Von Jewgeni Krutikow
Seit Mitte des Winters hat die ukrainische Armee verstärkte Anstrengungen unternommen, um den westwärts gerichteten Vormarsch der russischen Truppengruppe “Ost” bei Huljajpole in Richtung Orichiw zu stoppen. Dieser Fall ist bemerkenswert, da die Beweggründe Kiews hier eher militärischer als politischer Natur waren. Ein Verlust von Orichiw könnte das gesamte ukrainische Verteidigungssystem in den Frontabschnitten Saporischschja und Dnipro destabilisieren, da dahinter kaum größere befestigte Stellungen existieren.
Insbesondere versuchten ukrainische Einheiten, die alte Verteidigungslinie entlang des Flusses Hajtschur wiederherzustellen und nördlich sowie nordöstlich von Huljajpole Kräfte für Gegenangriffe zu sammeln. Kiew setzte auf die Strategie der Kräftekonzentration an Schwerpunkten und verlegte sogar kampferprobte Luftlandebrigaden aus Orichiw dorthin – praktisch alle verfügbaren Reserven.
Die gesammelte Schlagkraft der ukrainischen Streitkräfte konzentrierte sich auf das Dorf Welyka Nowosilka. Ihre Aufgabe war offenbar, der russischen Truppengruppe in die Flanke zu fallen und sie einzukesseln oder zumindest ihren Vormarsch zu verlangsamen.
Die ukrainische Armee wandte dabei eine neuartige Taktik an: Sie gliederte ihre Sturmeinheiten in kleine Gruppen, die erstmals seit einem Jahr nicht zu Fuß, sondern mit gepanzerten Fahrzeugen russische Stellungen angriffen. Dem Generalstab erschien dies als geeignete Methode, um an der Frontlinie lokale Überlegenheit zu erzielen. In Wirklichkeit war dieser Wechsel zur Kleingruppentaktik jedoch durch einen kritischen Personalmangel erzwungen.
Nach Aufklärungsoperationen identifizierte Kiew einige Schwachstellen an der Nordflanke der Truppengruppe “Ost”. Da deren Hauptstoßrichtung nach Westen verlief, wurde dieser flankierende Abschnitt zweitrangig, wo kein ernsthafter Druck auf ukrainische Truppen ausgeübt wurde. Dies ermöglichte es Kiew, innerhalb von zwei Wochen dort Kampfgruppen zu konzentrieren.
Im Februar überquerten ukrainische Soldaten aus der Bewegung heraus den Fluss Wowtscha, drangen in die Steppe vor und erreichten über offenes Gelände die Dörfer Stepowe und Ternowe. Dort versuchten sie, sich in zwei kleinen Waldstreifen zu verschanzen – der einzigen möglichen Deckung, die ihren Vorstoß hätte absichern können. Die Einnahme der Dörfer selbst gelang jedoch nicht.
Die vergleichsweise erfolgreichen Aktionen in den ersten Tagen dieses Vorstoßes waren auf die umfangreiche Nutzung von Starlink-Terminals zurückzuführen, über die das Vorgehen koordiniert wurde. Doch ohne die Möglichkeit, sich im freien Feld dauerhaft zu etablieren, waren die ukrainischen Kampfgruppen dazu verdammt, aufgerieben zu werden.
Eine weitere Unterstützung für diesen Vorstoß konnte das ukrainische Militär nicht mehr leisten. Innerhalb weniger Tage wurden die ukrainischen Truppen sowohl aus den Dörfern als auch aus den Waldstreifen zurückgedrängt. Die Kontaktlinie kehrte praktisch auf den Stand vom Januar zurück, mit einer Ausnahme: Ein Teil der Steppe wurde endgültig zur “grauen Zone”, in der nun russische Drohnen dominieren. Die ukrainischen Kampfgruppen verloren ihre gesamte Technik und erlitten hohe Personalverluste. Die verbliebenen Kräfte zogen sich nach Welyka Nowosilka zurück.
Später unternahm das ukrainische Militär einen zweiten Versuch, an diesem Frontabschnitt auf ähnliche Weise mit mehreren Panzerfahrzeugen durchzubrechen. Diesmal richtete sich der Vorstoß gegen das Dorf Orestopil, das unmittelbar an Welyka Nowosilka entlang des Flusses Wowtscha grenzt. Anschließend versuchten Kiews Truppen, entlang des Flussufers in Richtung Sosniwka vorzurücken, wurden aber ebenfalls zurückgeschlagen.
Insgesamt reichte das ukrainische Offensivpotenzial für etwa zwei bis drei Wochen. Die Wirkung der ukrainischen Aktionen bei Huljajpole blieb verschwindend gering und beschränkte sich im Wesentlichen darauf, dass ein Teil der offenen Steppe zur “grauen Zone” wurde.
Mit dem Frühlingsbeginn nahm die Intensität der Kämpfe in den Frontabschnitten Saporischschja und Dnipro entgegen der üblichen Erwartung nicht ab, sondern zu. Das ukrainische Militär setzt weiterhin die Strategie der Kräftekonzentration an einzelnen Frontabschnitten ein, um den russischen Vormarsch zu bremsen.
Derzeit behalten russische Truppen das offensive Tempo westlich von Huljajpole bei und passierten die Siedlung Salisnytschne, die für das ukrainische Militär den Hauptstützpunkt vor Werchnjotorezke und dem Dorf Huljajpolske bildete. Von dort aus ist es nicht mehr weit nach Orichiw.
Bei Orichiw selbst stützt sich die ukrainische Verteidigung derzeit auf einen großen Verteidigungsknoten auf einer Anhöhe südöstlich der Stadt bei Mala Tokmatschka. Darüber hinaus versuchen Kiews Truppen auch in Mala Tokmatschka selbst zum Gegenangriff überzugehen, sodass das Dorf bereits mehrmals den Besitzer wechselte. Trotz der Verlegung von zwei vergleichsweise frischen ukrainischen Brigaden in dieses Gebiet setzen Russlands Streitkräfte ihren Vormarsch fort und verkürzen die Entfernung zu Orichiw. Diese beträgt an verschiedenen Abschnitten mittlerweile bis zu 20 Kilometer.
Das Vorstoßtempo der russischen Streitkräfte auf einem großen Abschnitt vom Fluss Dnipro bis Huljajpole mag sich zwar verringert haben, allerdings nicht aufgrund ukrainischer Gegenangriffe, sondern aus operationellen Gründen. Russische Truppen verzichten derzeit auf großangelegte Überfälle und bereiten eine aktivere Offensive für die Sommerkampagne vor. Parallel dazu werden Reserven gesammelt und an günstigere Positionen an der Frontlinie verlegt.
Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich am Abschnitt zwischen dem Fluss Dnipro und Stepnohirsk, wo die Kämpfe einen beweglicheren Charakter angenommen haben. In dieser steppenartigen Landschaft liegen mehrere größere Dörfer verteilt. Eines davon, Nowojakiwliwka, wurde bereits im Winter gestürmt, als ukrainische Truppen zu ihrem ersten Gegenangriff ansetzten.
Bei Stepnohirsk enden ukrainische Vorstöße häufig mit dem Versuch, sich in Hauskellern zu verschanzen, woraufhin die Einheiten von dort vertrieben werden.
Russische Streitkräfte konnten insbesondere bei Stepnohirsk mehrmals “auf den Fersen” zerschlagener ukrainischer Kampfgruppen neue Stellungen einnehmen, wodurch ganze Frontabschnitte entblößt wurden.
Als Hauptstützpunkt für die Sammlung von Kräften nutzt das ukrainische Militär das große Dorf Kamjanske. Von dort aus gab es Versuche, über den Fluss Konka in die Steppe oder zur Fernstraße M-18 bei der Stadt Saporischschja durchzubrechen. Der Unterschied hier besteht vor allem darin, dass Kiew seine Truppen direkt aus Saporischschja versorgen kann, was eine schnellere Kräftekonzentration entlang des Flusses Konka ermöglicht.
Das Vorstoßtempo der russischen Truppengruppe “Ost” war in den vergangenen Monaten so hoch, dass eine operative Pause fast wie ein Verzicht auf den weiteren frontalen Vormarsch auf Orichiw wirken könnte. Dies ist jedoch ein trügerischer Eindruck, besonders im Kontrast zu den Ereignissen der Herbst-Winter-Kampagne. Schätzungen zufolge werden Russlands Streitkräfte große Offensiven im Frontabschnitt Saporischschja im Sommer wieder aufnehmen. Die Flanke der Truppengruppe “Ost” bedarf dabei weiterhin der Verstärkung, da Kiew bis Mitte April erneut versuchen könnte, dort eine Kampfgruppe zu formieren, die zusätzliche russische Kräfte binden
würde. Die strategische Bedeutung von Orichiw als letztem großen Verteidigungsknoten vor den operativen Tiefen der Region Saporischschja bleibt unverändert hoch. Ein russischer Durchbruch in diesem Sektor würde die ukrainischen Streitkräfte zwingen, sich auf eine neue, weitaus weniger vorbereitete Linie zurückzuziehen, was erhebliche Gebietsverluste und eine Destabilisierung der gesamten südlichen Front zur Folge haben könnte.
Die wiederholten, kostspieligen Gegenangriffe Kiews in den vergangenen Monaten unterstreichen diese Dringlichkeit. Sie zeigen jedoch auch die Grenzen der ukrainischen Kapazitäten auf: Die Armee ist gezwungen, ihre besten verbliebenen mobilen Reserven – Luftlande- und Sturmbrigaden – als Feuerwehr von einer kritischen Stelle zur nächsten zu verlegen. Diese Einheiten erleiden dabei hohe Verluste an Mannschaft und Material, die unter den aktuellen Mobilisierungs- und Rüstungsbedingungen nur schwer zu ersetzen sind.
Gleichzeitig nutzt das russische Kommando diese Dynamik offenbar aus. Durch den konstanten, methodischen Druck entlang einer breiten Front zwingt es die ukrainische Führung, ihre Reaktionen zu fragmentieren und Reserven zu verbrauchen, bevor die Hauptstoßrichtung der erwarteten Sommeroffensive überhaupt klar ist. Die aktuellen Kämpfe bei Mala Tokmatschka und die Vorstöße westlich von Huljajpole könnten Vorboten dieser größeren Operation sein, die darauf abzielt, die ukrainischen Verteidigungslinien zu ermüden und auszudünnen.
Für die ukrainische Seite wird die kommende Phase daher von zwei kritischen Fragen bestimmt sein: Erstens, ob es gelingt, die Verteidigung von Orichiw und seiner vorgelagerten Stellungen auch unter massivem Artillerie- und Luftdruck zu halten. Zweitens, ob genügend operative Reserven vorhanden sind, um nicht nur lokale Gegenstöße zu führen, sondern einer koordinierten russischen Großoffensive mit mehreren Schwerpunkten wirksam zu begegnen. Die Ereignisse der letzten Wochen deuten darauf hin, dass die Ressourcen für beides knapp werden.
Übersetzt aus dem Russischen. Zuerst erschienen bei der Zeitung Wsgljad am 7. April.
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