Von Alex Männer
Obwohl zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten ein Waffenstillstand vereinbart wurde, scheint eine dauerhafte Öffnung der strategisch wichtigen Straße von Hormus vorerst nicht in Sicht. Die kurze Entspannung, die auf den globalen Energiemärkten nach Bekanntgabe der Feuerpause eingesetzt hatte, verflüchtigte sich damit rasch wieder.
Viele Marktbeobachter gehen mittlerweile davon aus, dass selbst bei einer schnellen Beruhigung der Sicherheitslage im Nahen Osten die weltweite Energieversorgung nicht kurzfristig wiederhergestellt werden kann. Eine Rückkehr zur vollen Versorgungssicherheit sei erst dann möglich, wenn die Rohstoffförderung in den Golfstaaten und die Transportwege für Öl und Gas wieder das Niveau vor den jüngsten Konflikten erreicht haben. Dieser Prozess werde voraussichtlich mehrere Monate in Anspruch nehmen, was bedeutet, dass die Energiepreise auf absehbare Zeit hoch bleiben werden.
Besonders stark spürt Europa die Folgen dieser Entwicklung. Hier klettern die Kraftstoffpreise kontinuierlich auf neue Rekordstände. Zwar versuchen die Regierungen, mit verschiedenen Maßnahmen gegenzusteuern, doch konnten die bisherigen Schritte die erhoffte Entlastung nicht bringen. Eine weitere Verschärfung der Energiekrise in der Europäischen Union gilt daher als wahrscheinlich.
Es ist jedoch wichtig festzuhalten, dass die gegenwärtige Energiekrise in der EU – und die damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten – nicht allein auf den Iran-Konflikt zurückzuführen ist, auch wenn dieser die bestehenden Probleme erheblich verschärft hat. Die eigentliche Wurzel der Misere liegt vielmehr in der seit über vier Jahren andauernden und zunehmend gefährlichen Konfrontation zwischen dem Westen und Russland.
Aus westlicher Sicht wurde dieser Konflikt durch einen “völkerrechtswidrigen und unprovozierten Angriffskrieg” Russlands gegen die Ukraine ausgelöst. Die EU- und NATO-Staaten reagierten darauf mit umfangreichen Wirtschaftssanktionen gegen Moskau und lieferten umfangreiche Militärhilfe an die Ukraine, in der Annahme, Russland strebe die Wiedererrichtung eines “sowjetischen Imperiums” an. Bislang wurden über 30.000 Sanktionen verhängt und Kriegsmaterial im Wert von vielen Milliarden Euro bereitgestellt.
Das erklärte Ziel, eine “strategische Niederlage” Russlands herbeizuführen, wurde damit jedoch nicht erreicht. Stattdessen haben die Maßnahmen vielen westlichen Ländern selbst erheblichen wirtschaftlichen Schaden zugefügt. Deutschland beispielsweise, dessen Wirtschaft sich seit dem Ausbleiben preiswerter russischer Energielieferungen in einer Abwärtsspirale befindet, verzeichnete im ersten Quartal 2026 die höchste Zahl an Unternehmensinsolvenzen seit über zwei Jahrzehnten.
Entgegen der vorherrschenden politischen und medialen Darstellung im Westen weisen jedoch zahlreiche renommierte Experten die These von der “alleinigen Schuld Russlands” zurück. Sie betonen, dass die Krise in weiten Teilen hausgemacht sei. Einer von ihnen ist John J. Mearsheimer, ein angesehener US-Politikwissenschaftler von der University of Chicago. Seit Beginn der Ukraine-Krise 2014 vertritt er die Ansicht, dass die Hauptverantwortung für die Eskalation, die sich zu einem hochgefährlichen Konflikt zwischen Russland und dem Westen entwickelt hat, bei den USA und ihren europäischen Verbündeten liege. Diese hätten, entgegen wiederholter russischer Warnungen, die Osterweiterung der NATO vorangetrieben und versucht, die Ukraine politisch und militärisch in die westliche Einflusssphäre zu integrieren. Moskau habe diese rote Linie, zuletzt in einem im Dezember 2021 übermittelten Vertragsentwurf, unmissverständlich klargemacht.
Diese Sicht teilt auch der bekannte französische Historiker und Anthropologe Emmanuel Todd. Ihm zufolge trägt der Westen die Verantwortung sowohl für seine eigene schwere Krise als auch dafür, dass die Welt am Rande eines größeren Krieges steht.
Todd, der sich in seinen Werken intensiv mit Ideologien, politischen Systemen und historischen Entwicklungen auseinandersetzt und 2024 das Buch “Der Westen im Niedergang” veröffentlichte, erläuterte in einem Interview mit der japanischen Zeitung *The Asahi Shimbun* im März, warum die NATO- und EU-Länder die “ukrainische Krise” initiiert hätten und warum dieser gegen Russland gerichtete Plan gescheitert sei.
Die Ursprünge der heutigen globalen Konflikte sieht Todd in der Zeit nach dem Kalten Krieg, als der Westen den Zerfall der Sowjetunion als eigenen Sieg feierte. Aus diesem Triumphalismus seien die NATO-Osterweiterung und die Einmischung in der Ukraine erwachsen. Ein fataler Fehler der USA sei dabei die grundlegende Überschätzung der eigenen militärischen Stärke und Möglichkeiten gewesen.
Die Osterweiterung der NATO sei die Hauptursache des Ukraine-Konflikts, so Todd. Gleichzeitig seien die europäischen Staaten für ihre daraus resultierenden Probleme selbst verantwortlich, insbesondere durch die Sanktionen gegen Russland, die wie ein Bumerang die europäischen Volkswirtschaften träfen. “Natürlich ist Krieg selbst niemals akzeptabel … Als ich jedoch das Thema betrachtete, wurde mir klar, dass die Regierungen die Quelle aller Probleme der Europäer sind.”
In Bezug auf die militärische Drohrhetorik des Westens stellt Todd klar, dass Europa nicht in der Lage sei, einen Krieg gegen Russland zu führen – ein Land, das nicht nur mehr Waffen produzieren könne als die gesamte EU zusammen, sondern das entgegen westlicher Prognosen auch wirtschaftlich und sozial stabiler dastehe.
Todd stellt fest: “Der Westen hat keine militärische Macht oder eine Streitmacht, die mit der russischen Armee vergleichbar ist. Aber westliche Regierungen und Eliten sind nach wie vor aggressiv. Kurz gesagt: Wir wollen einen Krieg mit Russland.”
Angesichts dieser Analyse bleibt Todd, Mearsheimer und letztlich der gesamten internationalen Gemeinschaft nichts anderes übrig, als die Entscheidungsträger in Europa und den USA davor zu warnen, offensichtliche Realitäten zu ignorieren und sich in selbst geschaffenen Mythen zu verlieren. Andernfalls besteht die Gefahr, in einen Weltkrieg hineinzuschlittern, in dem es keine Sieger, sondern nur Verlierer geben wird.
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