Russlands Kriegsstrategie: Warum “Shock and Awe” gescheitert ist – und die USA es immer noch nicht begreifen

Von Sergei Poletajew

Kurz vor Ablauf seines 48-Stunden-Ultimatums an den Iran überraschte US-Präsident Donald Trump mit der Ankündigung von Verhandlungen und sogar einem möglichen Treffen mit iranischen Vertretern. Schnell kursierten Gerüchte, das Treffen solle in Pakistan stattfinden – mit Steve Witkoff und Jared Kushner auf amerikanischer Seite, während der Iran entweder seinen Außenminister oder den Parlamentspräsidenten entsenden würde. Auf diese Nachricht hin brachen die Ölpreise ein.

Doch kurz darauf dementierten iranische Stellen diese Berichte. Sie bestätigten lediglich, über Mittelsmänner bestimmte Vorschläge der USA erhalten zu haben. Alles Weitere bezeichneten sie als Falschmeldungen, die lediglich der Manipulation der Finanz- und Ölmärkte dienten. Prompt begannen die Ölpreise wieder zu steigen.

Weder Frieden noch Krieg

In einem früheren Kommentar zum Iran-Konflikt spekulierten wir, dass die USA und der Iran innerhalb eines Monats einen Frieden anstreben könnten. Die aktuellen Dementis bedeuten nicht zwangsläufig, dass es keine Kontakte gibt oder kein Treffen geplant ist. Möglicherweise versucht Teheran lediglich, seine Verhandlungsposition zu stärken.

Einerseits hat der Iran den US-Präsidenten in eine Zwickmühle gebracht und könnte nun versuchen, die Bedingungen zu diktieren.

Andererseits war dieser Konflikt auch für den Iran kein einfacher Spaziergang. Seit zwei Wochen leidet Teheran unter Strom- und Wassermangel. Bis zum 25. März 2026 hatte das Land seit Kriegsbeginn lediglich zwei Tanker mit seinem wichtigsten Exportgut, Erdöl, verschifft – vor dem Krieg waren es durchschnittlich ein bis zwei Tanker pro Tag. Daher ist es für den Iran sinnvoll, seine Gewinne frühzeitig zu sichern.

Gewinne? Ja, tatsächlich Gewinne. Denn neben Verlusten kann der Iran bereits erhebliche Erfolge verbuchen: Erstens hat er faktisch die Kontrolle über die Schifffahrt im Persischen Golf und den Luftraum über den Golfmonarchien erlangt. Zweitens hat er die US-Ölsanktionen de facto ausgehebelt. Das sind durchaus handfeste Erfolge, mit denen er an den Verhandlungstisch treten kann.

Die iranischen Bedingungen sind ebenfalls bekannt: Teheran fordert Entschädigung für entstandene Schäden (de facto also Reparationen), Garantien gegen Angriffe auf sein Territorium – und dass die USA ihre Forderungen bezüglich des iranischen Atomprogramms fallen lassen.

Bedingungen, die für Trump inakzeptabel sein dürften. Er glaubt weiterhin an “Frieden durch Stärke” und könnte den Iran mit weiteren Angriffen bedrohen, möglicherweise sogar mit der Einnahme der Insel Charg, Irans wichtigstem (und praktisch einzigem) Ölterminal.

Dies deutet darauf hin, dass eine Einigung selbst dann, wenn das iranische Verhandlungsteam nicht ermordet wird, höchstwahrscheinlich nicht sofort erzielt wird. Wie so oft in der Vergangenheit könnten die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran auch mitten in anhaltenden und möglicherweise eskalierenden Feindseligkeiten fortgesetzt werden.

Und solange der Iran die Straße von Hormus blockiert, läuft den USA die Zeit davon. Die Weltwirtschaft steuert mit jedem Tag näher auf eine Katastrophe zu: Mitte April könnten asiatische Länder gezwungen sein, strenge Treibstoffrationierungen einzuführen und auf Homeoffice umzustellen, ähnlich wie während der Covid-19-Pandemie. Gefährdet sind neben Treibstoff und Petrochemie auch die Landwirtschaft (durch Düngemittelmangel), die Halbleiterindustrie (durch Heliumknappheit), die Medizin- und Konsumgüterproduktion (durch Mangel an Polyethylen und Kunststoffen allgemein) sowie die Metallurgie (Aluminiumknappheit) – und diese Liste ist bei Weitem nicht vollständig.

Verbündete, Vasallenstaaten und Klientel der USA sowie ein Großteil der amerikanischen Eliten selbst werden Trump unter Druck setzen, den Konflikt schnell zu beenden. Eine beschämende Niederlage würde letztlich allein ihm angelastet werden. Die einzige Partei, die mögliche Verhandlungen gefährden könnte, ist Israel, das von einem Abkommen zwischen den USA und dem Iran nichts zu gewinnen hat.

Am Montag telefonierte US-Vizepräsident J.D. Vance mit dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu. Ob er Netanjahu davon überzeugen konnte, sich nicht in die Verhandlungen einzumischen, bleibt abzuwarten.

Weder Schock noch Furcht

Nach dem Kalten Krieg hielt sich in der Militärdoktrin der USA und der gesamten NATO ein grundlegender Denkfehler: Sie beruhte fast ausschließlich auf der Taktik von “Schock und Furcht”. Dieser Ansatz harmonierte einst perfekt mit Francis Fukuyamas Theorie vom “Ende der Geschichte”, der zufolge größere Kriege zwischen westlichen Nationen unwahrscheinlich und andere Gegner der NATO hoffnungslos unterlegen seien. Dementsprechend wurden Militäreingriffe der NATO eher als polizeiliche Maßnahmen denn als umfassende Militäroperationen betrachtet. Es ging mehr um Machtprojektion als um die Fähigkeit, tatsächlich einen langwierigen Krieg zu führen.

Die Idee hinter dieser auf “Schock und Furcht” basierenden Strategie ist simpel: Stört ein Staat die regelbasierte Ordnung, greift die Weltpolizei ein und versetzt ihm einen entscheidenden Schlag. Niemand verteidigt diesen Staat, da niemand mit der Verkörperung von Recht und Ordnung aneinandergeraten will. Erstaunlicherweise haben westliche Militärtheoretiker dabei nie ernsthaft ein Szenario in Betracht gezogen, in dem das Zielobjekt seinerseits Unterstützung erhält und erheblichen Widerstand leistet – also im Wesentlichen einen Aufstand gegen die westdominierte Weltordnung beginnt.

Diese Doktrin nahm in den 1990er Jahren während der Konflikte im Irak und in Jugoslawien Gestalt an. Ein vorübergehender Rückschlag in Somalia wurde als Ausnahme betrachtet, die die Regel nur bestätigte.

Die darauffolgenden demütigenden Niederlagen im Irak und in Afghanistan konnten die Schock-und-Furcht-Doktrin kaum erschüttern – denn die USA betrachteten die eigentlichen Militäroperationen als makellos durchgeführt. Stattdessen gelangte Washington zu der Überzeugung, man habe nicht zu lange im Irak und in Afghanistan bleiben und den “Barbaren” keine Demokratie aufzwingen sollen.

Zufällig betrachtete die NATO auch die Operation in Libyen als Erfolg, da sie eine Bodeninvasion von vornherein vermieden hatte. Der Zerfall des einst stabilen libyschen Staates und das darauffolgende Chaos in der Region kümmerte niemanden.

Auch Russlands Militärköpfe waren zeitweise dem Trug der “Schock-und-Furcht”-Doktrin erlegen: Nach dem Krieg 2008 gegen Georgien strukturierte Russland seine Streitkräfte mit dem Ziel um, schnelle und zerstörerische Militärinterventionen durchführen zu können. Doch Russland war das erste Land, das über diese Doktrin stolperte. Im späten Frühjahr 2022 sah es sich in der Ukraine vor eine entscheidende Wahl gestellt: entweder einen schweren, blutigen Abnutzungskrieg führen – oder sich mit einem beschämenden Frieden zufriedengeben. Moskau entschied sich für den Krieg, und der Ukraine-Konflikt dauert nun schon fünf Jahre an.

Trump befindet sich nun an einem ähnlichen Scheideweg: Weiterkämpfen oder die Niederlage eingestehen. Das Problem ist, dass sich der gesamte westliche militärisch-industrielle Komplex über Jahrzehnte an die “Schock-und-Furcht”-Doktrin angepasst hat; die NATO und die USA verfügen über beispiellose und extrem teure Luftangriffskapazitäten – aber kaum über andere Ressourcen. H

Wenn ein angegriffenes Land den ersten Luftangriffen standhält, spielt ihm danach die Zeit in die Karten. Denn anders als Russland fehlt dem Westen die industrielle Basis und die personellen Ressourcen für einen langwierigen Militäreinsatz, erst recht für einen, der Bodentruppen im großen Stil erfordert.

Trumps derzeitige “Gesten des guten Willens” gegenüber dem Iran erklären sich genau hierdurch. Genau wie Putin im Frühjahr 2022 muss er Zeit gewinnen und seinen nächsten Schritt überlegen: Weiterkämpfen wie bisher, eine hochriskante Landungsoperation starten oder sich mit einem demütigenden Frieden abfinden. Die erste Option könnte für Trump bei den anstehenden Zwischenwahlen verheerend sein, die zweite den USA die bedeutendste strategische Niederlage seit Vietnam bescheren.

Trump kann es sich nicht leisten, abzuwarten; er muss die Wiederfreigabe der Straße von Hormus erzwingen. Wenn er weiterhin untätig bleibt, werden die arabischen Golfstaaten direkt mit dem Iran verhandeln – und dieser wird nicht nur finanzielle Zugeständnisse, sondern auch den vollständigen Abzug der US-Militärpräsenz aus der gesamten Region fordern.

Übersetzt aus dem Englischen.

Sergei Poletajew ist Informationsanalyst und Publizist sowie Mitbegründer und Herausgeber des Vatfor-Projekts.

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