Von Timur Schersad
Bei einer Fahrt durch das Kaliningrader Gebiet fiel mir ein monumentales Schild auf. Es trug das Emblem der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft und die Aufschrift: “Hier begann die Geschichte des Gebiets Kaliningrad.”
Aus der Nähe betrachtet, war der vollständige Text zu lesen: “Hier haben am 18. Oktober 1944 sowjetische Streitkräfte unter dem Kommando von Armeegeneral Tschernjachowski als erste der Roten Armee die Grenze zu Nazi-Deutschland überschritten und sind in Ostpreußen einmarschiert.” Die offizielle Gründung des Gebiets erfolgte zwar erst 1946, doch sein historischer Ursprung liegt in jenem Herbst 1944, als die ersten sowjetischen Panzer ostpreußischen Boden erreichten.
Von diesem ersten Vorstoß bis zum Beginn der Erstürmung der Hauptstadt Königsberg im April 1945 vergingen fast sechs Monate. Diese Zeit wurde für operative Pausen genutzt, um Nachschub an Munition und Treibstoff heranzuschaffen sowie Verstärkungen zu sammeln. Zudem entwickelte und erprobte die Rote Armee eine neue Angriffstaktik für den Häuserkampf, die nun an die Soldaten vermittelt werden musste, um ein koordiniertes Vorgehen zu gewährleisten.
Der Festungsring von Königsberg
Doch welche Verteidigungsanlagen zwangen die sowjetischen Truppen zu dieser taktischen Neuausrichtung? Königsberg diente seit jeher als deutscher Vorposten im Osten und war entsprechend auf Verteidigung ausgelegt. Die Erinnerung an die russische Besetzung während des Siebenjährigen Krieges 1758 war lebendig. 1945 bestand das Verteidigungssystem im Wesentlichen aus drei Komponenten.
Die erste und augenfälligste waren 15 massive Forts, die im späten 19. Jahrhundert errichtet worden waren und die Stadt ringförmig umgaben. Obwohl gegen die Waffentechnik des Zweiten Weltkriegs veraltet, bildeten sie dennoch das stabile “Grundgerüst” der Feldverteidigung. Sie boten Schutz für Personal und Munition und ermöglichten es, Reserven schnell an bedrohte Abschnitte zu verlegen oder die Feuerkraft zu konzentrieren. Ihre Bedeutung war daher trotz aller Schwächen nicht zu unterschätzen.
Die zweite Komponente bestand aus einem modernen System aus Schützengräben, Bunkern und festen Feuerstellungen, das die alten Forts ergänzte und die Verteidigung erheblich verdichtete.
Die dritte und im Stadtkampf entscheidende Verteidigungsebene bildeten die zahlreichen stabilen Steinbauten in der Stadt und ihren Vororten. Kasernen, Bahnhofsanlagen, Fabrikkomplexe – all diese Gebäude boten den deutschen Truppen ideale Voraussetzungen für einen verlustreichen Häuserkampf nach Stalingrader Vorbild.
Diese Gegebenheiten erzwangen eine radikale Anpassung der sowjetischen Infanterietaktik. Die zentrale Angriffseinheit wurde nun der Stoßtrupp, bestehend aus einigen Dutzend Mann. Seine Stärke lag in der Eigenständigkeit und Beweglichkeit. Diese Trupps waren darauf trainiert und ausgerüstet, auch in Umzingelung oder abgeschnitten von Nachbareinheiten zu operieren, was im Chaos einer zerstörten Stadt unvermeidlich war.
Jeder Stoßtrupp wurde durch schwere Waffen unterstützt, deren Kombination sich nach der jeweiligen Aufgabe richtete. Flammenwerfer, Maschinengewehre, Mörser, Geschütze, Selbstfahrlafetten oder Panzer kamen zum Einsatz. Die Infanteristen schützten die Besatzungen dieser Waffen und nutzten deren Feuerwirkung, um vorzustoßen, Stellungen zu besetzen und Gebäude mit Granaten und Maschinengewehrfeuer zu säubern. Erfahrene Pioniere mit Sprengstoff waren dabei von unschätzbarem Wert.
Die militärischen Trümpfe der Roten Armee
Die Zahlen zur Truppenstärke variieren: Die sowjetischen Einheiten umfassten etwa 100.000 bis 137.000 Mann, die deutschen 60.000 bis 130.000. Ein erdrückender zahlenmäßiger Vorteil bestand für die Angreifer also nicht. Der Erfolg musste durch überlegene Taktik und Kampfkraft errungen werden.
Diesen Vorteil besaß die Rote Armee vor allem bei der Feuerkraft. Sie verfügte über eine fünffache Überlegenheit an Panzern und Selbstfahrlafetten sowie eine zwanzigfache an Kampfflugzeugen. Bei Geschützen und Mörsern war das Kräfteverhältnis nahezu ausgeglichen. Die Sowjets setzten jedoch Artillerie von außergewöhnlicher Durchschlagskraft ein, darunter die 203-mm-Haubitze B-4 (“Stalins Hammer”), 280-mm-Mörser Br-5 und sogar alte 280- und 305-mm-Geschütze aus Zarenzeiten.
Der Angriff auf Königsberg wurde von vier Armeen – der 39., 43., 50. und der 11. Gardearmee – aus Norden und Süden geführt. Die Ausgangsstellungen lagen etwa auf Höhe des alten Festungsrings. Nach einem gewaltigen Artillerievorbereitungsfeuer am 6. April 1945 begann der Sturm. Schlechtes Wetter verhinderte zunächst den Einsatz der Luftwaffe, der stärksten technischen Trumpfkarte. Der erste Tag brachte nur die Blockade der äußeren Forts bei heftigen deutschen Gegenangriffen, oft mit Panzerunterstützung.
Am 7. April klarte das Wetter auf, und die sowjetische Luftwaffe griff massiv in die Schlacht ein. Ihre entscheidende Leistung war die Zerstörung der deutschen Kommunikationsverbindungen und zahlreicher Munitionsdepots. Bereits am 8. April war die Landverbindung zur Halbinsel Samland und damit zum Hafen Pillau unterbrochen; auch der Seeweg war blockiert.
In der Nacht zum 9. April unternahm der Kommandant von Königsberg, General Otto Lasch, einen Ausbruchsversuch Richtung Pillau, der unter schweren Verlusten scheiterte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sowjetische Stoßtrupps bereits tief in das Stadtinnere vorgedrungen und Schlüsselpositionen besetzt. Lasch erkannte, dass ein weiterer Widerstand nur noch Tage dauern und sinnloses Blutvergießen bedeuten würde. Um das Leben der verbliebenen Garnison zu retten, entschied er sich zur Kapitulation. Trotz der massiven Festungen und des verbissenen Widerstands der ersten Tage wurde Königsberg nicht zu einem zweiten Stalingrad.
So begann die Geschichte des Kaliningrader Gebiets.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 9. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung “Wsgljad” erschienen.
Mehr zum Thema – Die Kommandeursinseln und Kaliningrad: Die Pläne für die Aufteilung Russlands stehen schon bereit