Iran-Krieg: Wie Genfer Rohstoffhändler heimlich Milliarden scheffeln

Die Lage im Persischen Golf bleibt angespannt, die Waffenruhe ist brüchig und die für den globalen Ölhandel lebenswichtige Straße von Hormus ist nur eingeschränkt passierbar.

In der Schweiz zeichnet sich ein zwiespältiges Bild ab. Während der Konflikt die Weltenergiemärkte erschüttert und den Ölpreis zeitweise über 100 Dollar pro Barrel getrieben hat, spült er gleichzeitig Kapital in bestimmte Wirtschaftszweige des Landes.

Finanzplatz und Rohstoffhandel verzeichnen Gewinne, während Industrie und Privathaushalte unter explodierenden Kosten und einem stark überbewerteten Franken leiden.

Seit den jüngsten militärischen Eskalationen zwischen den USA, Israel und dem Iran verzeichnen Schweizer Banken und Vermögensverwalter einen deutlichen Zustrom von Kundengeldern aus dem Nahen Osten. Vermögende Privatpersonen und Institutionen aus den Golfstaaten suchen sichere Häfen für ihr Kapital – und finden sie in der Schweiz.

Aus Branchenkreisen ist von Zuflüssen im zweistelligen Milliardenbereich die Rede. Der Schweizer Franken als klassische Sicherheitswährung hat deutlich aufgewertet und notiert gegenüber dem Euro nahe einem Mehrjahreshoch. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat bereits signalisiert, notfalls intervenieren zu wollen, sollte die Aufwertung überhandnehmen.

Noch direkter wirkt sich der Konflikt auf den Rohstoffhandel aus. Die Handelszentren Genf und Zug gehören zu den global wichtigsten Drehscheiben für Öl und Gas. Handelshäuser wie Vitol, Glencore oder Trafigura profitieren von der extremen Marktvolatilität. Angriffe auf Schifffahrtsrouten und Produktionsstätten im Persischen Golf haben die Märkte aus dem Gleichgewicht gebracht, heftige Preisschwankungen verursacht und die Handelsmargen ausgeweitet.

Ein markantes Beispiel lieferte kürzlich TotalEnergies. Die Handelsabteilung des Konzerns in Genf soll mit einem einzelnen Ölgeschäft einen Gewinn von rund einer Milliarde US-Dollar erzielt haben. Händler sicherten sich im März nahezu alle verfügbaren Rohölladungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Oman und spekulierten erfolgreich auf weiter steigende Preise.

Branchenkenner rechnen für das erste Halbjahr 2026 mit außergewöhnlich hohen Gewinnen. Bereits 2024 stammte ein erheblicher Teil der Genfer Steuereinnahmen aus dem Rohstoffsektor, was zu einem Haushaltsüberschuss von 1,4 Milliarden Franken führte.

Die Kritik an diesen Gewinnen bleibt nicht aus. Für die einen sind es Kriegsprofite, für die anderen legitime Erträge eines Handels, der in Krisenzeiten die globale Versorgung sicherstellt. Gleichzeitig verliert der Handelsplatz Dubai vorübergehend an Attraktivität, da viele Akteure die Region verlassen. Genf hingegen festigt seine Position als globales Handelszentrum.

Die andere Seite der Medaille

Auf politischer Ebene spielt die Schweiz ihre traditionelle Rolle als Vermittlerin weiter aus. Als Schutzmacht der USA im Iran unterhält sie einen direkten diplomatischen Kommunikationskanal nach Teheran.

Diese “Guten Dienste” stärken das internationale Ansehen des Landes und unterstreichen den praktischen Nutzen der Schweizer Neutralität, auch wenn der Bundesrat Waffenexporte in die Konfliktregion gestoppt hat.

Der wirtschaftliche Nutzen des Konflikts bleibt jedoch auf wenige Sektoren beschränkt und geht für andere zu Lasten. Die exportorientierte Industrie gerät durch den starken Franken unter erheblichen Druck, da Schweizer Produkte im Ausland massiv teurer werden. Gleichzeitig explodieren die Energie- und Transportkosten. Experten schätzen, dass sich allein die Ölimporte der Schweiz jährlich um mehrere Milliarden Franken verteuern.

Die gesamtwirtschaftlichen Folgen sind spürbar. Ökonomen der ETH Zürich warnen, dass dauerhaft hohe Energiepreise das Wirtschaftswachstum bremsen und die Inflation anheizen könnten. Für die privaten Haushalte bedeutet dies deutlich spürbar höhere Lebenshaltungskosten.

Politisch wächst der Widerstand gegen die Rekordgewinne der Rohstoffhändler. Forderungen nach einer befristeten Übergewinnsteuer werden lauter. Kritiker argumentieren mit einem eklatanten Ungleichgewicht zwischen den hohen Unternehmensgewinnen einerseits und der finanziellen Belastung der breiten Bevölkerung andererseits. Die Branche wehrt sich gegen diese Vorwürfe und verweist auf ihre bereits hohen Steuerzahlungen sowie ihre systemrelevante Rolle für die globale Rohstoffversorgung.

Die Schweiz ist in diesem Konflikt kein eindeutiger Gewinner. Während der Finanzplatz und der Rohstoffhandel von globaler Unsicherheit und Kapitalflucht profitieren, tragen Industrie und Konsumenten die realwirtschaftlichen Kosten. Typisch für eine kleine, offene Volkswirtschaft: Eine Krise verstärkt die bestehenden Stärken und legt gleichzeitig strukturelle Schwächen schonungslos offen.

Wie nachhaltig der aktuelle Konjunkturschub für einige Branchen ist, hängt maßgeblich vom weiteren Verlauf des Konflikts im Nahen Osten ab. Bleibt die Lage angespannt, dürfte die Schweiz weiter als sicherer Hafen für Kapital gefragt sein – mit allen damit verbundenen wirtschaftlichen Chancen und gesellschaftlichen Spannungen.

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