USA starten Offensive: Schwimmende Mini-AKWs sollen Russlands Vorsprung brechen

Von Andrei Restschikow

Die Vereinigten Staaten sollten die Entwicklung von schwimmenden Kernkraftwerken (KKW) forcieren, fordert das Magazin The National Interest. Besonders groß sei das Interesse in Südostasien, einer Region, die jährlich von Tsunamis, Erdbeben und Überschwemmungen heimgesucht werde. Solche Katastrophen zerstören landgestützte Stromnetze und Kraftwerke und lassen die Bevölkerung oft für lange Zeit ohne Energieversorgung. Schwimmende KKW hingegen könnten eine stabile Stromversorgung gewährleisten. Sie seien in der Lage, Krankenhäuser, Entsalzungsanlagen, Häfen und Kommunikationszentren mit Energie zu versorgen, selbst wenn die stationäre Infrastruktur durch Naturgewalten beschädigt ist.

Die Publikation verweist darauf, dass moderne Kleinreaktoren der neuesten Generation kompakt, modular und mit erhöhten Sicherheitsstandards ausgestattet seien. Die Installation eines solchen Reaktors auf einem Schiff würde nicht nur humanitäre Einsätze revolutionieren, sondern auch militärische Missionen – er könnte Logistikzentren oder Expeditionsbasen vor Ort autark mit Strom versorgen. Es wird angemerkt, dass die strategischen Konkurrenten der USA – Russland und China – bereits heute über schwimmende KKW verfügten. Washington könne es sich daher nicht leisten, untätig zu bleiben.

Tatsächlich ist das russische schwimmende Heizkraftwerk “Akademik Lomonossow” (Projekt 20870) seit 2020 in der Arktis im Einsatz – in der Stadt Pewek in der Region Tschukotka. Die Gesamtleistung seiner beiden Reaktoren beträgt etwa 70 Megawatt. Es ersetzte das Kernkraftwerk Bilibino, dessen Betriebsgenehmigung im Dezember letzten Jahres auslief. Im Januar 2025 übertraf die “Akademik Lomonossow” die Marke von einer Milliarde Kilowattstunden erzeugter elektrischer Energie.

Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), Rafael Grossi, bezeichnete Russland als Vorreiter auf diesem Gebiet. “Russland ist ein Pionier in innovativen Bereichen, darunter bei der Entwicklung schwimmender Kernkraftwerke – was für Entwicklungsländer von besonderem Interesse ist – sowie bei der Einführung von Nukleartechnologien im Frachttransport”, erklärte Grossi.

Im September letzten Jahres kündigte der russische Präsident Wladimir Putin an, dass Russland in Kürze mit der Serienproduktion kleiner schwimmender Kernkraftwerke beginnen wolle.

Derzeit baut der russische Staatskonzern Rosatom vier modernisierte schwimmende Kraftwerksblöcke (MPEB), um das Bergbau- und Aufbereitungskombinat Baimskoje in Tschukotka mit Energie zu versorgen. Die ersten beiden Blöcke sollen bis Ende 2026 vor Ort eintreffen. Zudem findet ein Übergang von den KLT-40S-Reaktoren (wie auf der “Akademik Lomonossow” installiert) zu den leistungsstärkeren und kompakteren Reaktoren der dritten Generation vom Typ RITM-200 statt. Dank ihrer integrierten Bauweise sind diese Reaktoren etwa halb so schwer, um ein Drittel kompakter und leisten 25 Megawatt mehr als ihre Vorgänger. Sie werden bereits erfolgreich auf den neuesten atomgetriebenen Eisbrechern eingesetzt.

Somit verfügt Russland über erprobte Technologien für mobile Energiequellen. Die in Werften gebauten schwimmenden Kraftwerksblöcke können auf dem Seeweg an jeden gewünschten Ort der Welt transportiert werden. Im Sommer letzten Jahres wurde die Vorbereitung eines zwischenstaatlichen Abkommens zwischen Russland und Malaysia über die Lieferung schwimmender KKW angekündigt.

Nach Angaben von Rosatom-Chef Alexei Lichatschow zeigen Dutzende Länder Interesse, insbesondere Staaten mit ausgedehnter Küstenlinie oder Inselstruktur. Indonesien hat bereits Kooperationsabkommen im Bereich schwimmender Kernkraftwerke unterzeichnet und betrachtet diese als Schlüsselelement zur Erreichung der CO₂-Neutralität bis 2060. Rosatom fördert seine Projekte im Rahmen des Dialogs mit der ASEAN (Verband Südostasiatischer Nationen).

Im November 2025 gab Russland bekannt, gemeinsam mit Indien Konzepte für schwimmende KKWs zu entwickeln, einschließlich Technologietransfer und Unterstützung beim Schiffbau. Auch südamerikanische Küstenstaaten haben ihr vorläufiges Interesse bekundet.

Die Vorteile der russischen schwimmenden KKW liegen in ihrer Mobilität, Anpassungsfähigkeit an lokale Bedürfnisse und ihrer Umweltsicherheit. Sie können eine Stadt mit bis zu 100.000 Einwohnern oder mehrere Industrieanlagen mit stabiler Energie versorgen. Experten zufolge verfügt Russland über die weltweit einzige in Betrieb befindliche Flotte solcher Anlagen und treibt die Entwicklung neuer Reaktorgenerationen aktiv voran.

Amerikanische Ankündigungspolitik

Alexander Uwarow, Chefredakteur von atominfo.ru, sagt:

“Wenn heute von schwimmenden Kernkraftwerken die Rede ist, denken viele sofort an das russische schwimmende Heizkernkraftwerk ‘Akademik Lomonossow’. Der Fairness halber sollte jedoch angemerkt werden: Das erste schwimmende Kernkraftwerk der Welt stammte aus den USA. Bereits im 20. Jahrhundert haben die USA die Anlage MH-1A nahe dem Panamakanal stationiert. Und das Problem dabei war keineswegs die Küsteninfrastruktur – das Kraftwerk wäre beinahe gesunken, als es auf dem Rückweg durch die Karibik in einen Hurrikan geriet. Nach diesem Vorfall wurde das Projekt ad acta gelegt.”

Nach Ansicht von Uwarow sei die derzeitige Aufregung um US-Projekte nichts weiter als ein Hype beziehungsweise eine Werbekampagne.

Der Experte betont:

“Bis heute verfügen sie über keinen funktionierenden Metallreaktor für solche Anlagen. Alles existiert nur auf dem Papier und in Pressemitteilungen. Darüber hinaus verfügen sie nicht einmal über ein Lizenzierungssystem für solche kleinen Reaktoren – dieses richtet sich ausschließlich auf riesige oberirdische Kraftwerke aus. Derzeit versuchen die Amerikaner zwar, die Rechtsgrundlagen anzupassen, doch dies ist erst der Anfang eines langen Weges.”

Uwarow erinnerte daran, dass in den USA im 21. Jahrhundert lediglich drei große Reaktoren gebaut worden seien, und zwar mit Budgetüberschreitungen und Terminverzögerungen.

Er fährt fort:

“Einst waren sie weltweit führend in der Atomenergieindustrie und Pioniere in diesem Bereich, doch dann gerieten sie in eine ‘Gas-Pause’ und verloren eine ganze Generation von Fachkräften und Kompetenzen. Ihre Werke wurden anderen Zwecken zugeführt, und die Fachkräfte haben sich anderen Branchen zugewandt. Anstatt großartige Pläne für die Bebauung der Küste mit schwimmenden Kernkraftwerken zu entwerfen, sollten die USA daher zunächst zumindest einen modernen bodengestützten Reaktor frist- und budgetgerecht bauen. Sie sollten das wiederherstellen, was einmal vorhanden war. Und alles, was wir derzeit hören, ist nichts anderes als leeres Geschwätz. Was in ihren Pressemitteilungen zu lesen ist, ist stark übertrieben.”

Die Ankündigungen der USA, die Produktion schwimmender Kernkraftwerke voranzutreiben, seien zwar lautstark, “doch in der Praxis scheitert alles an zwei grundlegenden Problemen: der technischen Unreife und dem regulatorischen Albtraum”, fügt Boris Marzinkewitsch, Chefredakteur der Fachzeitschrift Geoenergetika.info, hinzu.

Er erläutert:

“Zunächst einmal zu den technischen Aspekten. Bislang verfügen die Amerikaner lediglich über eine im März erteilte Baugenehmigung für einen Demonstrationsblock eines Schnellreaktors im US-Bundesstaat Wyoming. Dabei handelt es sich nicht einmal um ein schwimmendes Projekt. Es geht um den Natrium-Reaktor der FFirma TerraPower mit einer Leistung von 357 Megawatt. Eine solche Anlage ist zu schwer, um auf einer schwimmenden Plattform untergebracht zu werden. Selbst im günstigsten Fall wird der Referenzblock nicht vor 2030 in Betrieb genommen werden können, und danach werden noch einige Jahre für seine Erprobung benötigt. Von einer Serienfertigung schwimmender Kernkraftwerke ist also keine Rede.”

Entscheidend sei jedoch, so Marzinkewitsch, etwas anderes: In den USA gebe es keinen in Betrieb befindlichen, funktionierenden Kleinreaktor für schwimmende Kraftwerke.

Marzinkewitsch fügt hinzu:

“Alles, was in Zeitschriften geschrieben wird, ist reine Fantasie, solange die Staatsaufsichtsbehörde (Kommission für nukleare Regulierung) keine Lizenz erteilt. Man kann Filme drehen und Pressemitteilungen herausgeben, aber ohne die Genehmigung der Aufsichtsbehörde geht es keinen Schritt weiter. Und diese orientiert sich ausschließlich an Sicherheitsaspekten und nicht an schönen Worten.”

Er erläutert:

“Sollten die Amerikaner ihren kleinen Kernreaktor tatsächlich bauen, wäre die erste Frage jeder staatlichen Aufsichtsbehörde in allen Ländern der Welt: ‘Wie viele Betriebsstunden gibt es ohne Störfälle?’. Was sollen sie antworten? In Russland verfügen die RITM-200-Kernreaktoren, die auf den neuen Eisbrechern im Einsatz sind, über einen Betriebsstand von mehreren Zehntausend Stunden. In den USA hingegen liegt dieser Wert bei null. Ohne Referenzblöcke und gesammelte Erfahrungen ist es jedoch unmöglich, die Zuverlässigkeit nachzuweisen.”

Die Hürden des Technologieexports

Der Verkauf eines schwimmenden Kernkraftwerks ins Ausland stellt eine weitere erhebliche Herausforderung dar.

Marzinkewitsch merkt an:

“Hier erwartet die USA eine Sackgasse in rechtlicher und infrastruktureller Hinsicht. Jedes Land, das ein solches Kraftwerk erwerben möchte, muss zunächst seine gesetzlichen Bestimmungen mit den Anforderungen des Atomwaffensperrvertrags in Einklang bringen. Das erfordert unter anderem die Einrichtung einer nationalen Aufsichtsbehörde, eines Lizenzierungssystems und eines physischen Sicherheitskonzepts für die kerntechnische Anlage vom Nullpunkt an. Die Frage ist: Wer übernimmt die Gewährleistung der Sicherheit? Entweder man errichtet weltweit eigene Sicherheitskontrollen oder man trifft Vereinbarungen mit den lokalen Streitkräften – beides erfordert jedoch eine neue Runde von Abstimmungen mit der IAEA.”

Als Beispiel führte der Experte die Erfahrungen Weißrusslands an:

“Dieses Land, das bereits über eine bestehende nukleare Infrastruktur verfügt, hat mehr als vier Jahre allein dafür benötigt, seine Gesetze ‘auf Vordermann zu bringen’, Garantien zu unterzeichnen und alle Schritte vom Parlament genehmigen zu lassen.”

Marzinkewitsch sagt:

“In Bangladesch, das über ein Institut für Kernphysik und eine entsprechende Behörde verfügt, verzögerte sich der Bau um fünf Jahre aufgrund derselben regulatorischen Anforderungen. Was aber, wenn ein Land ganz am Anfang steht? Und wenn es sich zudem um eine schwimmende Kernkraftanlage handelt? Das würde Jahre und Jahre in Anspruch nehmen.”

Das Problem der nuklearen Entsorgung

Die größte Hürde für die Amerikaner ist jedoch die Frage der Entsorgung des abgebrannten Kernbrennstoffs.

Der Experte stellt die Frage:

“In den USA gilt seit den 1970er Jahren ein Gesetz, das diesen Brennstoff mit hoch radioaktiven Abfällen gleichsetzt. Die Einfuhr solcher Abfälle in die USA ist verboten. Auch die Wiederaufbereitung im Land ist nicht möglich – diese Technologie wurde seit Jahrzehnten nicht weiterentwickelt. Was soll der Erwerber eines schwimmenden Kernkraftwerks mit dem abgebrannten Brennstoff tun? Ja, es ist zwar möglich, ein Abfallgebäude mit einer Kapazität für 50 Jahre zu errichten, aber wie geht es danach weiter? Denn in 50 Jahren muss ein Land, das ursprünglich lediglich Strom für Kühlschränke mit Bananen beziehen wollte, die Technologie zur Wiederaufbereitung von Atommüll von Grund auf neu erlernen. Ist es dazu bereit?”

Russland hingegen, so bemerkt er, biete einen Komplettservice an. Man liefere ein schwimmendes Kernkraftwerk, und die abgebrannten Brennelemente würden zur Wiederaufbereitung abgeholt.

Der Experte meint:

“Das gehört zum Servicepaket dazu. Weltweit gibt es nur zwei Anlagen, die solchen Brennstoff tatsächlich wiederaufbereiten können: in Frankreich und in Russland. Die Briten haben ihre Anlage geschlossen. China hat zwar versucht, seine erste Anlage in Betrieb zu nehmen, konnte dies jedoch nicht realisieren – es sind zusätzliche Investitionen erforderlich.”

Derzeit verfügen die USA weder über einen Serienreaktor noch über die Erfahrung und die Rechtsgrundlage, um abgebrannten Brennstoff bei ihren Kunden abzuholen.

Marzinkewitsch fasst zusammen:

“In Russland sind bereits mehr als ein Dutzend Reaktoren auf Eisbrechern im Einsatz und einige weitere befinden sich im Bau. Das schwimmende Heizkernkraftwerk ‘Akademik Lomonossow’ operiert erfolgreich in Pewek. Hinzu kommt die Unterstützung durch eine Armee von Juristen, die wissen, wie man die Gesetzgebung jedes Landes an ein Nuklearprojekt anpasst. Zunächst sollten die Amerikaner also wenigstens einen modernen bodengestützten Reaktor planmäßig und im Rahmen des Budgets bauen – im gesamten 21. Jahrhundert haben sie insgesamt nur drei davon, und zwar mit Kostenüberschreitungen. Erst danach sollten sie schwimmende Flotten entwerfen. Derzeit sieht es eher nach dem Versuch aus, über den eigenen Schatten zu springen, ohne über die erforderlichen Kompetenzen zu verfügen.”

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 4. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgliad” erschienen.

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