Wie der Neoliberalismus unsere Meinung steuert: Die versteckte Fabrik der Gedanken

Von Felicitas Rabe

Patrik Baab, Journalist und Politikwissenschaftler, verfügt über langjährige Berufserfahrung, unter anderem beim Norddeutschen Rundfunk. Er kennt die internen Abläufe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und die Produktionsbedingungen für journalistische Inhalte daher aus erster Hand. Auf dem Jahreskongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie hielt er einen vielbeachteten Vortrag, in dem er die ökonomischen, soziologischen und psychologischen Zwänge der Nachrichtenproduktion analysierte.

Seine Kritik am Journalismus, betitelt „Rasende Zerstörung – Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben“, umfasste verschiedene Ebenen. Baab beleuchtete nicht nur den politischen Hintergrund von Zensur und Meinungslenkung, sondern ging auch auf spezifische psychische Dispositionen ein, die im Journalismus häufig anzutreffen seien. Gerade die Kombination dieser Faktoren mache Journalisten seiner Ansicht nach besonders anfällig für realitätsferne Manipulation.

Narzisstische Charaktere im Journalismus

Im Journalismus gebe es einen überdurchschnittlich hohen Anteil narzisstischer Persönlichkeiten, so Baab. Das große Selbstdarstellungspotenzial, das der Beruf Menschen mit einem übersteigerten Sendungsbewusstsein biete, wirke für viele als Kompensation für die oft prekären Arbeitsverhältnisse. Die ständige Unsicherheit durch Zeitverträge, Honoraraufträge oder freie Mitarbeit ohne Festanstellung schaffe eine „offene Wunde“, die nach Heilung verlange. Dazu führte der Journalist aus:

„Es gibt kaum einen narzisstischeren Beruf als den des Journalisten: Sich entäußern, die Welt über das eigene Ich von sich zu überzeugen, wenn auch in objektivierter, versachlichter Form, also in der Verstellung. […] Der narzisstische Sozialcharakter scheint im Journalismus seine zweite Heimat zu finden.“

Prekäre Arbeit begünstigt vorauseilenden Gehorsam

Die redaktionelle Arbeit werde überwiegend von freien Mitarbeitern oder Beschäftigten mit Zeitverträgen getragen, erläuterte Baab. Freie Journalisten würden meist nach Zeilen oder Sendeminuten bezahlt – also im Stücklohn. Dadurch entwickelten sie schnell ein feines Gespür für die Themen, die von den Entscheidungsträgern gewünscht werden. Sie übernähmen die Bewertungs- und Auswahlkriterien der Chefredaktionen, um ihre Beitragsvorschläge marktgerecht zu platzieren.

Genau dies sei vorauseilender Gehorsam. In einer solchen Arbeitsumgebung sei es für Vorgesetzte leicht, ein Klima subtiler Unterwerfung zu etablieren. Unter prekären Bedingungen produzierten freie Mitarbeiter die gewünschten Meinungen – schließlich wollten sie auch in Zukunft Aufträge erhalten.

EU-Gesetzgebung als Instrument der Meinungslenkung?

Im Gespräch nach seinem Vortrag vertiefte Patrik Baab seine Kritik am journalistischen Zeitgeist. Auf die Frage, ob Deutschland bei der Einschränkung der Meinungsvielfalt in den Mainstream-Medien eine Vorreiterrolle einnehme, verwies er auf europäische Entwicklungen.

Es sei bemerkenswert, dass sich Zensurmaßnahmen und Meinungslenkung europaweit ausbreiteten, so Baab. Durch den Digital Services Act (DSA) der EU seien große Internetplattformen gezwungen, Inhalte zu moderieren und sogenannte „Desinformation“ zu zensieren. Die entscheidende Frage sei dabei, was unter Desinformation verstanden werde. Die EU interpretiere dies offenbar dahingehend, dass die Verbreitung EU-kritischer Inhalte im Netz verhindert werden solle.

Belegt sieht Baab dies unter anderem in einem aktuellen Bericht des US-Kongresses vom 3. Februar 2026. Der über 150 Seiten umfassende Report mit dem Titel „The Foreign Censorship Threat, Part II: Europe’s Decade-Long Campaign to censor the Global Internet and how it Harms American Speech in the United States“ („Die Gefahr ausländischer Zensur, Teil II: Europas jahrzehntelanger Kampf um die Zensur des weltweiten Internets und wie dies die Meinungsfreiheit in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt“) stütze sich auf Aussagen von Top-Managern großer US-Digitalkonzerne wie Amazon, Facebook und Google.

Deren Vertreter hätten unter Eid ausgesagt, sie seien von der Europäischen Kommission unter Androhung milliardenschwerer Strafen gezwungen worden, EU-kritische oder anderweitig unliebsame Meinungen zu zensieren oder zurückzudrängen. Der US-Bericht stelle zudem fest, dass die EU-Kommission bereits acht Wahlen in Mitgliedsstaaten manipuliert habe.

Die Kontrollmacht der Digitalkonzerne über Nachrichten

Ein weiterer zentraler Punkt in Baabs Analyse ist der Einfluss des digitalen Kapitalismus auf den Journalismus. Die Leitunternehmen dieser Ära – Facebook, Google, X (ehemals Twitter), Amazon und Apple – seien zum eigentlichen Marktplatz für journalistische Inhalte geworden, der sich in privater Hand befinde. Diese Plattformen übten eine vierfache Kontrolle aus: über den Marktzugang, die Preise, die Produkte und letztlich die Informationen selbst.

Diese Kontrollherrschaft habe gravierende Folgen für den Meinungskorridor im Journalismus. Ein Journalist, der etwa mit Google recherchiere, glaube, Zugang zu einer Vielzahl von Informationen zu haben. In Wirklichkeit finde er jedoch nur das, was die Filter der Digitalkonzerne – und damit auch die Vorgaben des EU Digital Services Act – passieren könne. Die Auswahl der im Internet verfügbaren Informationen beinhalte somit eine alltägliche, verdeckte Steuerung von Information und Verhalten.

Für die journalistische Praxis bedeute das: „Wer nur in den Computer glotze, dem falle das nicht weiter auf“, erläuterte Baab. Den Unterschied zwischen manipulierten Nachrichten und der tatsächlichen Lage erkenne nur derjenige, der jenseits des Mainstreams eine eigene Realitätsprüfung vor Ort vornehme.

Patrik Baab hat zu Geheimdiensten, politischen Morden, dem Ukraine-Krieg aus russischer Perspektive und geopolitischen Fragen recherchiert. Zur Medienkritik erschien 2024 im Hintergrund Verlag sein Buch „Propaganda-Presse: Wie uns Medien und Lohnschreiber in Kriege treiben.“

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