Jair Lapid, Oppositionsführer der liberalen Partei Jesch Atid (“Es gibt eine Zukunft”), verurteilt den Waffenstillstand als diplomatisches Fiasko für Israel. Besonders kritisiert er, dass Israel von den entscheidenden Verhandlungen ausgeschlossen blieb. Der Vorsitzende der Partei für ein säkulares Israel erklärte:
“Es gab in unserer Geschichte noch nie ein solches diplomatisches Desaster. Israel saß nicht einmal mit am Verhandlungstisch, als Entscheidungen über Kernfragen unserer nationalen Sicherheit getroffen wurden.”
Lapid würdigte hingegen die Leistungen des israelischen Militärs und die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung. Das Versagen, so seine Analyse, liege allein bei Premierminister Benjamin Netanjahu. Auf X schrieb er, dass “das Militär alles getan hat, was von ihm verlangt wurde, und die Öffentlichkeit bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit bewiesen hat.” Netanjahu habe auf diplomatischer und strategischer Ebene versagt und keines seiner selbstgesteckten Ziele erreicht.
Laut einem Bericht der Haaretz vom Mittwoch reagierte aus der Regierungskoalition zunächst nur ein Abgeordneter: Zvika Fogel von der rechtsextremen Partei “Otzma Yehudit”. Er richtete am Mittwochmorgen eine öffentliche Botschaft an den US-Präsidenten: “Donald, aus dir ist eine Ente geworden!”
Kritik kam auch von Jair Golan, Vorsitzender der israelischen Demokraten. Seiner Einschätzung nach sei keines der Kriegsziele erreicht worden. Stattdessen sei Iran sogar gestärkt worden, was den ursprünglichen Zielen der USA und Israels diametral entgegenstehe. Er kritisierte erneut den fehlenden israelischen Einfluss auf die Entscheidungen. Dazu schrieb Golan:
“Das Regime bleibt an der Macht und geht sogar gestärkt aus diesem Krieg hervor. Iran behält sein angereichertes Uran, kontrolliert die Straße von Hormus und diktiert die Bedingungen. Und Israel ist – wie schon in Gaza – wieder einmal nicht mit am Tisch. Es trifft keine Entscheidungen. Es hat keinen Einfluss.” Der Waffenstillstand sei ein “völliger Fehlschlag, der Israels Sicherheit auf Jahre hinaus gefährdet”.
Avigdor Lieberman, Vorsitzender der Partei “Yisrael Beiteinu”, warnte, die Vereinbarung gebe Iran “eine Atempause”, um sich neu zu formieren. Jede weitere Verhandlungsrunde werde für Israel teurer werden. Lieberman erklärte:
“Jedes Abkommen mit Iran, bei dem dieser nicht sein Ziel aufgibt, Israel zu vernichten, die Urananreicherung einzustellen, die Produktion ballistischer Raketen zu beenden und die Unterstützung für Terrororganisationen in der Region einzustellen, bedeutet, dass wir unter schlechteren Bedingungen in eine weitere Verhandlungsrunde zurückkehren und einen höheren Preis zahlen müssen.”
Mit beißendem Spott kommentierte der Abgeordnete Ahmad Tibi:
“Wow, die Straße von Hormus ist offen. Eine riesige, historische Errungenschaft des Duos Trump-Netanjahu. Sie war schon vor dem Krieg offen und ist es jetzt wieder – mit einem Bonus: Iran wird von jedem Schiff Transitgebühren verlangen. Allein dafür wird Trump einen Nobelpreis für Hormus fordern.”
Hintergrund der Kritik ist die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump in der Nacht zum Mittwoch. Er habe einem vorläufigen, etwa zweiwöchigen Waffenstillstand zugestimmt, bis eine endgültige Einigung mit Iran erzielt sei. Die US-Regierung habe einen 10-Punkte-Vorschlag aus Teheran erhalten, der eine Verhandlungsgrundlage biete. Aus offiziellen israelischen Kreisen kam zunächst nur eine knappe Stellungnahme aus dem Büro des Premierministers, die lediglich die Unterstützung für Trumps Entscheidung bekundete.
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