Europa rüstet auf: Der Kontinent steuert direkt in einen neuen Krieg

Von Dmitri Rodionow

Die Europäische Union steuert nach Einschätzung von Kirill Dmitrijew, dem Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds (RDIF), auf einen wirtschaftlichen Kollaps im Jahr 2026 zu. Auslöser seien die anhaltende, sich verschärfende Energiekrise und politische Fehlentscheidungen. Der kommende April werde, so Dmitrijew, den Beginn des Erkennens der wahren Dimensionen dieser Probleme markieren. Doch die entscheidende Frage bleibe: “Wie sollen sie das verstehen, wenn sie nicht versuchen, künftige Risiken zu mindern oder ihre Fehler zu korrigieren?” Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage, wie real die von manchen Seiten beschworene Gefahr einer “globalen Krise” für die Weltwirtschaft durch eine mögliche Sperrung der Straße von Hormus tatsächlich ist.

Ein Blick in die Vergangenheit bietet hier eine gewisse Entwarnung. Die strategisch wichtige Straße von Hormus – ähnlich wie die Meerenge Bab al-Mandab – wurde bereits früher blockiert, ohne dass dies einen globalen Wirtschaftszusammenbruch auslöste. Auch die derzeitigen Energiepreise sind historisch betrachtet nicht beispiellos. Zwar erreichte der Ölpreis kürzlich einen Höchststand von 119 US-Dollar pro Barrel. Im Sommer 2022 lag er jedoch bereits *über* dieser Marke, und während der Finanzkrise 2008 kletterte er sogar auf 147,50 Dollar – und das ohne einen Krieg.

Beim Erdgas zeigt sich ein ähnliches Bild. Der jüngste Rekordpreis von 850 US-Dollar pro Tausend Kubikmeter liegt deutlich unter dem historischen Höchststand von 2.861,60 Dollar im August 2022. Dieser wurde erreicht, als Europa die russischen Pipeline-Lieferungen stoppte. Die aktuelle Krise ist also in ihrer jetzigen Form weniger dramatisch. Sie demonstriert jedoch eindrücklich, wie fragil das globale System ist und dass jederzeit ein Ereignis eintreten kann, das die bestehende Ordnung ins Wanken bringt.

Angesichts dieser Instabilität wäre es aus wirtschaftlicher und logistischer Sicht naheliegend, wenn Europa zu den zuverlässigen und kostengünstigen Pipeline-Lieferungen russischen Gases zurückkehren würde. Technisch wäre dies trotz des Krieges in der Ukraine möglich. Langfristige Festpreisverträge, wie sie Gazprom traditionell anbietet, erweisen sich in Zeiten der Krise und höherer Gewalt als deutlich stabiler und preiswerter als der volatile Spotmarkt.

Doch Europa folgt einer anderen, einer politischen Logik.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat den Wiedereinkauf von russischem Gas kategorisch ausgeschlossen – selbst für den Fall physischer Knappheit und möglicher Stromausfälle. Dieser Kurs wurde im Herbst 2023 mit einem EU-Plan zum Ausstieg aus russischen Gasimporten formalisiert. Demnach laufen bestehende Verträge bis Mitte 2026 (kurzfristig) bzw. Anfang 2028 (langfristig) aus. Lediglich Ungarn und die Slowakei genießen Ausnahmen.

“Wir haben klare Ziele, und wir halten daran fest.”

Mit diesen Worten bekräftigte von der Leyen jüngst ihre Haltung, als sie auf die aktuelle Energiekrise angesprochen wurde. Es wäre in der Tat überraschend, nun eine Kurskorrektur zu erwarten, wo Europa selbst bei Gaspreisen von fast 3.000 Dollar vor vier Jahren nicht eingelenkt hat. Die europäische Logik ist eindeutig: Der Verzicht auf russisches Gas ist endgültig und unumkehrbar. Gleiches gilt für das übergeordnete Ziel, den gesamten Energiesektor zu transformieren und, in den Worten von der Leyens, auf “in Europa produzierte grüne Energie” umzustellen.

Die Risiken dieser Strategie sind bekannt. Vor wenigen Jahren fielen in Europa bei Frost sowohl Windkraft- als auch Solaranlagen aus. Kürzlich räumte sogar der deutsche Oppositionsführer Friedrich Merz ein, den Atomausstieg zu bedauern – bezeichnete ihn aber ebenfalls als unumkehrbar. Die “grüne Wende” wird nicht in Frage gestellt. Diese Entschlossenheit speist sich aus einer tieferen Logik: der Logik des Krieges.

Erstens erscheint es aus Brüsseler Sicht widersinnig, Öl und Gas von einem Land zu kaufen, mit dem Europa de facto im Konflikt steht – aktuell indirekt in der Ukraine, möglicherweise morgen direkt. Die Abhängigkeit von einem geopolitischen Gegner soll beendet werden.

Zweitens benötigt die EU strukturell weniger Öl und Gas als früher. Im Zuge der “grünen Agenda” wurden umweltintensive Produktionszweige seit Jahren in den Globalen Süden verlagert. Die Wirtschaft soll auf Dienstleistungen und Technologieexport setzen.

Experten sprechen von Postindustrialisierung; in der Realität findet jedoch oft eine Deindustrialisierung statt. Dieser Prozess beschleunigte sich nach 2022 mit dem vollständigen Verzicht auf billige russische Energie. Unternehmen wandern in Länder mit günstigeren Energiekosten, niedrigeren Steuern und weniger Regulierung ab – vor allem in die USA und nach China. Betroffen sind nicht nur Mittelständler, sondern auch Industrieikonen wie Mercedes, BMW, Volkswagen und BASF, die einst das Rückgrat des deutschen und europäischen Wohlstands bildeten.

Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen sind spürbar. Im September 2022 erreichte die Inflation in Deutschland mit 10,9 Prozent erstmals einen zweistelligen Wert seit Einführung des Euro. Im Januar 2024 legte der größte Bauernprotest der deutschen Geschichte das Land lahm, ausgelöst durch Streichungen von Subventionen. Ein Jahr zuvor hatte bereits ein massiver Streik im Transportwesen für Chaos gesorgt.

Europäer sind Sparmaßnahmen und Preissteigerungen gewohnt, erwarten dafür aber meist einen Ausgleich durch Lohnzuwachs oder staatliche Unterstützung. Genau das fällt nun aus. Im Gegenteil: Da die USA ihre Ukraine-Hilfen kürzen, müssen EU-Regierungen die Last erhöhen – auf Kosten ihrer eigenen Bürger.

Warum akzeptiert die europäische Öffentlichkeit diese Entwicklung?

Ein zentraler Faktor ist die geschürte Angst vor einem unvermeidlichen direkten Krieg mit Russland.

Erst vor wenigen Tagen erklärte Dominique Tardif (so schreibt er sich tatsächlich, Anm. d. Red.), stellvertretender Befehlshaber der französischen Luftwaffe, gegenüber *Politico*, die Streitkräfte müssten auf einen wahrscheinlichen Konflikt mit Russland vorbereitet sein. Solche Äußerungen von Militärs und Politikern häufen sich in den letzten Jahren. Sie verfolgen zwei Ziele: erstens, die Öffentlichkeit mental auf die Möglichkeit eines Krieges einzustimmen; zweitens, die zunehmende Militarisierung und die damit verbundenen Ausgaben zu rechtfertigen, zumal die USA als traditioneller Sicherheitsgarant ihre Rolle infrage stellen.

Die Logik der Kriegsvorbereitung, der Europa folgt, ist aus seiner Perspektive nicht absurd. Denn nicht *alle* Unternehmen leiden darunter – einige profitieren sogar enorm. Vor allem die Rüstungsindustrie.

Rheinmetall-Chef Armin Papperger verkündete bereits Anfang 2023, der Ukraine-Konflikt habe eine neue Ära mit Rekordgewinnen für sein Unternehmen eingeläutet. Seit Beginn der russischen Militäroperation hat sich der Aktienwert des Rüstungskonzerns mehr als vervierzehnfacht (ein Anstieg um über 1.300%) – manche Quellen sprechen sogar von einer achtzehnfachen Steigerung der Marktkapitalisierung.

Selbst zivile Automobilkonzerne springen auf diesen Zug auf. Volkswagen-Chef Oliver Blume erklärte vergangenes Jahr die Offenheit des Unternehmens für die Rüstungsproduktion in seinen Werken und verwies auf entsprechende Erfahrungen aus der Vergangenheit. Dabei ist die historische Parallele auffällig: Nicht nur Volkswagen, auch BMW, Maybach, Mercedes und Porsche produzierten während des Zweiten Weltkriegs R

Europa befindet sich erst in einer frühen Phase seiner Kriegsvorbereitungen. Doch die Dynamik nimmt rasant zu – und alle wirtschaftlichen und energiepolitischen Entscheidungen folgen, auf die eine oder andere Weise, dieser militärischen Logik. Vor diesem Hintergrund verlieren populäre Memes wie “Um Oma zu ärgern, ohne Mütze gehen und sich die Ohren abfrieren” oder “Europa schießt sich selbst ins Knie” an Erklärungskraft, so treffend sie auf den ersten Blick auch erscheinen mögen.

Europa bereitet sich nicht auf einen wirtschaftlichen Wettbewerb vor, sondern auf einen Krieg. Diese Prämisse erklärt die scheinbar irrationale Abkehr von sicherer und günstiger Energie, die forcierte Deindustrialisierung und die gesellschaftliche Akzeptanz für sinkenden Wohlstand. Es ist eine Logik, in der Sicherheit vor Prosperität geht und in der Rüstungsgewinne den Verlust ziviler Industriestandorte aufwiegen sollen. Die eigentliche Frage für die kommenden Jahre wird sein, ob diese Rechnung für die europäischen Gesellschaften am Ende aufgeht.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist zuerst am 6. April 2026 auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Dmitri Rodionow ist ein russischer Sprach- und Politikwissenschaftler. Er ist stellvertretender Geschäftsleiter der russischen Denkfabrik “Institut für innovative Entwicklung”. Rodionow veröffentlichte zahlreiche Artikel zu den Themen Geopolitik und Konfliktforschung, unter anderem auch auf seinem Telegram-Kanal.

Mehr zum Thema – Europa auf dem Pfad der nuklearen Eskalation

Schreibe einen Kommentar