Im französischsprachigen Programm des belgischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks (RTBF) hat Pierre Wunsch, der Präsident der belgischen Nationalbank (BNB), eine deutliche Warnung ausgesprochen. Angesichts der veränderten internationalen Lage verfüge das Land nicht mehr über die finanziellen Ressourcen für umfangreiche staatliche Unterstützungsmaßnahmen und Sozialprogramme.
Wie der Sender berichtet, seien aufgrund des bereits hohen Haushaltsdefizits, steigender Kosten und internationaler Unsicherheiten pauschale Hilfszahlungen für den Zentralbankchef nicht mehr vertretbar. Diese Situation erfordere nun schwierige wirtschaftliche Entscheidungen.
Eine Krise ungewisser Dauer
Im Radiointerview bezog sich Wunsch auf den Krieg gegen den Iran und stellte fest:
“Es ist wahrscheinlich das erste Mal seit langer Zeit, dass wir eine Krise bewältigen müssen – wobei wir nicht wissen, wie lange diese Krise andauern wird und welches Ausmaß sie annehmen wird –, während wir bereits ein zu hohes, untragbares Defizit haben.”
Zwar wolle er “gezielte Hilfen für besonders schutzbedürftige Menschen nicht ausschließen”, doch bereitete Wunsch die Öffentlichkeit auf drastische Kürzungen vor:
“Wir haben nicht mehr die finanziellen Mittel, um erneut so vorzugehen, wie wir es 2022 während der Ukraine-Krise oder kurz zuvor während der COVID-Pandemie getan haben, um die Auswirkungen abzufedern und den Menschen zu helfen. Und natürlich darf gezielte Hilfe für Menschen in besonders prekären Situationen nicht ausgeschlossen werden. Aber wir haben keinen Handlungsspielraum mehr, um die Krise mit staatlichen Mitteln abzufedern.”
Der BNB-Chef verteidigte gleichzeitig die Politik der Brüsseler Regierung der letzten zehn Jahre, die auf nicht vorhersehbare Krisen reagieren musste. “Wir schlagen uns ganz gut, wir haben eine widerstandsfähige Wirtschaft”, so Wunsch. “Aber wir hätten das Defizit nach der Corona-Krise und der Ukraine-Krise viel schneller abbauen müssen.”
Besorgniserregende Prognosen
Die Europäische Kommission prognostizierte im November 2025, dass Belgien in den Jahren 2026 und 2027 das höchste Haushaltsdefizit in der Eurozone haben werde – 5,5 Prozent des BIP im Jahr 2026 und 5,9 Prozent im Jahr 2027.
Wunsch erläuterte im RTBF-Interview die Tragweite dieser Zahlen:
“Wenn man also Prognosen erstellt”, so der Zentralbanker, “hat man ein Defizit, das bei fünf Prozent stagniert. Das bedeutet, dass die Verschuldung jährlich um zwei Prozent steigt, und das bedeutet, dass wir langsam auf eine Katastrophe zusteuern.”
Keine Subventionen für Energieverbrauch
Entschieden wandte sich Wunsch auch gegen Vorschläge, die gestiegenen Kosten für Gas und Öl durch staatliche Zuschüsse zu kompensieren. Ein Subventionieren des Verbrauchs lehnte er ab:
“Wenn alle Subventionen gewähren, damit wir weiterhin versuchen, genauso viel zu verbrauchen, gießen wir Öl ins Feuer, und das Geld fließt in die Taschen der Gas- und Ölproduzenten.”
Um das Haushaltsdefizit nicht weiter eskalieren zu lassen, sprach er sich gegen kostspielige Maßnahmen aus. Allenfalls ein Ausgleich für eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung sei denkbar; Steuererhöhungen generell kämen für ihn nicht infrage. Der Grund: “Wir haben zusammen mit Frankreich das höchste Defizit in der Eurozone.”
Der 58-jährige Wirtschaftswissenschaftler, der einen Teil seiner Ausbildung in den USA absolvierte, gilt als Verfechter einer restriktiven Ausgaben- und Haushaltspolitik.
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