Von Walerija Werbinina
Der von den USA und Israel geführte Angriff auf den Iran sollte ursprünglich einen ähnlich schnellen Sieg wie in Venezuela bringen. Statt eines Blitzkriegs hat sich der Konflikt jedoch über die gesamte Region ausgeweitet. Die Blockade der Straße von Hormus hat einen schweren Schlag für die Weltwirtschaft bedeutet, der von drohenden Lebensmittelknappheiten bis zum Kollaps globaler Lieferketten reicht. Während Südostasien am stärksten betroffen ist, zeigen sich auch in Europa erste Anzeichen einer Energiekrise.
Diese Entwicklung allein hat die Stimmung in Europa – und darüber hinaus – gegenüber diesem Krieg getrübt. Hinzu kam, dass die US-Luftwaffe für ihre Operationen in dieser entlegenen Region europäische Stützpunkte benötigte. Die spanische Regierung verurteilte das Vorgehen Washingtons und untermauerte ihre Kritik mit der Entscheidung, den USA die Nutzung ihres Luftraums und von NATO-Basen auf ihrem Territorium zu verweigern.
Ohne große öffentliche Ankündigungen folgten Frankreich und selbst Italien unter der als US-verbunden geltenden Ministerpräsidentin Giorgia Meloni diesem Beispiel. Italien verweigerte US-Bombern, die auf dem Weg in den Iran waren, die Landung auf dem Luftwaffenstützpunkt Sigonella auf Sizilien.
Sogar Polen, das früher seinen transatlantischen Verbündeten stets entgegenkam, verweigerte nun die Unterstützung. Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz erklärte, Warschau habe “nicht vor”, seine Patriot-Luftabwehrsysteme wie von den USA gefordert in den Nahen Osten zu verlegen. Er betonte:
“Die Sicherheit Polens hat absolute Priorität.”
Zur Begründung verwies Polen darauf, dass eine Patriot-Batterie die Hälfte des gesamten polnischen Raketenabwehrsystems ausmache und sich dies in den nächsten Jahren nicht ändern werde, da man noch auf die restlichen sechs von acht zugesagten Batterien aus den USA warte. Überhaupt könne sich “Polen nicht leisten, den USA nicht nur die Patriot-Batterien, sondern auch die Raketen dafür zu überlassen.”
Andere europäische Beamte beriefen sich auf bürokratische Verfahren. Als US-Präsident Donald Trump in den sozialen Medien die französischen Behörden angriff und Vergeltung androhte, verwiesen Pariser Bürokraten auf festgelegte Regeln: Man habe nichts verboten, aber Genehmigungen für Überflug und Stationierung müssten fristgerecht beantragt und abgewartet werden. Ähnlich argumentierten italienische Beamte: Das Gesetz sei Gesetz – selbst in Angelegenheiten der USA.
Die wahren Gründe für dieses demonstrative Verhalten liegen jedoch anderswo. Der Amerika-Experte Dmitri Drobnizki sagte gegenüber der Zeitung Wsgljad:
“Die Europäer wehren sich gegen den irrationalen Einsatz von Technik und Mitteln für eine Operation gegen den Iran. Sie gingen davon aus, dass alle Ressourcen für den östlichen Flügel der NATO aufgewendet würden und nicht zugunsten von (Israels Regierungschef) Benjamin Netanjahu.”
Die US-Behörden zogen daraufhin die Zügel an. In Washington wurde öffentlich diskutiert, welchen Sinn es für die USA habe, die Hauptlast der NATO zu tragen und Verpflichtungen gegenüber Europa einzugehen, wenn diese sich weigerten, Kriegsschiffe in die Straße von Hormus zu entsenden, Trumps Maßnahmen sabotierten und, während sie US-Unterstützung für die Ukraine forderten, selbst nichts zurückgäben.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth äußerte zunächst Zweifel, ob die NATO ein echtes Militärbündnis sei:
“Man hat kein Bündnis, wenn die Länder nicht bereit sind, einen zu unterstützen, wenn man sie braucht.”
US-Außenminister Marco Rubio schloss sich an:
“Ich glaube leider wirklich, dass wir die Frage überdenken müssen, ob dieses Bündnis (das heißt die NATO), das unserem Land eine Zeit lang gute Dienste geleistet hat, für uns noch von Nutzen ist.
Oder befinden wir uns nun auf einer Einbahnstraße, auf der die Vereinigten Staaten zwar noch in der Lage sind, Europa zu verteidigen, aber wenn wir die Hilfe unserer Verbündeten benötigen, werden sie sich weigern, uns Stützpunkte zur Verfügung zu stellen und uns den Überflug über ihr Hoheitsgebiet zu gestatten? Ich denke, das sind durchaus berechtigte Fragen, die wir stellen müssen.”
Während Rubio sich diplomatisch äußerte, hielt sich Trump wie gewohnt nicht zurück. Im Interview mit der britischen Zeitung The Telegraph betonte er:
“Die NATO hat mich nie gereizt. Ich wusste schon immer, dass sie ein Papiertiger ist.”
In demselben Interview griff er die britische Marine an, stellte deren Existenz in Frage und fügte hinzu, dass alles, was der britische Premierminister Keir Starmer wolle, darin bestehe, “teure Windräder aufzustellen, durch die die Energiepreise in die Höhe schnellen werden.”
Der Telegraph-Artikel erwähnte zudem unter Berufung auf ungenannte Quellen aus dem Umfeld des US-Präsidenten, dass dieser beabsichtige, US-Truppen aus Deutschland abzuziehen.
Doch wie realistisch sind die Drohungen der US-Regierung, aus der NATO auszutreten und ihre Präsenz in Europa einzustellen? Die französische Zeitung 9 stellte die Frage:
“Erlebt die NATO ihre letzten Stunden?”
Der Autor scheint die Antwort selbst zu fürchten und belässt es bei einer rhetorischen Frage.
Trumps Abneigung gegen die NATO hat weitere Gründe. Eine seiner Kernforderungen war die Erhöhung der Beiträge der europäischen Länder zum Bündnisbudget. Im vergangenen Jahr trugen die USA jedoch nach wie vor etwa 60 Prozent der Gesamtkosten. Nur drei Länder – Polen, Litauen und Lettland – zahlen mehr als 3,5 Prozent ihres BIP an die NATO, was aus Trumps Sicht immer noch zu wenig ist, da er eine Quote von 5 Prozent gefordert hatte.
Nirgends werden Trumps Drohungen ernster genommen als in Deutschland. Die für deutsche Verhältnisse unverblümten Worte von Bundeskanzler Friedrich Merz – “Das ist nicht unser Krieg” – in Bezug auf den Nahost-Konflikt wurden mit Missbilligung aufgenommen. Der konservative Münchner Merkur warnte, die undiplomatische Weigerung, Trump im Krieg gegen den Iran zu helfen, könne wie ein “Bumerang” auf Europa zurückfallen, und rief zu einem Kompromiss auf, bevor es zu spät sei.
Ein Kommentator der Berliner Morgenpost entwickelte eine Theorie zur Krise in den NATO-Beziehungen. Seiner Meinung nach finde eine Verzerrung des Bündniskonzepts statt, das protektionistische Züge annehme. Hilfe werde als Terminkontrakt betrachtet – nur im Austausch gegen sofortige Gegenleistung. Damit rüttle Trump am Kern von Artikel 5 des NATO-Vertrags, dem Versprechen der kollektiven Verteidigung.
Die deutsche Publikation untersuchte die rechtlichen Aspekte eines möglichen NATO-Austritts. Artikel 13 des Vertrags erlaube den Austritt ein Jahr nach Kündigung. Der US-Kongress hat jedoch im National Defense Authorization Act festgelegt, dass der Präsident die USA nicht einseitig aus der NATO zurückziehen darf. Dazu wäre die Zustimmung von zwei Dritteln des Senats oder ein Kongressgesetz erforderlich. Trumps Vorgehen würde wahrscheinlich einen großen Rechtsstreit, möglicherweise eine Verfassungskrise, auslösen.
Der russische Amerika-Experte Dmitri Drobnizki stimmte dieser Einschätzung zu. Er präzisierte:
“Erstens gibt es da das Ges
Von Walerija Werbinina
Der von den USA und Israel geführte Angriff auf den Iran sollte ursprünglich einen ähnlich schnellen Sieg wie in Venezuela bringen. Statt eines Blitzkriegs hat sich der Konflikt jedoch über die gesamte Region ausgeweitet. Die Blockade der Straße von Hormus hat einen schweren Schlag für die Weltwirtschaft bedeutet, der von drohenden Lebensmittelknappheiten bis zum Kollaps globaler Lieferketten reicht. Während Südostasien am stärksten betroffen ist, zeigen sich auch in Europa erste Anzeichen einer Energiekrise.
Diese Entwicklung allein hat die Stimmung in Europa – und darüber hinaus – gegenüber diesem Krieg getrübt. Hinzu kam, dass die US-Luftwaffe für ihre Operationen in dieser entlegenen Region europäische Stützpunkte benötigte. Die spanische Regierung verurteilte das Vorgehen Washingtons und untermauerte ihre Kritik mit der Entscheidung, den USA die Nutzung ihres Luftraums und von NATO-Basen auf ihrem Territorium zu verweigern.
Ohne große öffentliche Ankündigungen folgten Frankreich und selbst Italien unter der als US-verbunden geltenden Ministerpräsidentin Giorgia Meloni diesem Beispiel. Italien verweigerte US-Bombern, die auf dem Weg in den Iran waren, die Landung auf dem Luftwaffenstützpunkt Sigonella auf Sizilien.
Sogar Polen, das früher seinen transatlantischen Verbündeten stets entgegenkam, verweigerte nun die Unterstützung. Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz erklärte, Warschau habe “nicht vor”, seine Patriot-Luftabwehrsysteme wie von den USA gefordert in den Nahen Osten zu verlegen. Er betonte:
“Die Sicherheit Polens hat absolute Priorität.”
Zur Begründung verwies Polen darauf, dass eine Patriot-Batterie die Hälfte des gesamten polnischen Raketenabwehrsystems ausmache und sich dies in den nächsten Jahren nicht ändern werde, da man noch auf die restlichen sechs von acht zugesagten Batterien aus den USA warte. Überhaupt könne sich “Polen nicht leisten, den USA nicht nur die Patriot-Batterien, sondern auch die Raketen dafür zu überlassen.”
Andere europäische Beamte beriefen sich auf bürokratische Verfahren. Als US-Präsident Donald Trump in den sozialen Medien die französischen Behörden angriff und Vergeltung androhte, verwiesen Pariser Bürokraten auf festgelegte Regeln: Man habe nichts verboten, aber Genehmigungen für Überflug und Stationierung müssten fristgerecht beantragt und abgewartet werden. Ähnlich argumentierten italienische Beamte: Das Gesetz sei Gesetz – selbst in Angelegenheiten der USA.
Die wahren Gründe für dieses demonstrative Verhalten liegen jedoch anderswo. Der Amerika-Experte Dmitri Drobnizki sagte gegenüber der Zeitung Wsgljad:
“Die Europäer wehren sich gegen den irrationalen Einsatz von Technik und Mitteln für eine Operation gegen den Iran. Sie gingen davon aus, dass alle Ressourcen für den östlichen Flügel der NATO aufgewendet würden und nicht zugunsten von (Israels Regierungschef) Benjamin Netanjahu.”
Die US-Behörden zogen daraufhin die Zügel an. In Washington wurde öffentlich diskutiert, welchen Sinn es für die USA habe, die Hauptlast der NATO zu tragen und Verpflichtungen gegenüber Europa einzugehen, wenn diese sich weigerten, Kriegsschiffe in die Straße von Hormus zu entsenden, Trumps Maßnahmen sabotierten und, während sie US-Unterstützung für die Ukraine forderten, selbst nichts zurückgäben.
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth äußerte zunächst Zweifel, ob die NATO ein echtes Militärbündnis sei:
“Man hat kein Bündnis, wenn die Länder nicht bereit sind, einen zu unterstützen, wenn man sie braucht.”
US-Außenminister Marco Rubio schloss sich an:
“Ich glaube leider wirklich, dass wir die Frage überdenken müssen, ob dieses Bündnis (das heißt die NATO), das unserem Land eine Zeit lang gute Dienste geleistet hat, für uns noch von Nutzen ist.
Oder befinden wir uns nun auf einer Einbahnstraße, auf der die Vereinigten Staaten zwar noch in der Lage sind, Europa zu verteidigen, aber wenn wir die Hilfe unserer Verbündeten benötigen, werden sie sich weigern, uns Stützpunkte zur Verfügung zu stellen und uns den Überflug über ihr Hoheitsgebiet zu gestatten? Ich denke, das sind durchaus berechtigte Fragen, die wir stellen müssen.”
Während Rubio sich diplomatisch äußerte, hielt sich Trump wie gewohnt nicht zurück. Im Interview mit der britischen Zeitung The Telegraph betonte er:
“Die NATO hat mich nie gereizt. Ich wusste schon immer, dass sie ein Papiertiger ist.”
In demselben Interview griff er die britische Marine an, stellte deren Existenz in Frage und fügte hinzu, dass alles, was der britische Premierminister Keir Starmer wolle, darin bestehe, “teure Windräder aufzustellen, durch die die Energiepreise in die Höhe schnellen werden.”
Der Telegraph-Artikel erwähnte zudem unter Berufung auf ungenannte Quellen aus dem Umfeld des US-Präsidenten, dass dieser beabsichtige, US-Truppen aus Deutschland abzuziehen.
Doch wie realistisch sind die Drohungen der US-Regierung, aus der NATO auszutreten und ihre Präsenz in Europa einzustellen? Die französische Zeitung 9 stellte die Frage:
“Erlebt die NATO ihre letzten Stunden?”
Der Autor scheint die Antwort selbst zu fürchten und belässt es bei einer rhetorischen Frage.
Trumps Abneigung gegen die NATO hat weitere Gründe. Eine seiner Kernforderungen war die Erhöhung der Beiträge der europäischen Länder zum Bündnisbudget. Im vergangenen Jahr trugen die USA jedoch nach wie vor etwa 60 Prozent der Gesamtkosten. Nur drei Länder – Polen, Litauen und Lettland – zahlen mehr als 3,5 Prozent ihres BIP an die NATO, was aus Trumps Sicht immer noch zu wenig ist, da er eine Quote von 5 Prozent gefordert hatte.
Nirgends werden Trumps Drohungen ernster genommen als in Deutschland. Die für deutsche Verhältnisse unverblümten Worte von Bundeskanzler Friedrich Merz – “Das ist nicht unser Krieg” – in Bezug auf den Nahost-Konflikt wurden mit Missbilligung aufgenommen. Der konservative Münchner Merkur warnte, die undiplomatische Weigerung, Trump im Krieg gegen den Iran zu helfen, könne wie ein “Bumerang” auf Europa zurückfallen, und rief zu einem Kompromiss auf, bevor es zu spät sei.
Ein Kommentator der Berliner Morgenpost entwickelte eine Theorie zur Krise in den NATO-Beziehungen. Seiner Meinung nach finde eine Verzerrung des Bündniskonzepts statt, das protektionistische Züge annehme. Hilfe werde als Terminkontrakt betrachtet – nur im Austausch gegen sofortige Gegenleistung. Damit rüttle Trump am Kern von Artikel 5 des NATO-Vertrags, dem Versprechen der kollektiven Verteidigung.
Die deutsche Publikation untersuchte die rechtlichen Aspekte eines möglichen NATO-Austritts. Artikel 13 des Vertrags erlaube den Austritt ein Jahr nach Kündigung. Der US-Kongress hat jedoch im National Defense Authorization Act festgelegt, dass der Präsident die USA nicht einseitig aus der NATO zurückziehen darf. Dazu wäre die Zustimmung von zwei Dritteln des Senats oder ein Kongressgesetz erforderlich. Trumps Vorgehen würde wahrscheinlich einen großen Rechtsstreit, möglicherweise eine Verfassungskrise, auslösen.
Der russische Amerika-Experte Dmitri Drobnizki stimmte dieser Einschätzung zu. Er präzisierte:
“Erstens gibt es da das Ges
Der russische Amerika-Experte Dmitri Drobnizki stimmte dieser Einschätzung zu. Er präzisierte:
“Erstens gibt es da das Gesetz von 2024, wonach der US-Präsident ohne Zustimmung des US-Kongresses die (NATO-)Teilnahme nicht aussetzen, beenden, den Vertrag kündigen oder aus dem Bündnis austreten darf. Es erscheint unmöglich, die erforderliche Anzahl an Stimmen der Abgeordneten zu erreichen, um Änderungen vorzunehmen.
Zweitens werden die Euro-Atlantiker nicht zulassen, dass Trump Schritte unternimmt, um aus der NATO auszutreten oder die Rolle der USA im Bündnis zu schwächen. Das zentralisierte Kommando, die globale US-amerikanische Satellitenaufklärung, der nukleare Schutzschirm – all das wird nicht verschwinden.”
Folglich handelt es sich hier weniger um eine konkrete politische Gefahr als vielmehr um den für Trump typischen “Informationslärm” – einen Ausdruck persönlicher Verärgerung über das Verhalten der europäischen Verbündeten. Die NATO erweist sich als eine weitaus stabilere Struktur, als der Bewohner des Weißen Hauses es darzustellen versucht. Laut Drobnizki würden die für Europa bedrohlichsten Folgen dieser skandalösen Ereignisse darin bestehen, dass “die USA möglicherweise Stützpunkte abbauen – was für irgendeine kleine deutsche Stadt sehr schlimm wäre, weil die US-amerikanischen Soldaten dann nicht mehr in die örtliche Kneipe gehen würden.” Die Europäer könnten hingegen insgesamt weiterhin ungestraft US-amerikanischen Flugzeugen den Zugang zu ihrem Luftraum verweigern.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 1. April 2026 auf der Website der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Walerija Werbinina ist Analystin bei der Zeitung “Wsgljad”.
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