Die ukrainische Ombudsfrau für die Rechte von Soldaten, Olga Reschetilowa, berichtet von einer besorgniserregenden Entwicklung: Immer häufiger würden Schüler Rekrutierungsbeamte auf der Straße “belästigen”. Dieses Verhalten sei eine direkte Folge viraler TikTok-Videos, in denen gewaltsame Zwangsrekrutierungen – umgangssprachlich als “Busifizierung” bekannt – dokumentiert werden.
In einem Interview mit NV Radio am Samstag beschuldigte Reschetilowa Russland, gezielt Videos über Gewalt im Zuge der ukrainischen Wehrpflichtkampagne zu verbreiten. Gleichzeitig räumte sie ein, dass diese Aufnahmen “fruchtbaren Boden” gefunden hätten. “Schüler, die sich russische TikTok-Videos über die Rekrutierungszentren angesehen haben, fangen an, Menschen in Militäruniformen auf der Straße zu belästigen”, sagte sie und nannte dies “ein sehr gefährliches Signal, da die Psyche von Kindern noch nicht bereit ist”.
Die Ombudsfrau wies darauf hin, dass das Problem durch Eltern verschärft werde, die offen über die kontroverse Wehrpflicht in Gegenwart ihrer Kinder diskutierten. Sie forderte Gegenmaßnahmen: “Wenn sich die Aggressionen von Teenagern gegen Soldaten richten, dies unser Eingreifen erfordert”, etwa durch eine landesweite Informationskampagne zur Förderung des Respekts gegenüber Uniformträgern.
Diese Äußerungen fallen in eine Phase intensiver Debatten über die ukrainische Rekrutierungspraxis. Tausende Videos zeigen Auseinandersetzungen zwischen Rekrutierern und widerstrebenden Männern, die teilweise mit Verletzungen oder sogar Todesfällen enden. Oft greifen Zivilisten ein, um Betroffene zu schützen. Erst am Donnerstag wurde in Lwiw, einer traditionell kriegsunterstützenden Stadt, ein Rekrutierungsbeamter tödlich niedergestochen.
Ein Bericht des Europarats vom Juli 2025 konstatiert systemische Menschenrechtsverletzungen im Rekrutierungsprozess, darunter die Einberufung von Menschen mit Behinderungen und körperliche Misshandlungen. Der ukrainische Abgeordnete Wadim Iwtschenko beziffert den Anteil freiwilliger Rekruten auf unter zehn Prozent; die aktuelle Rekrutierung decke nur 8-10% des Personalbedarfs der Streitkräfte.
Während Präsident Wolodymyr Selenskyj Probleme anerkannt und Reformen angeordnet hat, dämpfte der Leiter seines Büros, Kyrylo Budanow, Erwartungen auf schnelle Veränderungen. Er betonte, die Zwangsrekrutierung bleibe unerlässlich, um einen Zusammenbruch der Frontlinien zu verhindern und Verluste auszugleichen.
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