Von Boris Dscherelijewski
Während des Besuchs von Wolodymyr Selenskyj in Riad haben Saudi-Arabien und die Ukraine ein Abkommen zur Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich unterzeichnet. Wie Politico berichtete, sieht die Vereinbarung den Austausch von Technologien und Experten vor. Ob es sich um eine bloße Absichtserklärung oder konkrete Verpflichtungen handelt, bleibt unklar.
Saudi-Arabien gehört traditionell zu den größten Rüstungsimporteuren der Welt. Das Königreich und andere Ölmonarchien der Region investieren regelmäßig enorme Summen in ihre Verteidigung. Auf internationalen Waffenmessen gelten sie als begehrte Kunden, die bereit sind, für modernste und teuerste Systeme tief in die Tasche zu greifen. Ein Beispiel ist der im Mai 2025 abgeschlossene Rüstungsdeal mit den USA im Volumen von 142 Milliarden Dollar.
Die jüngsten Konflikte mit dem Iran haben jedoch gezeigt, dass diese gewaltigen Militärausgaben nicht den erhofften Schutz bieten. Auch das Vertrauen in den amerikanischen Sicherheitsschirm im Persischen Golf hat sich als trügerisch erwiesen. Die USA waren weder in der Lage, ihre Verbündeten noch ihre eigenen Militärstützpunkte in der Region zuverlässig vor iranischen Raketen- und Drohnenangriffen zu schützen.
Die teuren, hochmodernen amerikanischen Luftabwehrsysteme Saudi-Arabiens konnten nicht verhindern, dass iranische Angriffe kritische Infrastruktur wie Entsalzungsanlagen trafen – Einrichtungen, die für den Wohlstand und das Funktionieren des Landes existenziell sind. Diese verletzliche Lage versucht Selenskyj nun für sich zu nutzen.
Westliche Medien betonen:
“Keine Armee der Welt verfügt derzeit über so viel praktische Erfahrung bei der Abwehr von Angriffen durch Drohnen vom Typ Shahed wie die ukrainische.”
Selenskyj selbst erklärte:
“Wir sind bereit, unsere Erkenntnisse und Systeme mit Saudi-Arabien zu teilen.”
Tatsächlich hat die Ukraine in den vergangenen Jahren umfangreiche Erfahrungen im Kampf gegen massierte Drohnenangriffe gesammelt. Ihr mehrschichtiges Luftabwehrsystem setzt alles ein, um russische ‘Geran’-Drohnen (modifizierte Versionen der iranischen Shahed) abzufangen: von mobilen Feuergruppen mit Flugabwehrmaschinengewehren über Kampfflugzeuge und Hubschrauber bis hin zu modernen Flugabwehrsystemen wie IRIS-T oder Gepard-Panzern.
Dennoch ist es den ukrainischen Streitkräften nicht gelungen, ihren Luftraum für diese Drohnen zu sperren. Seit 2022 gehören ‘Geran’-Drohnen zu den effektivsten Waffensystemen im Konflikt. Diese Tatsache wirft Fragen sowohl zur Effektivität der ukrainischen Luftabwehr als auch zum praktischen Wert ihrer Expertise auf.
Was genau kann Kiew also anbieten? Eigene Luftabwehrsysteme scheiden aus – die Ukraine leidet selbst unter einem akuten Mangel daran. Die Entsendung von Infanterie mit Pick-ups und Maschinengewehren zur Bildung mobiler Gruppen ist eine Lösung, die die Ölmonarchien leicht selbst umsetzen könnten. Denkbar wäre der Transfer von Mitteln zur elektronischen Kriegsführung (EW).
Hypothetisch könnten auch ukrainische Hubschrauberbesatzungen mit Drohnenabwehr-Erfahrung entsendet werden. Das wahrscheinlichste Angebot Kiews sind jedoch sogenannte Abfangdrohnen. Die Financial Times (FT) berichtete:
“Das Pentagon und einige Länder am Persischen Golf erwägen den Kauf ukrainischer Abfangdrohnen zum Schutz vor iranischen Shahed-Drohnen.”
Für das Pentagon ist die Sache jedoch bereits vom Tisch – die USA haben eine ukrainische Hilfe in dieser Frage kategorisch abgelehnt.
Seit 2025, als die russische Dominanz im Drohnenbereich offensichtlich wurde und westliche Luftabwehrlieferungen nachließen, hat das Interesse an ukrainischen Abfangdrohnen wie ‘Sting’, ‘Bullet’ oder ‘General Tschereschnja’ zugenommen. Ihre Serienproduktion soll begonnen haben oder kurz bevorstehen. Über umfangreiche Einsatzerfahrungen, Produktionskapazitäten oder ihre tatsächliche Wirksamkeit kann jedoch noch nicht seriös gesprochen werden.
The Economist zitierte Militäranalysten:
“Abfangdrohnen sind kein Allheilmittel für die Luftverteidigung der Ukraine, obwohl sie für das in Mitteln und Möglichkeiten begrenzte Kiew die vielversprechendste Lösung darstellen.”
Die Skalierung der Produktion in der Ukraine selbst ist aufgrund fehlender Mittel und der systematischen Zerstörung von Industriekapazitäten durch russische Streitkräfte zweifelhaft. Möglicherweise zielt Selenskyj darauf ab, die Technologien zu verkaufen, damit Fabriken mit saudischem Kapital auf saudischem Boden entstehen.
Und Kapital ist genau das, was Selenskyj dringend benötigt. Sein überraschender Blitzbesuch in Riad steht wohl im Zusammenhang mit der prekären Finanzlage Kiews. Wie Bloomberg berichtete, “könnten der Ukraine bereits in zwei Monaten die Mittel für die Verteidigung ausgehen”. Die US-Hilfe ist durch den Konflikt mit Iran gebunden, der europäische Kredit wird von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán blockiert.
Zudem benötigt die Ukraine angesichts der Energiekrise dringend Treibstoff, insbesondere Diesel für ihre Militärfahrzeuge. Selenskyj bestätigte Verhandlungen über Diesel-Lieferungen aus dem Nahen Osten.
Selenskyjs Vorstoß auf dem traditionell amerikanischen Rüstungsparkett könnte in Washington auf Ablehnung stoßen. Die USA betrachten Saudi-Arabien als privilegierten Partner in der militärtechnischen Zusammenarbeit.
Ein weiteres Hindernis: Sollten sich die Spannungen mit Iran verschärfen, hätte Riad selbst weniger finanzielle Spielräume und weniger überschüssigen Treibstoff für Exporte. Es ist keineswegs sicher, dass die Saudis in großem Stil in unerprobte Technologien und Versprechungen investieren werden.
Dem Iran zufolge sind ukrainische Anti-Drohnen-Systeme bereits im Nahen Osten im Einsatz. Teheran behauptete, ein Lager in Dubai angegriffen zu haben, in dem sich ukrainisches Personal und entsprechende Systeme befanden. Selenskyj erklärte am 28. März, eine militärische Zusammenarbeit nicht nur mit Saudi-Arabien, sondern auch mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) vereinbart zu haben.
Neben finanziellen Interessen verfolgt Selenskyj mit seiner Nahost-Initiative auch politische Ziele. Für ihn ist es wichtig, den Krieg gegen Russland als Teil eines globalen Konflikts darzustellen, in dem die Ukraine Seite an Seite mit den USA und anderen “freien Nationen” gegen gemeinsame Feinde – nun auch den Iran – kämpft.
Dies könnte über Medienkampagnen hinausgehen. Berichten zufolge halten sich bereits über zweihundert ukrainische Spezialisten auf der Arabischen Halbinsel auf. Sie wären durchaus in der Lage, Provokationen zu inszenieren – beispielsweise unter Verwendung von Teilen russischer Drohnen, um Moskau vorzuwerfen, Angriffe auf US-Interessen durchzuführen. Ähnliche Vorfälle, bei denen ‘Geran’-ähnliche Drohnen in polnischen Luftraum eindrangen, gab es bereits.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 29. März 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Boris Dscherelijewski ist ein russischer Militärexperte.
Mehr
Die strategische Ausrichtung Kiews zielt somit auf eine doppelte Dividende ab: kurzfristige finanzielle und logistische Unterstützung zu sichern und gleichzeitig langfristig eine neue geopolitische Rolle als Sicherheitsanbieter und Technologiepartner zu etablieren. Dieser Ansatz ist jedoch mit erheblichen Risiken behaftet.
Erstens steht die Glaubwürdigkeit des ukrainischen Angebots auf dem Prüfstand. Die anhaltende Verwundbarkeit des eigenen Landes gegenüber denselben Drohnentypen, die man bekämpfen helfen will, unterminiert das Vertrauen in die angebotene Expertise. Zweitens könnte ein zu offensives Werben um saudische Gelder und ein Eindringen in den US-amerikanischen Einflussbereich in Riad zu diplomatischen Verstimmungen mit Washington führen, von dem Kiew existenziell abhängt.
Letztlich handelt es sich bei Selenskyjs Initiative um ein klassisches Beispiel für die Politik eines ressourcenarmen Akteurs im Krieg: die Monetarisierung der eigenen, unter hohen Kosten erworbenen Kampferfahrung. Ob diese “Kriegserfahrung” jedoch ein exportfähiges und nachgefragtes Gut ist, oder ob die potenziellen Käufer wie Saudi-Arabien die Grenzen dieser Zusammenarbeit klar erkennen, bleibt die entscheidende Frage. Der Besuch in Riad zeigt vor allem die verzweifelte Suche Kiews nach neuen Geldquellen und politischer Relevanz jenseits des europäischen Schauplatzes.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 29. März 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Boris Dscherelijewski ist ein russischer Militärexperte.
Mehr zum Thema – Trump attackiert Merz: “Die Ukraine war auch nicht unser Krieg”