Der Libanon wird zum nächsten Gaza: Eskaliert Israels Todeskommando jetzt zum Flächenbrand?

Von Bernhard Loyen

So schnell verblassen Bilder und verschwinden Realitäten in unserer Zeit. Was nicht mehr im Fokus der digitalen Aufmerksamkeitsströme liegt, was aus dem vorgefertigten Algorithmus der täglichen Nachrichtenflut fällt, das entschwindet auch aus dem öffentlichen Bewusstsein – selbst wenn es sich um grauenhafte Kriegsverbrechen handelt.

Gaza? Richtig, da gab es bis vor Kurzem noch dieses immense Leid, fast in Echtzeit übertragen, direkt vor Israels Toren. Ein tägliches Massaker an der verbliebenen Bevölkerung durch IDF-Bomben und Drohnen, für diejenigen, die nicht bereits verhungert oder an ihren Wunden elendig verstorben sind. Ein Dahinsiechen, von der Welt weitgehend verlassen.

Im September des Vorjahres titelte die ARD-Tagesschau noch „Viel Lob für Trump und Appelle an die Hamas“ und referierte einen „Gaza-Friedensplan“ aus Washington. Der US-Präsident galt damals als der „Gute“, die Hamas unverändert als die „Bösen“, weil sie es wagte, sich dem israelischen Militär zu widersetzen. Dazwischen: Millionen Menschen, die über Jahre hinweg jeden Tag ein Kreuz machten. Ein Kreuz für ein weiteres überlebtes Tag, oder für ein Familienmitglied, das den anhaltenden Bombardements zum Opfer fiel.

Folgen daraus, seit Jahresbeginn, irgendwelche juristischen Konsequenzen für die Verantwortlichen in Tel Aviv? Nein, natürlich nicht. Man habe sich doch nur verteidigt, im Rahmen des Völkerrechts, mit internationaler Unterstützung. Dazu meldete die ARD im Oktober vergangenen Jahres:

“Die Bundesregierung hat trotz eines teilweisen Exportstopps erneut die Ausfuhr von Rüstungsgütern an Israel genehmigt. Es soll sich aber nicht um Kriegswaffen handeln.”

Ach so. Vielleicht handelte es sich ja um Feldküchen oder neue Helme, weil die „bösen Kinder aus Gaza immer mit Steinen schmeißen“. Egal. Die roten Linien wurden indes in Netanyahus Büro neu gezogen. Deutlichere Worte als die ARD fand dazu die Hilfsorganisation Human Rights Watch im März dieses Jahres:

“Israelische Regierung kündigt verstärkte Gräueltaten im Libanon an. Risiko von Zwangsvertreibung, mutwilliger Zerstörung und Bombenangriffen auf die Zivilbevölkerung.”

Eine unverblümte Ankündigung weiterer Kriegsverbrechen also. Zum geplanten „Gaza 2.0“ heißt es im HRW-Bericht weiter:

“Am 22. März gab Israels Verteidigungsminister Israel Katz eine Erklärung ab, in der er ankündigte, dass er und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ‘die Beschleunigung des Abrisses libanesischer Häuser in den Grenzdörfern angeordnet haben, um Bedrohungen für israelische Gemeinden abzuwehren – gemäß dem Vorbild von Beit Hanoun und Rafah im Gazastreifen.'”

Gab es einen ARD-Brennpunkt zu diesen Ankündigungen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Nein. Denn der „Journalismus in der ARD ist professionell, kritisch, transparent und faktenbasiert“, so die Selbstdarstellung des Senders. „Objektiv“ und „neutral“ fehlen in dieser Aufzählung. Der mentale Spagat zur politischen Erwartungshaltung im Berliner Regierungsviertel, Stichwort „Staatsräson“, scheint dann doch zu groß.

8. April 2026, 20:00 Uhr. Die weiterhin wegweisende Tagesschau präsentierte die „faktenbasierten“ Nachrichten des Tages. Den Ereignissen und Menschen in Beirut widmete die Redaktion insgesamt 42 Sekunden. Die Zuschauer erfuhren vor allem, welche Sorgen die IDF-Kräfte umtrieben.

Israel habe erneut bombardieren müssen. Eingeblendet wurde Kriegsminister Israel Katz, der der Hisbollah ins Gesicht drohen durfte. Denn natürlich trägt allein diese Organisation die Schuld daran, dass die eskalierende Gewalt in Tel Aviv, im Südlibanon und in Beirut skrupellos weiter mordet und zerstört.

Einen Tag später berichtete der Spiegel über die Realität des Vortages:

“Um 14.30 Uhr kam der Tod aus dem Nichts. Eigentlich sollte die Waffenruhe auch für den Libanon gelten, hieß es. Israels Premier Netanyahu befahl trotzdem ohne Vorwarnung die verheerenden Angriffe auf Stadtteile von Beirut – fernab der Hisbollah-Hochburgen.”

Drei Sätze mit mehr Inhalt und brutaler Wahrheit als das manipulative Informationspaket der ARD. Laut arabischen Nachrichtenagenturen wurden „in nur 10 Minuten mehr als ‘100 Ziele’ in der Innenstadt von Beirut, den südlichen Vororten, im Süden und in der Bekaa-Ebene getroffen“.

Bei den Angriffen wurden nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums „mindestens 203 Menschen getötet und 1.000 verletzt“. Das politische Berlin, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF sowie andere Akteure, die sich professionell über politische Kriegsempörung definieren, verhalten sich angesichts dieser Verbrechen eines einzigen Tages auffallend wortkarg.

Benjamin Netanjahu informierte am Tag danach auf X mit der Attitüde des vermeintlich Unantastbaren:

“Wir gehen weiterhin mit aller Kraft, Präzision und Entschlossenheit gegen die Hisbollah vor.”

„Kraft, Präzision und Entschlossenheit“ – das ist in diesem Kontext gleichbedeutend mit der bewussten Inkaufnahme und Förderung menschlicher „Kollateralschäden“. Wann in der Geschichte wurden je über Wochen gezielt, heimtückisch und skrupellos komplette Führungsebenen eines Landes ausgelöscht? Israel darf das? Das Tel Aviver Todeskommando darf das, anscheinend, gestützt auf ein vernehmbares internationales Schweigegelübde.

Wer stoppt diese eskalierende, wütende Gewaltmaschinerie? Niemand, scheint es. Doch die digitalen Geschichtsbücher werden zumindest dokumentieren und belegen, dass die politischen Führungen jener „solidarischen Staaten“ eine aktive, bewusste und verantwortbare Mitschuld tragen am Tod von Hunderttausenden oder mehr Menschen in Gaza und im „Gaza 2.0“, dem (Süd-)Libanon.

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