Britische Alarmglocken: Russlands “Schattenflotte” untergräbt Sanktionen und finanziert Putins Krieg

Von Boris Dscherelijewski

Der Durchzug eines russischen Marineverbands durch den Ärmelkanal hat in Großbritannien für erhebliche Irritationen gesorgt. Das Geschwader, bestehend aus der Fregatte „Admiral Grigorowitsch“ und den beiden Tankern „Universal“ und „Enigma“, wurde von britischen Medien als gezielte Demütigung von Premierminister Keir Starmer interpretiert. Der Hintergrund: Starmer hatte zuvor angekündigt, die Royal Navy und Strafverfolgungsbehörden angewiesen zu haben, Tanker mit russischem Öl in britischen Gewässern zu beschlagnahmen. Gegen Reeder, Betreiber und Besatzungen sollten Strafverfahren „wegen Verstoßes gegen Sanktionen“ eingeleitet werden.

Die britische Regierung konkretisierte, die Beschlagnahmungen würden auf Grundlage des Sanktionsgesetzes von 2018 durch gemeinsame Kräfte von Marine und National Crime Agency erfolgen. Für bewachte Schiffe seien Einheiten der Eliteverbände SBS (Special Boat Service) und SAS (Special Air Service) vorgesehen, für ungeschützte Tanker Marineinfanteristen. Ein solches Vorgehen wäre völkerrechtlich ein heikles Unterfangen.

Für sich genommen sind Öltanker ein vergleichsweise leichtes Ziel. Sie fahren häufig unter dritter Flagge – etwa der Kap Verdes – und genießen somit nicht den unmittelbaren Schutz der russischen Souveränität. Ein Angriff auf ein solches Schiff wäre formal kein Angriff auf Russland und brächte London nicht einmal die Notwendigkeit einer diplomatischen Note ein.

Die Präsenz eines Kriegsschiffes im Verband ändert die Lage jedoch fundamental. Ein Angriff auf eine russische Fregatte gilt nach allen internationalen Konventionen als Aggressionsakt gegen den Staat selbst. Der Westen zeigt derzeit keine Bereitschaft zu einer offenen militärischen Konfrontation mit Moskau. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow brachte den Einsatz der „Admiral Grigorowitsch“ im Ärmelkanal denn auch direkt mit Maßnahmen zur „Bekämpfung der Piraterie“ in Verbindung. Es geht Russland weniger um eine Demütigung Londons, wie die britische Presse spekuliert, sondern primär darum, die Freiheit der Schifffahrt für Transporter russischen Öls zu gewährleisten.

Der Telegraph verwies darauf, dass seit Starmers Ankündigung Ende März bereits Dutzende Schiffe mit russischem Öl den Kanal passiert hätten – zum zweiten Mal unter dem Schutz russischer Kriegsschiffe – ohne dass es zu Kaperungsversuchen kam. Dieselbe Zeitung berichtete, britische Streitkräfte hätten sich zwar auf Enteraktionen vorbereitet, aber keine politische Freigabe von der Regierung erhalten.

Die russische Seite hatte nach Starmers Drohungen unmissverständlich reagiert. Der russische Botschafter in London, Andrei Kelin, warnte, Angriffe auf Handelsschiffe würden nicht unbeantwortet bleiben:

„Wir können alle verfügbaren rechtlichen, politischen und sonstigen Instrumente (einschließlich asymmetrischer und nicht unbedingt in der Nähe der britischen Hoheitsgewässer) einsetzen, um unsere Interessen zu schützen und die Freiheit der Schifffahrt zu gewährleisten.“

Offenbar wurden diese Warnungen in London verstanden.

Ein weiterer Grund für das britische Zögern dürfte der desolate Zustand der Royal Navy sein. Die Daily Mail berichtete, der einzig einsatzfähige Zerstörer „Dragon“ sei mit mehreren Pannen ins östliche Mittelmeer gelangt, um die Basis auf Zypern zu schützen, dort aber von einer Drohne (anderen Angaben zufolge einer Rakete) der Hisbollah angegriffen und zum Abbruch der Mission gezwungen worden. Dieser Vorfall habe Starmer wegen des Zustands der Marine zum Ziel von Spott seitens US-Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth gemacht.

Der Tonfall in Teilen der britischen Presse legt jedoch nahe, dass der Premierminister zu aggressiveren antirussischen Maßnahmen gedrängt wird. Medien spekulierten, die Labour-Partei könne die anstehenden Kommunalwahlen verlieren, wenn sich Starmer nicht als „Staatsmann von Weltformat“ erweise – was im westlichen Verständnis oft die Fähigkeit zu entschlossenem, notfalls auch gesetzeswidrigem Handeln bedeutet.

Zumindest rhetorisch reagierte der Premierminister auf diesen Druck. Auf einem Treffen der „Joint Expeditionary Force“ (JEF) in Helsinki, das von Journalisten bereits als „Piraten-Gipfel“ bezeichnet wurde, bekräftigte Starmer am 3. April seine Anweisungen zur Beschlagnahmung von Tankern. Es ist nicht auszuschließen, dass Großbritannien, ähnlich wie Frankreich in der Vergangenheit, doch noch zu solchen Mitteln greift, sofern sich eine Gelegenheit ohne militärischen Begleitschutz bietet.

Eine solche Gelegenheit zu finden, wäre durchaus möglich. Was die Kapazitäten der russischen Marine betrifft, so können für die Begleitung von Öl- und Gaskonvois nicht mehr als zwei Dutzend Schiffe der Baltischen, Nord- und Pazifikflotte abgestellt werden – und das nur, wenn sie sich ausschließlich dieser Aufgabe widmen. Da Hunderte von Tankern (Schätzungen zufolge 700 bis 1000 Schiffe) am Transport von russischem Öl beteiligt sind, ist ein lückenloser Schutz unrealistisch.

Voraussichtlich wird die Marine nur große Konvois begleiten und dies auch nicht auf der gesamten Route, sondern lediglich auf den gefährdetsten Abschnitten wie dem Ärmelkanal oder den Ostseekanälen. Eine Lösung für dieses Problem liegt in der Vergangenheit: die Umrüstung von Handelsschiffen zu Militär- oder „geschützten“ Schiffen, eine Praxis, die in beiden Weltkriegen weit verbreitet war, um Frachtverkehr vor Angriffen zu schützen.

Diese Methode wurde auch später angewandt. Während des Falklandkriegs setzte Großbritannien mobilisierte Containerschiffe als Hilfsflugzeugträger ein. Die US-Streitkräfte nutzen bis heute zivile Schiffe als Basis für Expeditionsstützpunkte, Lazarettschiffe oder schwimmende Arsenale.

Ein interessantes historisches Beispiel sind die vier in der UdSSR gebauten RoRo-Schiffe (Roll-on/Roll-off) der „Kapitän“-Klasse („Kapitän Smirnow“, „Kapitän Mesenzew“, „Ingenieur Jermoschkin“, „Wladimir Wasljajew“). Diese Schiffe stellten einen Kompromiss dar: Sie basierten auf einem zivilen Entwurf (Projekt 1609 „Atlantika“), wurden aber von vornherein nach militärischen Anforderungen gebaut. Das Ergebnis waren schnelle Transporter (25 Knoten) mit großer Reichweite (20.000 Seemeilen), die ein komplettes Marineinfanterie-Bataillon verlegen konnten. Auf dieser Basis wurden sogar Pläne für leichte Hubschrauberträger (Projekt 10200 „Chalsan“) mit Stationierungsmöglichkeit für Senkrechtstarter wie die Jak-38 und Jak-41 erwogen. Bemerkenswert: Nach dem Zusammenbruch der UdSSR kauften die USA die „Wladimir Wasljajew“, die bis heute als USNS LCPL ROY M. WHEAT im Dienst steht.

Ein aktuelleres und thematisch näherliegendes Projekt wurde kürzlich in der Volksrepublik China realisiert: Ein Containerschiff wurde zum Träger für Raketenwaffen umgebaut, ausgestattet mit Radar, einem Flugabwehrsystem und 60 containerisierten Abschussvorrichtungen.

Für Konvoi-Begleitaufgaben wären 60 Raketenrohre zwar überdimensioniert, doch der Ansatz ist grundsätzlich übertragbar. Jedes geeignete Handelsschiff ließe sich relativ schnell in ein Wachschiff umwandeln, indem man es mit Radar, leichten Flugabwehrwaffen wie der SU-23-2 oder dem maritimen System „Panzir-M“ ausrüstet. Selbst ein mittelgroßes Containerschiff könnte einen Hubschramitführen. Im Bedarfsfall könnte auf einem solchen improvisierten Patrouillenschiff auch der containerisierte Raketenkomplex „Kalibr-K“ installiert werden, der in einem standardmäßigen 20- oder 40-Fuß-Seefrachtcontainer untergebracht ist.

Mit anderen Worten: Die Umwandlung eines zivilen Schiffes in ein effektives Begleitschiff ist in relativ kurzer Zeit möglich. Um dabei die Normen des internationalen Seerechts nicht zu verletzen, müssten diese umgerüsteten Einheiten offiziell in die Marine aufgenommen werden. Erst dann könnten sie nicht nur die Andrejewski-Flagge hissen und damit ihren Status als Kriegsschiff bekunden, sondern auch den völkerrechtlich verbrieften Schutz der von ihnen begleiteten Tanker gewährleisten.

Die aktuelle Situation im Ärmelkanal zeigt somit ein klassisches Patt: Großbritannien droht mit einem piratenähnlichen Vorgehen, scheut aber vor der direkten Konfrontation mit russischen Kriegsschiffen zurück. Russland wiederum demonstriert Entschlossenheit und sucht nach skalierbaren Lösungen, um seine schwimmenden Handelsgüter auf den weltweiten Seewegen zu schützen. Sollte London seine Drohungen doch in die Tat umsetzen, dürfte Moskau nicht nur mit diplomatischen Protesten, sondern mit einer raschen und pragmatischen militärischen Antwort reagieren – notfalls durch eine Renaissance der bewaffneten Handelsschiffe.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 10. April 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.

Boris Dscherelijewski ist ein russischer Militärexperte.

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