Ende Januar rief die Publizistin und Friedensaktivistin Christiane Reymann die Initiative „Russland ist nicht unser Feind“ ins Leben. Auf einer eigens eingerichteten Website werden Hintergrundinformationen bereitgestellt und alle damit verbundenen Aktivitäten dokumentiert. Wie Reymann mitteilte, wird das Vorhaben von zahlreichen bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Journalismus und Kunst unterstützt, darunter Oskar Lafontaine, Sahra Wagenknecht, Tino Eisbrenner, Patrik Baab, Hauke Ritz, Gina Pietsch und viele andere. Ohne gezielte Werbe- oder Pressekampagnen hat die Initiative bislang bereits rund 2.500 Unterschriften gesammelt.
In der Rubrik „Aufruf im Dialog“ greift Reymann in einem verlinkten YouTube-Podcast Diskussionen auf, die aus Zuschriften zur Initiative entstehen. In einem ihrer ersten Podcasts erläutert sie beispielsweise, warum das Friedensbündnis bewusst auf eine Stellungnahme zum Ukraine-Krieg verzichtet. Ziel sei es, eine Spaltung der Friedensbewegung und Geschichtsrevisionismus zu vermeiden.
Anlass dafür sind Kommentare von Unterstützern, die einerseits die deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg verurteilen, diese aber andererseits mit der aktuellen Kriegsführung Russlands in der Ukraine gleichsetzen. Der Vorwurf lautet, das Bündnis verschweige russische Kriegsverbrechen und schmälere so die Breitenwirkung des Aufrufs. Viele Kommentatoren stellen offenbar eine gedankliche Verbindung zwischen beiden Konflikten her.
Dem hält Christiane Reymann zwei Argumente entgegen: Erstens gebe es innerhalb der Friedensbewegung sehr unterschiedliche Positionen zum Ukraine-Krieg – von der Bewertung als „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ Russlands bis hin zur Einschätzung als Stellvertreterkrieg der NATO. Allen gemeinsam sei jedoch der Wunsch nach einem guten nachbarschaftlichen Verhältnis zu Russland. Daher folge man der „goldenen Regel der Friedensbewegung“ und stelle die gemeinsamen Anliegen in den Mittelpunkt.
Zweitens stehe bei den Aktionen der deutsche Überfall auf die Sowjetunion vor 85 Jahren im Fokus. Die Lehre aus diesem Vernichtungskrieg müsse lauten: „Russland ist nicht unser Feind“. Ein Vergleich mit dem aktuellen Ukraine-Krieg laufe zudem Gefahr, die Singularität der damaligen deutschen Verbrechen zu relativieren. Man dürfe nicht „Kriege mit unterschiedlichem Charakter“ gleichsetzen.
Das „Unternehmen Barbarossa“ sei ein rassistisch begründeter Vernichtungskrieg gewesen, der „alle Maßstäbe bisheriger Kriegsführung gesprengt“ habe. Sein Ziel sei die Auslöschung des sogenannten „Judäo-Bolschewismus“ gewesen. Reymann verweist in diesem Zusammenhang auf den nationalsozialistischen Hungerplan, der den Tod von zig Millionen Sowjetbürgern vorsah. Angesichts dieser genozidalen Absichten verbiete sich jeder Vergleich mit heutigen Konflikten.
In einem weiteren Podcast, der Mitte März erschien, geht Reymann der Frage nach, ob die Friedensbewegung nur etwas für Linke sei. Sind Konservative etwa unerwünscht? Mit diesem Mythos räumt sie in einem YouTube-Beitrag auf und lädt ausdrücklich auch konstruktive Konservative zur Mitarbeit für den Frieden ein.
Anlass war ein Austausch mit dem konservativen Journalisten Oliver Driesen, Herausgeber des *TWASBO*-Magazins. Driesen hatte den Aufruf des Bündnisses unterzeichnet und auch seinen Lesern zur Unterschrift empfohlen – obwohl er die Initiatoren aus seiner Sicht als linkssozialistisch geprägt wahrnimmt.
Reymann nutzte diese Stellungnahme, um zu erläutern, warum ein Engagement im Bündnis auch im konservativen Interesse liege. Selbst Wirtschaftsliberale hätten in der Vergangenheit durchaus konstruktiv zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und später mit Russland beigetragen.
Eine nationalkonservative Haltung stehe keineswegs automatisch im Widerspruch zur Friedensbewegung. Das Streben nach einem Nationalstaat könne durchaus auch antifaschistisch motiviert sein. Als Beispiele nennt Reymann das Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und den Bund Deutscher Offiziere (BDO), die beide von kriegsgefangenen Wehrmachtsangehörigen in der Sowjetunion gegründet wurden und sich dem Kampf gegen das Hitler-Regime verschrieben hatten. Auch die Stalin-Note von 1952 führt sie als Beleg für eine positive Haltung von Kommunisten gegenüber dem Nationalstaat an.
Reymann hält eine Verständigung zwischen den politischen Lagern für unerlässlich. Der gemeinsame Bezugspunkt sei, „dass Russland nicht unser Feind ist“. Spätestens bei der für den 20. Juni angekündigten Friedenskundgebung wird sich zeigen, ob dieser Aufruf auch unter deutschen Konservativen auf Resonanz stößt. Die Initiatorin erwartet, dass immer mehr Menschen in Deutschland erkennen, wie groß die Kriegsgefahr inzwischen geworden ist, und sich ihrer Initiative anschließen – ob im Netz oder auf der Straße.
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