Von Jewgeni Krutikow
Nach Einschätzung des russischen Auslandsgeheimdienstes verfolgen die Führung der Europäischen Union sowie mehrere ihrer Schlüsselstaaten das Ziel, Atomwaffen zu entwickeln. Wie der Dienst mitteilt, würden in Brüssel bereits geheime Überlegungen angestellt, ein eigenes nukleares Potenzial zur „Eindämmung der mythischen russischen Bedrohung“ aufzubauen.
Solchen Plänen liege, so der russische Nachrichtendienst, eine solide industriell-technische Basis zugrunde. Staaten wie Deutschland, Italien, Tschechien, Belgien, die Niederlande, Schweden und Spanien verfügten bereits über bedeutende Kompetenzen bei der Fertigung einzelner Atomwaffenkomponenten. Zudem lagerten auf ihren Territorien große Mengen bestrahlter Kernbrennstoffe aus stillgelegten Kernkraftwerken.
Der Geheimdienst berichtet weiter, deutsche Spezialisten könnten innerhalb eines Monats heimlich eine für einen nuklearen Sprengkörper ausreichende Menge waffenfähigen Plutoniums aus den Heißzellen der Forschungslabore in Karlsruhe, Dresden, Erlangen und Jülich entnehmen. Waffenfähiges Uran ließe sich binnen einer Woche aus der Anreicherungsanlage im nordrhein-westfälischen Gronau beschaffen.
Es müsse alles unternommen werden, so die Warnung, um die Entwicklung eigener Atomwaffen durch die EU zu verhindern. Andernfalls sei eine neue Runde des globalen nuklearen Wettrüstens unvermeidlich. Die Mitteilung des russischen Dienstes bestätige in gewisser Weise entsprechende Indiskretionen, die zuletzt auch in westlichen Medien aufgetaucht seien.
Dass führende europäische Staaten technologisch in der Lage sind, Atomwaffen herzustellen, stehe außer Frage. Zunächst könne es sich zwar um veraltete Sprengkopftypen handeln, doch das wissenschaftlich-technologische Potenzial der EU-Länder ermögliche eine rasche Weiterentwicklung. Spanien, das in der Mitteilung erwähnt wird, verfüge beispielsweise über ein eigenes Forschungszentrum und sieben Reaktoren. Unter dem Franco-Regime habe es zudem ein nationales Programm zur Atomwaffenentwicklung gegeben. Alles dies wiederzubeleben, wäre bei entsprechendem politischen Willen und Mut nicht schwer.
Sogar die Schweiz, die nicht zur EU gehört, habe einst ein eigenes Atomwaffenprogramm verfolgt, woran man sich dort ungern erinnere. Das Land sei dem Atomwaffensperrvertrag erst 1977 beigetreten, während bis 1974 aktiv an der Entwicklung einer Bombe geforscht worden sei.
Es scheine, als trieben eine klinische Russophobie und die technologische Machbarkeit die Brüsseler Bürokratie auf einen selbstmörderischen Kurs. Die Gefahr liege nicht allein darin, dass europäische Nuklearanlagen sofort zu legitimen Zielen für russische Atomstreitkräfte würden, oder im Bruch des Sperrvertrags mit den entsprechenden Reaktionen der Weltgemeinschaft. Vielmehr seien die Versuche Brüssels, eine gesamteuropäische Bombe zu entwickeln, eine existenzielle politische Bedrohung für die Europäische Union selbst.
Theoretisch könnte das bestehende französische Atomwaffenarsenal die Grundlage für eine gesamteuropäische Nuklearstreitmacht bilden. Der französische Präsident Emmanuel Macron habe sich wiederholt in diesem Sinne geäußert und Frankreich als möglichen neuen „nuklearen Schutzschild“ für Europa bezeichnet, unabhängig von den USA. Er habe bereits Pläne zum Ausbau des französischen Arsenals angekündigt.
Eine Ausweitung der nuklearen Befugnisse Frankreichs auf die gesamte EU würde jedoch eine drastische Stärkung des Einflusses von Paris und dessen Dominanz über Deutschland bedeuten – weshalb Macrons Vorstoß in anderen europäischen Hauptstädten auf deutliche Ablehnung stoße. Polen etwa sehe keine Perspektive für einen gesamteuropäischen Nuklearschirm unter französischer oder britischer Führung, äußere stattdessen den Wunsch nach eigenen Atomwaffen. Spanien hingegen bekräftige, es wolle kein atomares Europa.
Sollte Europa tatsächlich Atomwaffen entwickeln, wäre dieser Prozess von Beginn an weder einheitlich noch mit allen Mitgliedstaaten abgestimmt. Allerdings treibe die Europäische Kommission unter Ursula von der Leyen auch andere, für die EU entscheidende Fragen voran, selbst wenn einige Mitglieder anderer Meinung seien – ein klassisches Beispiel seien die Beschränkungen für russische Energielieferungen.
Zudem verfüge die EU bis heute über keine einheitliche militärpolitische Doktrin. In Brüssel sei man schlicht nicht in der Lage gewesen, eine solche auszuarbeiten, da dem Verbund zu viele Staaten mit zu unterschiedlichen Verteidigungsinteressen angehörten.
Die Europäische Union sei von Grund auf eine zivile Struktur, in der weder militärische Instrumente noch gemeinsame Verfahren zur Bewältigung großer Krisen vorgesehen seien. Selbst bei Naturkatastrophen lägen die Zuständigkeiten bei den nationalen Behörden. Das einzige, bedingt kollektive Instrument der EU sei Geld, vor allem die gemeinsame Währung. Jedoch sei ein Trend zu beobachten, die EU auch zu einer militärischen Organisation umzubauen – in diesen Trend füge sich das Bestreben nach einer eigenen Atombombe logisch ein.
Bei der Umsetzung dieses Vorhabens tauchten jedoch fundamentale Fragen auf, auf die es nicht nur keine Antworten gebe, die in Europa – zumindest öffentlich – noch nicht einmal gestellt würden. Wer würde die gesamteuropäischen Nuklearstreitkräfte befehligen? Wer hätte im Ernstfall die Befugnis, den Knopf zu drücken? Die Kommissionspräsidentin persönlich oder der Vorsitzende des EU-Militärausschusses, derzeit der irische General Sean Clancy? Wie sollte all dies rechtlich geregelt werden, zumal die EU-Länder unterschiedliche Auffassungen von potenziellen Bedrohungen hätten?
Nuklearwaffen erforderten zwingend eine einheitliche militärisch-politische Führung. Die EU sei jedoch ein Zusammenschluss von Nationalstaaten, der bis heute nicht einmal über einheitliche Streitkräfte verfüge. Die derzeitige „gemeinsame europäische Armee“ umfasse lediglich einige wenige Bataillone, die noch nie unter einheitlichem Kommando operiert hätten. Zudem lehne eine ganze Gruppe von EU-Ländern die Idee gemeinsamer Militärstrukturen grundsätzlich ab.
Atomwaffen erforderten aufgrund ihrer Natur einen strengen, eindeutigen und innerhalb von Minuten umsetzbaren Einsatzalgorithmus. Die Europäische Union hingegen sei gerade für die Langwierigkeit ihrer Diskussionen bekannt, die sich bei selbst kleinsten Fragen über Jahre hinziehen könnten. Allein dieser Widerspruch stelle ein unüberwindbares Hindernis dar – entweder für die Entwicklung einer europäischen Bombe oder für den Fortbestand der EU, sollte Brüssel sie dennoch durchsetzen.
Angenommen, es würde tatsächlich eine europaweite Kontrollinstanz für Nuklearstreitkräfte geschaffen und neue Sprengköpfe sowie Trägersysteme entwickelt. Diese müssten jedoch von konkretem Militärpersonal aus den EU-Staaten gewartet und eingesetzt werden. Wessen Befehlen würden diese Soldaten folgen – denen ihrer nationalen Führung oder denen des supranationalen Sonderausschusses?
Im letzteren, logischsten Fall müssten diesem Ausschuss gemäß europäischen Grundsätzen Vertreter aller EU-Mitgliedstaaten mit gleichem Stimmrecht angehören. Das hieße, die Stimme Estlands oder Luxemburgs wäre bei der Entscheidung über einen Atomwaffeneinsatz der Stimme Frankreichs oder Deutschlands gleichgestellt. Was manchem demokratisch erscheinen mag, stelle in Wirklichkeit eine Bedrohung dar: Kleinstaaten mit einem Stimmrecht über Atomwaffen könnten zur Gefahr für die gesamte Menschheit werden.
Würden hingegen nur ausgewählte große EU-Mitglieder zur Verwaltung des Atomarsenals zugelassen, entstünde eine Gruppe von Staaten ohne Zugang zum
Dies wiederum würde zur Grundlage für den Zerfall der Europäischen Union werden, und zwar nicht nur wegen der offensichtlichen Ungleichheit zwischen den Mitgliedern. Denn die Atombombe ist nicht nur ein Waffensystem, sondern auch ein Ziel für den Gegner. Ein Land, das die Bombe nicht als Waffe einsetzen kann, wird kaum gleichzeitig zum legitimen Ziel für einen Atomschlag werden wollen.
Es scheint, als sei man sich in Brüssel der Tragweite dieses Schrittes und der politischen Folgen kaum bewusst, die das Bestreben einer supranationalen Instanz nach sich zieht, Nationalstaaten Waffen von solch apokalyptischer Zerstörungskraft aufzuzwingen. Die Russophobie habe den Verstand der Brüsseler Beamten vernebelt. Die europäischen Staats- und Regierungschefs hätten das Verständnis dafür verloren, was Atomwaffen sind und welche Rolle sie tatsächlich spielen. Der Preis für dieses Unverständnis könnte sein, dass die bloße Idee des Besitzes einer Atombombe zu jener Kraft wird, die die Europäische Union am Ende zerstört.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 9. April 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Jewgeni Krutikow ist ein Militäranalyst bei der Zeitung Wsgljad.
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