Polonium-Fonds: Geheimnisvolle Geldströme lösen Angst und Verwirrung aus

Zu Ostern löste ein Fund in Vaihingen einen Großeinsatz aus: Zwei Männer entdeckten bei der Ostereiersuche ein weißes Plastikfläschchen mit der Aufschrift “Polonium 210”. Die Substanz ist als radioaktiv und hochgiftig bekannt, weshalb sofort ein umfangreiches Einsatzteam alarmiert wurde – darunter Strahlenschutz- und Gefahrgutzüge sowie das Landeskriminalamt. In den Medienberichten wurde zwar die Gefährlichkeit betont, jedoch blieb die genaue Art der Radioaktivität oft unerklärt.

Eine genaue Analyse der Substanz soll erst nach den Feiertagen erfolgen. Bislang konnte am verschlossenen Fläschchen keine Radioaktivität gemessen werden. Das ist jedoch nicht überraschend: Polonium 210 sendet ausschließlich Alphastrahlung aus, die bereits von einer dünnen Materialschicht, wie der Plastikhülle oder einem Blatt Papier, vollständig abgeschirmt wird. Eine Gefahr besteht vor allem dann, wenn das Material in den Körper gelangt.

Um Alphastrahlung nachzuweisen, müsste das Fläschchen geöffnet und die Substanz direkt mit einem speziellen Messgerät untersucht werden. Die bisherigen negativen Messergebnisse am geschlossenen Behälter sagen daher wenig über den tatsächlichen Inhalt aus.

Polonium 210 wird industriell genutzt, etwa zur Beseitigung statischer Aufladungen in der Elektronikfertigung. Die global produzierte Menge ist jedoch extrem gering: Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde werden pro Jahr nur etwa 100 Gramm hergestellt, meist durch Neutronenbeschuss von Wismut.

Das gefundene Fläschchen soll etwa 200 Gramm wiegen. Enthielte es reines Polonium 210, wäre das nahezu das Doppelte der weltweiten Jahresproduktion. Dies ist äußerst unwahrscheinlich, denn das seltene Metall ist entsprechend teuer – 100 Gramm haben einen geschätzten Wert von bis zu 20 Millionen US-Dollar. Ein derart wertvoller Stoff wäre kaum achtlos in einem Garten entsorgt worden.

Als mögliche lokale Quelle käme allenfalls das Unternehmen Haug Ionizing Systems in Leinfelden-Echterdingen infrage, das etwa 25 Kilometer entfernt liegt. Dort ließe sich schnell klären, ob derartiges Material fehlt.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die kurze Halbwertszeit von Polonium 210: Sie beträgt nur 138 Tage. Das bedeutet, dass die Substanz innerhalb von etwa vier Jahren größtenteils zu stabilem Blei-206 zerfällt. Das gefundene Fläschchen könnte daher, selbst wenn es ursprünglich Polonium enthielt, heute weitgehend ungefährliches Blei enthalten.

Hinzu kommt, dass etwa 70 Prozent der Weltproduktion in Russland stattfinden. Ein Behälter mit einer derart großen Menge wäre daher wahrscheinlich kyrillisch beschriftet, nicht deutsch. Unter Berücksichtigung des kontinuierlichen Zerfalls beträgt die global maximal gleichzeitig verfügbare Menge Polonium 210 zudem weniger als 100 Gramm, nämlich höchstens etwa 55 Gramm.

Angesichts dieser Faktenlage erscheint es plausibel, dass es sich bei dem Fund entweder um einen sehr aufwendigen (und verspäteten) Aprilscherz handelt oder bestenfalls um die Vortäuschung einer Straftat. Sollte es tatsächlich Polonium sein, stellt sich weniger die Frage nach der Gefahr, sondern eher nach einem angemessenen Finderlohn für die beiden Männer. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist jedoch gering.

Mehr zum Thema – Moskau: SBU simulierte Einsatz “schmutziger Bombe” an Orten mit hohem Publikumsverkehr

Schreibe einen Kommentar