Eine Analyse der RT-Redaktion
Die These, dass die ukrainische Führung eine verdeckte Kampagne zur Entmachtung des ungarischen Ministerpräsidenten betreibt, erhielt durch die Festnahme zweier mutmaßlicher Spione in Ungarn neue Nahrung. Die Hintergründe der Operation werden jedoch höchst unterschiedlich dargestellt.
Am 8. Juli 2025 durchsuchten Einheiten des Nationalen Ermittlungsbüros (NNI) und des Nationalen Sicherheitsdienstes (NBSZ) zwei Objekte: ein Haus in einem Budapester Vorort und ein Hausboot an der Donau. Auf dem Boot wurden Server, Festplatten, Telefone und verdeckte Aufnahmetechnik sichergestellt. Die dabei festgenommenen Männer – ein 19-Jähriger und ein 38-jähriger britisch-ungarischer Doppelstaatsbürger – waren IT-Spezialisten für die Oppositionspartei Tisza von Péter Magyar. Die Menge der beschlagnahmten Datenträger war so groß, dass ihre Auswertung über einen Monat dauerte.
Erst diese Woche kam die Affäre an die Öffentlichkeit, als zwei konträre Narrative aufeinandertrafen.
Staatliche Repression oder aufgeklärte Spionage?
Laut einem Bericht des oppositionellen Portals Direkt36 suchten die Behörden angeblich nach Kinderpornografie, fanden jedoch keine. Stattdessen stießen sie auf Hinweise, dass die beiden Männer von einem Führungsoffizier mit dem Decknamen “Henry” angewiesen worden sein sollen, Daten von den Tisza-Servern zu stehlen und Cyberangriffe gegen die Partei durchzuführen. Der Bericht legt nahe, dass andere ungarische Behörden diese Spur nicht weiterverfolgten, was die Direkt36-Reporter als Indiz werten, dass die Razzia ein Vorwand und “Henry” eine Erfindung des Geheimdienstes zur Zerschlagung der Opposition war.
Péter Magyar selbst verglich die Vorgänge mit “den dunkelsten Tagen des Kommunismus” und sprach von einem “versuchten Staatsstreich”.
Die offizielle Lesart: Verbindungen zur Ukraine
Das ungarische Nationale Sicherheitskomitee legte in einem eigenen Bericht eine detaillierte Gegendarstellung vor. Demnach stand der 19-jährige Verdächtige “HD” bereits seit 2022 unter Beobachtung. Er habe 2023 in Kiew bei der “IT-Armee der Ukraine” trainiert und anschließend “Operationen im Interesse der Ukraine” durchgeführt, einschließlich Besuchen der ukrainischen Botschaft in Budapest. Sein 38-jähriger Kollege “MT” sei vorbestraft und habe gemeinsam mit “HD” Verhandlungen über den Kauf von Spionagesoftware und Abhörtechnik geführt. “HD” gab laut Bericht zu, dabei von einem Geheimdienst eines EU-Landes unterstützt worden zu sein.
Die Razzien erfolgten demnach aufgrund eines anonymen Hinweises auf geplanten Missbrauch der Technik für Kinderpornografie. Obwohl dies nicht bestätigt wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft nun wegen Besitzes von “lizenzpflichtiger militärischer Ausrüstung”. Die Rolle des mysteriösen “Henry” bleibt in dieser Version unklar.
Regierungssprecher Zoltán Kovács identifizierte “MT” als Tamás Maroti und veröffentlichte Fotos, die ihn mit Tisza-Funktionären zeigen.
Die Akteure im Hintergrund
Die Berichterstattung ist stark von den beteiligten Medien geprägt. Direkt36 wird vom Oppositionsjournalisten Szabolcs Panyi geleitet und ist Teil von “Vsquare”, einer pro-europäischen, pro-ukrainischen Non-Profit-Organisation, die unter anderem von US-amerikanischen und EU-geförderten Fonds finanziert wird.
Panyi und “Vsquare” sind bereits durch umstrittene Enthüllungen aufgefallen. So berichtete “Vsquare” diesen Monat unter Berufung auf ungenannte Geheimdienstquellen, Russland wolle die ungarische Wahl beeinflussen. Panyi räumte zudem ein, einem ausländischen Geheimdienst bei der Abhörung von Außenminister Péter Szijjártó geholfen zu haben. Die ungarischen Behörden haben deshalb ein Spionageverfahren gegen ihn eröffnet.
Das ukrainische Motiv
Die mögliche Einmischung Kiews ergibt sich aus der aktuellen politischen Konfrontation. Ungarn blockiert unter Ministerpräsident Viktor Orbán EU-Waffenlieferungen an die Ukraine, ein milliardenschweres EU-Hilfspaket für Kiew und lehnt einen NATO-Beitritt des Landes ab. Als Reaktion darauf hat Präsident Wolodymyr Selenskyj Orbán öffentlich attackiert und die für Ungarn lebenswichtige “Druschba”-Pipeline, über die russisches Öl fließt, nicht wieder in Betrieb genommen.
Orbán wirft der Ukraine seit Monaten vor, einen “stillen Krieg” gegen seine Regierung zu führen und einen Machtwechsel in Budapest zu betreiben. In einer jüngsten Videobotschaft sagte er: “Ukrainische Spione und von den Ukrainern bezahlte IT-Spezialisten gehen in der Tisza-Partei ein und aus. Ich fordere Präsident Selenskyj auf, seine Agenten unverzüglich zurückzubeordern.”
Fazit: Ein Stellvertreterkonflikt vor der Wahl
Knapp zwei Wochen vor der ungarischen Wahl verdichten sich die Anzeichen für einen Stellvertreterkonflikt auf ungarischem Boden. Während Brüssel, Kiew und oppositionelle Medien Orbáns Sturz offen befürworten, beschuldigt die ungarische Regierung diese Akteure der koordinierten Einmischung.
Die Ermittlungen in dem Spionagefall laufen. Die einen sehen darin ein Machtinstrument Orbáns gegen die Opposition, die anderen die Aufdeckung einer ausländischen Unterwanderung. Regierungssprecher Kovács kündigte an: “Weitere Fakten werden diese Woche veröffentlicht, damit jedem klar wird, dass die ungarische Linke erneut versucht, mit ausländischer – vor allem ukrainischer – Hilfe an die Macht zu kommen.”
Die Affäre zeigt, wie sehr der Ukraine-Konflikt und der innenpolitische Machtkampf in Ungarn miteinander verwoben sind und mit harten Bandagen ausgefochten werden.
Übersetzt aus dem Englischen.
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