkeit von Trumps Kriegserklärungen erinnerten an eine blinde Raserei, die die ganze Welt in ähnlich verrücktem Tempo in Mitleidenschaft ziehe. Dieses hohe Tempo wirke sich nicht nur auf die Gemütszustände der Menschen aus, sondern auch auf die Wirtschaft und die Schwankungen an den Börsen. Insofern seien Kriege spekulative Geschäfte mit der Zeit.

In der Kriegsberichterstattung folgten die Medien diesen Widersprüchen und dem rasanten Tempo und versetzten die Gesellschaft dadurch in einen Zustand der Ohnmacht. Dadurch verkümmerten die Fähigkeiten zur Reflexion und Besinnung – und damit auch die Voraussetzungen für politisches Engagement und Kritik. Das beherrschende Prinzip von Geschwindigkeit und Zerstörung bestimme jedoch nicht nur die Kriegsvorbereitung, sondern immer mehr gesellschaftliche Bereiche. Auf diese Entwicklung beziehe sich das Motto der Konferenz. Lemke erläuterte:

“Rasende Zerstörung meint somit eine durch den Kapitalismus und seine technologische Dynamik angetriebene Form der Zerstörung, die sich durch ansteigende Geschwindigkeit und Intensität auszeichnet und zunehmend den Alltag beherrscht.”

So sei auch der Alltag in Deutschland in immer größerem Ausmaß von konkreten Kriegsvorbereitungen betroffen. Auf Hochtouren werde die deutsche Infrastruktur für ihre Funktion als NATO-Drehscheibe in einem möglichen Ostfrontkrieg umgebaut: Das Land diene in einem zukünftigen europäischen Krieg gegen Russland als logistische Basis und Durchmarschgebiet für hunderttausende Soldaten. Die zivile Infrastruktur – Straßen, Brücken, Bahnanlagen oder Krankenhäuser – werde für einen “dualen” Nutzen eingerichtet. So werde derzeit auf der Autobahn A44 zwischen Kassel und Eisenach eine Lande- und Abflugstrecke für Flugzeuge der Kriegslogistik Richtung Osten gebaut.

Darüber hinaus würden bislang zivile Unternehmen wie die Deutsche Bahn, DHL und Lufthansa in zivil-militärische Kooperationen integriert. Insgesamt werde der zivile Raum einer Gesellschaft für den militärischen Nutzen “umprogrammiert”. Die Raumnutzung erhalte dabei auch eine neue Zeitlogik: Der Raum solle schnell und massenhaft militärisch nutzbar werden. Mit den ab 2026 neu einzurichtenden Waffen- und Raketensystemen diene Deutschland direkt als Abschussrampe für Langstreckenraketen gegen Russland.

Gegenüber der Bevölkerung werde der Umbau der zivilen Infrastruktur und die kriegsvorbereitenden Konzernkooperationen mit angeblich notwendiger Prävention begründet. Diese angebliche Prävention diene auch dazu, bürgerliche Rechte fortlaufend einzuschränken und durch neue Überwachungs- und Eingriffsrechte zu ersetzen. Der Staat mutiere zur Einsatzleitstelle gegen seine eigenen Bürger.

Doch nicht nur freiheitliche Grundrechte wie die Meinungs- und Bewegungsfreiheit würden eingeschränkt. Der im Rahmen der Kriegsvorbereitung stattfindende Sozialabbau führe zu einer immer mangelhafteren Gesundheits- und Bildungsversorgung sowie zum Abbau der sozialen Daseinsfürsorge. In diesem Zusammenhang solle das Bürgergeld gestrichen und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nur noch einmal pro Jahr gewährt werden.

Grundsätzlich werde die Zivilbevölkerung auf das Tempo einer rasenden Zerstörung eingetaktet: Mit beschleunigten sogenannten “Reformen” würden soziale Sicherheiten der Menschen zerstört. Demokratische Aushandlungsprozesse würden durch “Eilgesetzgebungen” unterwandert. Und die Dauermobilmachung in eine hyperschnelle, militärisch formatierte Gesellschaft zerstöre neben der Muße auch langfristige Zukunfts- und Lebenspläne der Bürger.

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