Geheimtagung in Berlin: Museum Karlshorst stempelt sowjetischen Sieg als “fremdes Gedenken” ab

Von Platon Gontscharow

Seit nun fast acht Jahrzehnten überragt ein bronzener Koloss den Berliner Bezirk Treptow – das weltbekannte Sowjetische Ehrenmal. In seiner Hand hält der Soldat ein kleines Mädchen, das sich an ihn schmiegt, während die andere Faust den Griff eines Schwertes umklammert, unter dessen Klinge ein zerschmettertes Hakenkreuz liegt. Es ist ein deutsches Kind, das er gerettet hat. Diese Figur verkörpert den Soldaten Nikolai Massalow, der am 30. April 1945 in den letzten Kriegstagen tatsächlich ein Mädchen aus der Feuerlinie nahe einer Brücke über den Landwehrkanal barg. Seine Tat steht symbolisch für Hunderte ähnlicher heldenhafter Rettungsaktionen, die sich im Frühjahr 1945 in und um Berlin zutrugen.

Mit Sockel und Hügel erreicht das Denkmal eine Höhe von 30 Metern und besitzt die Aura einer heiligen Stätte. Zusammen mit der Statue der “Mutter Heimat” und weiteren Skulpturen bildet es eine einzigartige Gedenkstätte. Es handelt sich um ein architektonisches Meisterwerk, eines der eindrucksvollsten in Deutschland, dessen symbolische Kraft ungebrochen ist. Jährlich am 9. Mai strömen Zehntausende herbei, um Blumen und Kränze niederzulegen.

Aus Sicht der derzeitigen politischen Führung ist dieser Anblick jedoch unbequem. Er passt nicht in den Zeitgeist. Ein Russe, so die vorherrschende Lesart, ist per se eine Bedrohung – er kann nicht der Retter eines deutschen Kindes sein. Die Medien lehren uns, dass er vielmehr derjenige ist, der Kinder entführt, wie etwa ukrainische, und das zu Hunderttausenden. Er sei derjenige, der vergewaltigt, plündert und keinem Leben Respekt zollt, vermutlich nicht einmal dem eigenen.

Doch das lästig gewordene Monument einfach zu beseitigen, ist nicht so einfach möglich, ebenso wenig wie Hunderte kleinerer Denkmäler auf Ehrenfriedhöfen. Ihr Erhalt ist eine deutsche Verpflichtung aus dem Zwei-plus-Vier-Vertrag. Im Gegenzug darf der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Russland ungehindert arbeiten und Gedenkstätten für gefallene Wehrmachtssoldaten pflegen. Es ist eine Vereinbarung, die ein friedliches Nebeneinander im Gedenken regelt, nicht eines aus Zuneigung. Ungewollt sorgen die Toten des Zweiten Weltkriegs so dafür, dass die Nachfahren der damaligen Kriegsparteien den Umgang mit der Erinnerung des anderen respektieren müssen. Das ist der einzige zivilisatorische Gewinn aus dem Grauen des Krieges.

“Zivilisiert” ist hier das Schlüsselwort. Denn was mit sowjetischen Denkmälern bei Deutschlands “Freunden” im Osten – in Polen, dem Baltikum und vor allem in der Ukraine – geschah, war schlichtweg barbarisch. Die bronzenen Abbilder der Besieger des Nazismus wurden geschändet, geköpft und mit Kränen gestürzt. Aus Sicht der wohlwollend berichtenden deutschen Medien war das Anliegen, angebliche Propaganda zu bekämpfen, grundsätzlich richtig; nur die Methoden erschienen fragwürdig. Schließlich hat Deutschland, wie jedes Kind weiß, eine besondere “Verantwortung”.

Bewegung kam in die Sache nach Februar 2022. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Deutsch-Russische Museum Berlin-Karlshorst, das sich am Ort der Unterzeichnung der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 befindet. Die gemeinsam mit russischen, belarussischen und ukrainischen Historikern erarbeitete Ausstellung über den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion war ein einzigartiger Ort der Aufklärung in Deutschland. Hier wurde das Ausmaß der NS-Verbrechen dokumentiert. Die Sowjetunion als Siegermacht wurde dabei vergleichsweise sachlich dargestellt, frei von im Westen üblichen Anwürfen. Noch heute kann man hier das Arbeitszimmer des Siegesmarschalls Georgi Schukow besichtigen.

Bereits nach wenigen Wochen wurde das Museum in “Museum Berlin-Karlshorst” umbenannt, die russische Flagge vor dem Gebäude eingeholt. Bis heute weht dort allein die ukrainische Flagge. Der Museumsleiter, der Historiker Dr. Jörg Morré, der jahrelang als eine Art Erinnerungsdiplomat zwischen Berlin, Minsk, Moskau und Kiew vermittelt hatte, schwenkte abrupt auf eine antirussische Linie ein. Selbst in den schwierigen Jahren nach dem Maidan hatte er sich noch kritisch zur mangelnden Würdigung der sowjetischen Opfer geäußert. Auch einen ukrainischen Vorstoß, die Opfer zu nationalisieren, hielt er für nicht zielführend. Zudem waren die Museumsräume stets ein Treffpunkt für verschiedene private Gedenkinitiativen.

Ab März 2022 war damit Schluss: Die “Zeitenwende” ergriff auch das Museum. Kontakte zu russischen staatlichen Stellen beschränke er nur noch auf das Nötigste, wie er schriftlich im Museumsbeirat festhielt. In Interviews und öffentlichen Auftritten polemisierte der Gedenkexperte nun gegen Russland, bezichtigte es der Propaganda und des Missbrauchs der Geschichte für “Eroberungskriege”.

Neu aufkommende geschichtsrevisionistische Strömungen in Deutschland und Mitteleuropa übertünchte das Museum mit Euphemismen wie “multiple Geschichtsperspektiven” oder “kreative Umdeutung”. Der Diskursraum füllte sich schnell mit Abrisstheoretikern aus Polen, dem Baltikum und der Ukraine, die ihren deutschen Kollegen beibrachten, wie man sich des lästigen russischen und sowjetischen Erbes entledigen könne. Hinzu kamen russische Oppositionelle und Vertreter der deutschen “Aufarbeitungs”-Szene.

Bereits im Juni 2023 sinnierte der Museumsdirektor, im historischen Kapitulationssaal sitzend, darüber, wie man sowjetische Denkmäler am effektivsten umwidmen könne. Er plädierte immerhin für die “zivilisierteste” Lösung: nicht den Abriss (wegen Denkmalschutz), sondern eine künstlerische “Entfremdung”. Die Stalin-Zitate im Treptower Park, die er besonders störend fand, könne man mit Lasern ausblenden, so ein Vorschlag. Auch die Umhüllung von Denkmälern mit ukrainischen Fahnen sei eine Idee.

In seinen zahlreichen Auftritten zeigte er zudem, wie feinfühlig er Signale aus den Berliner Regierungsetagen aufnimmt. Eine Umwidmung sei nun “zeitgemäß”, betonte er ständig. Schließlich sei Russland nun der Feind, und zwar “für immer” (so Außenminister Johann Wadephul am 30. April 2025). Mitten in der Diskussion um den sogenannten Baerbock-Erlass im Mai 2025, der russische Diplomaten von Gedenkveranstaltungen ausschloss, ließ Morré durchblicken, dass er nun die Wadephul-Linie auf seiner Fachebene umzusetzen habe. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagte er schließlich:

“Es geht dabei doch aber in erster Linie um unser Selbstverständnis, unser Erinnern. Wir als Deutsche machen das in Abgrenzung zur russländischen Politik und ihren Vertretern.”

Damit gehen Deutsche und Russen auch in der Erinnerung fortan getrennte Wege. Ein Konsens ist nicht mehr vorgesehen, das Zeitalter der Erinnerungskriege ist eröffnet. Diese Haltung bildete auch den Hintergrund der nächsten Fachkonferenz, die am 26. März im Kapitulationssaal stattfand.

Sie trug den Titel “Fremdes Gedenken – eigene Verantwortung? Sowjetische Ehrenmale und deutsche Erinnerungskultur” und wurde in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Ukrainischen Institut in Deutschland durchgeführt. Die ganztägige Tagung war nicht öffentlich, obwohl mit Steuergeldern finanziert. Russische Vertreter und Journalisten waren ausgeschlossen. Insgesamt wirkte

Insgesamt wirkte das Treffen aufgrund seiner Geschlossenheit sehr klandestin, fast konspirativ, was eher Argwohn schürte, als ihn zu zerstreuen.

Obwohl die Inhalte vertraulich blieben, lassen die veröffentlichte Tagesordnung und die geladenen Teilnehmer eine klare Tendenz erkennen. Schon der fragende Titel neben dem Bild des Treptower Soldaten deutet an, dass die sowjetischen Ehrenmale den Veranstaltern offenbar noch immer als etwas Fremdes, von Besatzern Aufgezwungenes gelten. Sollte man sich diese andere Gedächtniskultur weiterhin aufladen? Der Programmpunkt “Ortsbegehung: Spuren sowjetischer Erinnerungskultur im Museum Berlin-Karlshorst” weckt die Befürchtung, dass diese historische Stätte bald “entsowjetisiert” werden könnte – ein Vorhaben, bei dem ukrainische Kulturfunktionäre sicherlich bereitwillig Hilfestellung leisten würden.

Mit dem Lemberger Publizisten Juri Drikot und dem Historiker Jan Claas Behrends waren zwei bekannte Russland-kritische Stimmen vertreten. Das Panel I “Die Aufarbeitung des Kommunismus in Deutschland” mit Vorträgen von Anna Kaminsky (Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur) und Stefan Donth (Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen) legte nahe, dass die sowjetischen Mahnmale – eigentlich Symbole für die notwendige Niederringung des Nazismus – nun in das düstere Licht angeblicher kommunistischer Verbrechen gerückt werden sollen.

Der Historiker Karsten Brüggemann lehrt in Tallinn und hat sich intensiv mit der sogenannten “Bronzenacht” von 2007 beschäftigt, den Unruhen um den Abbau eines sowjetischen Bronzesoldaten in Estlands Hauptstadt. Seine Einladung zum “Panel II: Umgang mit Ehrenmalen und Friedhöfen” könnte ihn als Experten für die praktische Umsetzung solcher Vorhaben ausweisen.

Dass es sich nicht um bloße Spekulationen handelt, darauf deutet auch die Teilnahme von Martin Venne aus Kassel hin, einem Experten für Friedhofskultur. Venne leitet zugleich ein Planungs- und Beratungsbüro für Friedhöfe und Denkmalpflege. Sollte eine Umgestaltung der sowjetischen Memoriale geplant sein, wäre er der richtige Fachmann dafür.

Im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen des Museums wird man eine Videodokumentation dieser Diskussionen vergeblich suchen – die Veranstalter stellen sie nicht ins Netz. Man braucht keine große Fantasie, um die in Karlshorst erörterten Ideen als verschwörerisch zu bezeichnen. Für die Teilnahme warb die Museumsleitung mit einem Plakat, das den bronzenen Soldaten im Treptower Park zeigt. Der russische Retter des deutschen Mädchens, der den Nazismus zerschlug, steht damit plötzlich stellvertretend für “fremdes Gedenken”.

Warum klingt das so unangenehm vertraut? Weil auch im Dritten Reich Juden als “Fremde” und “Volksfeinde” gebrandmarkt wurden! So geht die sprachliche Enthemmung in der heutigen Bundesrepublik ausgerechnet von jenen aus, die von Berufs wegen dazu berufen sein sollten, ein würdevolles Gedenken an den Krieg als schützenswertes Friedensgut zu bewahren.

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