Perestroika: Wie Gorbatschows Reformen die Sowjetunion in den Abgrund stürzten

Von Swjatoslaw Knjasew und Ariadna Jurkowskaja

Am 8. April 1986 fiel in einer Rede Michail Gorbatschows im Automobilwerk von Toljatti erstmals das Wort „Perestroika“ – zu Deutsch „Umbau“. Schnell avancierte der Begriff zur Bezeichnung für das gesamte Reformbündel, das die Sowjetunion zwischen 1985 und 1991 erschütterte. Was anfänglich auf große Hoffnung stieß, wandelte sich rasch in tiefe Enttäuschung.

Der Ruf nach Erneuerung

Die Weichen für tiefgreifende Veränderungen wurden gestellt, noch bevor Gorbatschow an die Spitze des Staates trat. Bereits 1983 erhielt eine Arbeitsgruppe um den damaligen ZK-Sekretär den Auftrag, Konzepte für eine Wirtschaftsreform zu erarbeiten. Mitte der 1980er Jahre verschärften sich die ökonomischen Probleme im Land spürbar; Güter des täglichen Bedarfs wurden knapp. Professor Witali Sacharow, Historiker an der Moskauer Bauman-Universität, erklärt im Gespräch mit RT:

„In der späten UdSSR wurden wissenschaftlich-technische Errungenschaften im zivilen Bereich nur unzureichend genutzt. Dies wirkte sich nicht gerade positiv auf die Lebensqualität der Bevölkerung aus.“

Nach seiner Wahl zum Generalsekretär am 11. März 1985 sah sich Gorbatschow mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Ein Einbruch des Ölpreises infolge der Aufhebung der Fördermengenbeschränkungen durch Saudi-Arabien ließ die sowjetische Handelsbilanz ins Minus rutschen. „In der Politik, im sozialen Bereich und in der Wirtschaft hatten sich Probleme angehäuft. Und das führte zu einem Bedarf an Reformen“, analysiert Professor Andrei Koschkin von der Plechanow-Wirtschaftsuniversität im Gespräch mit RT.

Experten betonen jedoch, dass die Lage keineswegs hoffnungslos war. „Der Komplex von Problemen, der in der späten Sowjetunion bestand, ist eigentlich nichts Einzigartiges – im Laufe der gesamten sowjetischen Geschichte sah sich das Land mit den einen oder anderen Problemen und Herausforderungen konfrontiert“, so Wladimir Schapowalow vom Moskauer Institut für Internationale Beziehungen gegenüber RT.

Glasnost und erste Schritte

Gorbatschows Antwort war der im April 1985 verkündete Kurs der „Beschleunigung der sozioökonomischen Entwicklung“, wobei der Fokus auf einer Modernisierung des Maschinenbaus lag. Parallel dazu etablierte er einen neuen politischen Stil. Sein spontaner Auftritt vor Bürgern auf dem Leningrader „Platz des Aufstands“ im Mai 1985, bei dem er Versprechen für mehr Wohlstand gab und den Kampf gegen den Alkoholismus ausrief, gilt als Geburtsstunde der „Glasnost“ (Offenheit). Auf die Bitte einer Frau, näher am Volk zu bleiben, antwortete er lachend: „Näher geht wohl kaum noch!“

Die Glasnost-Politik manifestierte sich in einer Lockerung der Zensur, der Veröffentlichung bisher verbotener Literatur und einer kritischeren Berichterstattung. „Bei der Bevölkerung des Landes, insbesondere bei der Jugend, lösten Gorbatschows Versprechen ein Gefühl der Euphorie aus“, bemerkt Andrei Koschkin. Zugleich erfolgte ein personeller Umbau in der Parteiführung, begleitet von Enthüllungen über Korruption, die das Vertrauen in die Institutionen weiter aushöhlten.

Die Perestroika nimmt Fahrt auf

Mit der öffentlichen Nennung des Begriffs „Perestroika“ am 8. April 1986 in Toljatti erhielten die Reformen ihren Namen. „Wir haben den Weg einer grundlegenden Perestroika in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens eingeschlagen“, erklärte Gorbatschow. Bald sprach er von einer „Revolution“. Die politische Landschaft veränderte sich rasant: Dissidenten wurden rehabilitiert, das Verhältnis zu den USA entspannte sich, und im INF-Vertrag sagte die UdSSR die Vernichtung weit mehr Raketen zu als die USA.

Wirtschaftlich wurden erste Schritte in Richtung Marktwirtschaft unternommen – von der Zulassung von Genossenschaften bis zur Einführung der Selbstfinanzierung für Betriebe. Doch die erhoffte Belebung blieb aus. „Das Wort ‘Perestroika’ war zunächst ein Symbol der Hoffnung auf Besserung. Gorbatschows Vorhaben schien groß, doch es gab nur wenige konkrete Maßnahmen zum Wohle des Landes“, so Koschkin. Stattdessen verschärfte sich die Warenknappheit, und erstmals seit dem Krieg wurden Lebensmittelkarten eingeführt.

Von der Euphorie zur Desillusionierung

Die wirtschaftliche Misere ging einher mit wachsenden politischen Spannungen. Nationalistische und separatistische Bewegungen in den Republiken gewannen an Zulauf. „Innerhalb weniger Jahre schwankte die Stimmung der Bevölkerung von der Faszination für die Person und die Rhetorik Michail Sergejewitschs hin zur Enttäuschung“, stellt Schapowalow fest. Dennoch sprach sich eine klare Mehrheit von über 76% in einem Referendum im März 1991 für den Erhalt der reformierten Sowjetunion aus.

Die Führungen einiger Republiken drängten jedoch auf immer größere Souveränität. Der daraus resultierende Machtkampf gipfelte im gescheiterten Augustputsch 1991, der die Zentrifugalkräfte nur noch beschleunigte. „Es ist offensichtlich, dass Gorbatschow und sein Team den Zerfall der Sowjetunion nicht wollten. Aber ihre Handlungen, ihre Ineffizienz, ihre Unüberlegtheit und die fatalen Fehler, die begangen wurden, führten zur Katastrophe“, resümiert Schapowalow.

Erbe und Bewertung

Das offizielle Ende der UdSSR und damit der Perestroika-Ära markieren die Belowescher Vereinbarungen vom Dezember 1991 und die Selbstauflösung des Obersten Sowjets. Die Folge waren tiefe Krisen in den Nachfolgestaaten, die als „wilde 90er“ in die Geschichte eingingen. Laut einer Umfrage des russischen Meinungsforschungszentrums WZIOM aus dem Jahr 2025 sind 61% der Russen überzeugt, dass die Perestroika ihrem Land mehr geschadet als genutzt habe.

In der Kultur hinterließ die Ära deutliche Spuren. Lieder wie „Wind of Change“ der Scorpions oder Wiktor Zois „Ich will Veränderungen!“ wurden zu inoffiziellen Hymnen der Zeit. Bis heute fesseln die dramatischen Ereignisse der späten 1980er und frühen 1990er Jahre das Publikum, wie die anhaltende Popularität entsprechender Filmproduktionen zeigt.

Übersetzt aus dem Russischen.

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