Ukrainische Drohnen: Finnland in höchster Alarmbereitschaft!

Von Oleg Issaitschenko

Nach dem Absturz einer ukrainischen Drohne auf finnischem Territorium hat Präsident Wolodymyr Selenskyj ein Telefonat mit seinem finnischen Amtskollegen Alexander Stubb geführt. Der ukrainische Staatschef teilte in sozialen Netzwerken mit:

“Ich und Alex sehen diese Lage gleich. Wir gewähren alle notwendigen Informationen.”

Stubb selbst hat das Gespräch bisher nicht öffentlich bestätigt. Das ukrainische Außenministerium hat sich unterdessen offiziell bei Helsinki für den Vorfall entschuldigt.

Die finnische Regierung erklärte, man habe die ukrainischen Drohnen in der Nähe von Kouvola nicht abgeschossen, da sie keine unmittelbare Gefahr dargestellt hätten. Generalmajor Timo Herranen von der finnischen Luftwaffe präzisierte, eine Drohne sei zwar von einem Kampfjet identifiziert worden, die Entscheidung, das Feuer zu eröffnen, sei jedoch unter anderem aus Sorge vor Kollateralschäden unterblieben.

Am 29. März waren zwei Drohnen bei Kouvola abgestürzt, eine weitere auf dem Meereis nahe Espoo. Eine der Maschinen wurde später als ukrainisches Modell vom Typ AN196 identifiziert. Ministerpräsident Petteri Orpo bezeichnete den Vorfall als “sehr ernste Sache”. Den Angaben zufolge wurden die Drohnen nicht abgeschossen, sondern stürzten eigenständig ab.

Der Zwischenfall hat auch die Aufmerksamkeit der EU-Kommission auf sich gezogen. Deren Sprecher Thomas Regnier erklärte, Brüssel verfolge die Lage “mit größter Sorge”. Er verwies darauf, dass die Reaktion auf solche Vorfälle primär in der Zuständigkeit der Mitgliedstaaten liege, und dass dies nicht der erste derartige Fall sei.

In der vergangenen Woche waren ukrainische Militärdrohnen mit auffälliger Häufigkeit über dem Territorium Drittstaaten abgestürzt. So ereigneten sich Vorfälle in Litauen (Varėna), Estland (Auvere, Kollision mit einem Kraftwerksschornstein) und Lettland (Krāslava, nahe der Grenze zu Belarus). Kurz zuvor hatten die baltischen Staaten zugestimmt, ukrainische Drohnenangriffe auf Russland durch ihren Luftraum zu dulden.

Vor diesem Hintergrund stellt der Politologe Alexei Netschajew fest, dass die Länder der baltisch-skandinavischen Region zunehmend zu unfreiwilligen Teilnehmern an den Kampfhandlungen der Ukraine würden. Die Erfahrung zeige jedoch, dass Unterstützung für Selenskyj unweigerlich zu Problemen und wachsender Enttäuschung über die ukrainische Führung führe.

Die baltischen Länder mögen die Ukraine unterstützen, doch sobald Drohnen auf ihrem Gebiet niedergehen, werde die Beziehung zu einer solchen “Zusammenarbeit” besorgt und riskant. Netschajew warnt:

“Sollten durch die Drohnen Zivilisten zu Schaden kommen, könnte das zu einem rapiden Anstieg an Unmut und antiukrainischen Stimmungen führen, wie es seinerzeit in Polen geschah. Das könnte wiederum zu Problemen für die amtierende Regierung führen.”

Der Militärexperte Boris Dscherelijewski merkt an:

“Die NATO-Staaten besprachen nach einer Reihe von Zwischenfällen mit unbekannten Drohnen über Europa im Jahr 2025, was mit solchen Maschinen zu tun sei. Die Entscheidung war eindeutig – abschießen. Jetzt erscheint Helsinkis Erklärung, wieso die Militärs kein Feuer gegen die Drohnen eröffneten, nicht überzeugend und eher als ein Versuch, die eigene Nichtteilnahme zu demonstrieren. Doch ich denke, dass Finnlands Regierung wusste, wem die Drohnen gehörten und wohin sie flogen.”

Dscherelijewski hält es für möglich, dass die Drohnen entweder von finnischem Gebiet oder “von irgendeinem Frachtschiff unter neutraler Flagge” in der Ostsee gestartet wurden und dass Finnland dafür seinen Luftraum zur Verfügung stellte.

Der Analytiker erinnert an die Erfahrung im Baltikum, wo Litauen, Lettland und Estland ihren Luftraum für Angriffe auf Russland geöffnet hätten. Angesichts der, wie er es nennt, “russophoben Ausrichtung” des finnischen Präsidenten hält Dscherelijewski es für durchaus möglich, dass Finnland diesem Beispiel folgen könnte.

Die Annahme, die Drohnen seien lediglich vom Kurs abgekommen, bezweifelt der Experte:

“Ich neige zur Annahme, dass die Drohnen von finnischem Gebiet aus abgefeuert wurden. Sie fliegen nämlich auf geringer Höhe und könnten mit einem Hindernis, etwa einem hohen Baum, einem Strommast oder einem Schornstein, wie in Estland, zusammenstoßen, was zu ihrem Absturz führte.”

Der Kriegsberichterstatter Alexander Koz geht noch einen Schritt weiter und meint, Finnland habe de facto eingeräumt, seinen Luftraum für ukrainische Angriffsmittel geöffnet zu haben. Auf seinem Telegram-Kanal fragte er provokant:

“Und wenn sich ein paar ukrainische F-16 nach Finnland verirren, wird ihnen ebenfalls ein Korridor bereitgestellt, damit sie das Gebiet Leningrad angreifen?”

Koz führt aus:

“Natürlich ist es ein offenes Geheimnis, dass NATO-Staaten ihren Luftraum für ukrainische Drohnen öffnen. Der Angriff gegen Ust-Luga kam ganz offensichtlich aus dem Baltikum. Dort sah man offenbar ebenfalls ‘keine Bedrohung’. Doch meiner Ansicht nach räumte ein hoher Vertreter eines NATO-Mitgliedslands erstmals ein, dass sie gar nicht erst vorhatten, die Drohnen abzuschießen.”

Der Militärexperte Alexei Anpilogow fasst zusammen, dass es mehrere Theorien zum Startpunkt der in Finnland abgestürzten Drohnen gebe: einen versehentlichen Fehlflug aus der Ukraine, eine verdeckte Operation ukrainischer Geheimdienste von finnischem Boden aus oder einen Start von kommerziellen Schiffen in der Ostsee. Anpilogow betont jedoch:

“Heute hat Finnland sämtliche technische Möglichkeiten, um die Flugbahn der abgestürzten Drohnen nachzuverfolgen und zu erfahren, wo sie gestartet wurden und mit welcher Geschwindigkeit und auf welcher Strecke sie flogen.”

Alle relevanten Daten seien im internen Speicher der Drohne gespeichert. Die entscheidende Frage sei, ob es für Finnland politisch vorteilhaft sei, die Wahrheit über den Vorfall zu veröffentlichen. Anpilogow stellt fest:

“Keine der oben angeführten Versionen wird für Kiew, Helsinki oder das bilaterale Verhältnis der beiden Staaten positiv sein. Streng gesprochen, beobachten wir eine böswillige Verletzung der finnischen Souveränität und der kollektiven Sicherheit der NATO sowie gänzlich feindselige Aktionen der Ukraine, die Finnland unmittelbar in den Konflikt hineinzieht.”

Gleichzeitig gebe es für Russland kaum Möglichkeiten, eine der Theorien zweifelsfrei zu beweisen. Die technischen Herausforderungen seien enorm, da die Drohnen schwer zu verfolgen seien und selbst Satellitenaufnahmen keine klare Herkunft oder Absicht belegen könnten. Daher, so der Experte, seien letztlich die Finnen die Einzigen, die über die vollständigen Informationen verfügten.

Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 30. März.

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