Von Dmitri Skworzow
Selbst wenn der aktuelle Waffenstillstand in einen dauerhaften Frieden mündet und sich die Lage am Persischen Golf beruhigt, werden die wirtschaftlichen Nachwirkungen des Konflikts noch lange spürbar bleiben. Die Auswirkungen gehen weit über einen bloßen, temporären Ölpreisschock hinaus.
Innerhalb kürzester Zeit hat die Krise globale Lieferketten durchtrennt, Fracht- und Versicherungskosten explodieren lassen und die Märkte für Gas, Düngemittel und Metalle erschüttert. Der Internationale Währungsfonds spricht bereits von einer “tiefen Narbe” für die Weltwirtschaft. Während der Krise gingen die Öllieferungen um 13 Prozent zurück, die von Flüssigerdgas (LNG) sogar um 20 Prozent. Schätzungen des IWF zufolge waren rund 80 Prozent aller Länder weltweit betroffen. Selbst Reedereien gehen davon aus, dass es nach einer Entspannung der Lage Wochen, nicht Tage, dauern wird, bis der Schiffsverkehr wieder seinen normalen Rhythmus findet.
Für Russland ist der unmittelbarste Effekt ein sprunghafter Anstieg der Einnahmen aus Öl- und Gasexporten. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters könnten sich die Einnahmen aus der wichtigsten russischen Ölsteuer im April nahezu verdoppeln – auf etwa neun Milliarden US-Dollar (rund 700 Milliarden Rubel). Der Preis für die russische Ölsorte Urals stieg im März auf 77 US-Dollar pro Barrel, ein Plus von 73 Prozent gegenüber dem Vormonat.
Auch auf dem Gasmarkt sind die Auswirkungen erheblich. Laut Reuters schnellten die Preise für Flüssigerdgas während der Krise um mehr als 80 Prozent in die Höhe. Das Vertrauen in Lieferungen aus der Golfregion blieb auch nach Bekanntgabe des Waffenstillstands angeschlagen. Für Russland bedeutet dies nicht nur kurzfristige Preiszuschläge, sondern auch größeren strategischen Spielraum. Russisches LNG findet in Asien zunehmend Abnehmer. Trotz bestehender Sanktionen gab es bereits Berichte über neue Lieferverträge mit Käufern in Südasien.
Besonders profitieren dürften russische Metallhersteller, vor allem Produzenten von Nichteisenmetallen. Das deutlichste Beispiel ist Aluminium. Sein Preis an der Londoner Metallbörse stieg von 3.067,50 US-Dollar pro Tonne Mitte Februar auf 3.531,50 US-Dollar zum 1. April. Der Waffenstillstandsbeginn führte lediglich zu einer leichten Korrektur auf 3.455 US-Dollar.
Aufgrund von Unterbrechungen im Nahen Osten und Schäden an Produktionsanlagen in der Region stiegen die japanischen Aufschläge für Aluminium auf 350 bis 353 US-Dollar pro Tonne. Damit erreichte der Aluminiumpreis in Japan 3.805 US-Dollar pro Tonne – ein Elfjahreshoch. Reuters berichtet, dass der russische Aluminiumhersteller Rusal vor diesem Hintergrund bereits einen Teil seiner Lieferungen von China nach Japan und in andere asiatische Länder wie Südkorea umlenkt. Der Nahe Osten produzierte 2025 etwa sieben Millionen Tonnen Primäraluminium, was etwa neun Prozent des weltweiten Angebots entspricht. Jeder längerfristige Ausfall von Metall aus dieser Region erhöht daher automatisch die Bedeutung russischer Lieferungen.
Noch ausgeprägter sind die Effekte auf dem Düngemittelmarkt: Etwa ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln passiert die Straße von Hormus. Diese lebenswichtige Passage war genau in dem Moment nahezu vollständig blockiert, als der Weltmarkt ohnehin schon angespannt war. Reuters zufolge ist der Preis für Harnstoff im Vergleich zum Vorkrisenniveau um etwa 80 US-Dollar pro Tonne gestiegen. Die Weltbank verzeichnete einen Preisanstieg bei Harnstoff von fast 46 Prozent innerhalb nur eines Monats – zwischen Februar und März.
In dieser Situation wird Russland zu einem natürlichen Nutznießer. Es kann seine Lieferungen von Stickstoff- und Mehrnährstoffdüngern in jene Märkte ausweiten, in denen Produkte aus dem Nahen Osten teurer oder unzuverlässiger geworden sind.
Es ist kein Zufall, dass Indien bereits Verhandlungen über eine Aufstockung seiner Einkäufe aus Russland, Belarus und Marokko führt. Auch für Belarus eröffnet sich ein Fenster der Möglichkeiten, insbesondere bei Kalidüngemitteln. Das Land zählt hier nach wie vor zu den großen Playern auf dem Weltmarkt und ist gemeinsam mit Russland in der Lage, einen Teil der Nachfrage aufzufangen, die den Lieferanten aus dem Nahen Osten entgleitet.
Vor diesem Hintergrund verbessern sich auch die Aussichten für den russischen Agrarexport. Russland bleibt der weltgrößte Weizenexporteur, und der Anstieg der Energie- und Düngemittelpreise überträgt sich rasch auf die Lebensmittelmärkte. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) teilte mit, dass ihr weltweiter Lebensmittelpreisindex im März um 2,4 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen sei, wobei die Weizenpreise um 4,3 Prozent zulegten.
Die russische Regierung hat bereits erklärt, das Land sei in der Lage, die Lieferungen jener Ressourcen und Lebensmittel zu erhöhen, die weltweit knapper werden. Für den russischen Agrarsektor bedeutet dies eine Chance, nicht nur von höheren Preisen für Getreide und Pflanzenöl zu profitieren, sondern auch seine Position auf den Märkten im Nahen Osten, in Afrika und Asien zu festigen.
Doch die aktuelle Lage birgt für Russland nicht nur Vorteile. Der starke Anstieg der Seetransportkosten und der Versicherungsprämien frisst unweigerlich einen Teil der Gewinne aus den gestiegenen Öl- und Gaspreisen auf. Die Prämien für die Kriegsrisikoversicherung von Schiffen in der Region sind stellenweise um mehr als 1.000 Prozent gestiegen. Der Satz erhöhte sich von etwa 0,25 Prozent des Schiffswerts auf drei Prozent, was zusätzliche Kosten in Millionenhöhe pro Fahrt bedeutet. Für russische Exporteure heißt das schlicht: Selbst wenn das Barrel teurer geworden ist, muss ein Teil des Gewinns an Spediteure, Versicherer und die Betreiber von Umleitungsrouten abgeführt werden.
Ein zweiter, schwerwiegenderer Nachteil ist der mögliche Rückgang der Nachfrage nach russischen Nicht-Rohstoff-Exporten. Sollte die Krise tatsächlich eine lang anhaltende “Narbe” in der Weltwirtschaft hinterlassen, müssten die Importvolumen vieler Länder nach unten korrigiert werden. Das wäre ein Rückschlag für Lieferungen russischer Metalle, Chemikalien, Düngemittel, Holz und eines Teils der Maschinenbauprodukte.
Die Weltbank erwartet eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in Südasien auf 6,3 Prozent im Jahr 2026 nach sieben Prozent im Jahr 2025. Das Wachstum der indischen Wirtschaft, der Hauptmotor der Region, dürfte sich von 7,6 Prozent im Geschäftsjahr 2025/26 auf 6,6 Prozent im Geschäftsjahr 2026/27 verlangsamen. Für die Türkei liegt die aktuelle Schätzung der Weltbank für 2026 bei nur 2,8 Prozent Wachstum statt der noch im Januar erwarteten 3,7 Prozent. Für China rechnet die Weltbank nun mit einem Wachstum von etwa vier Prozent im Jahr 2026 nach 4,5 Prozent im Jahr 2025. Für russische Lieferanten bedeutet dies eine geringere Nachfrage ausgerechnet in jenen Ländern und Regionen, in die Russland in den letzten Jahren seine Handelsströme umzulenken versucht hat.
Ein weiteres Problem ist die importierte Inflation. In den Ländern, die Waren, Ausrüstung, Komponenten und chemische Produkte für den russischen Markt herstellen, verteuern sich Benzin, Gas, Strom, Transport und Versicherungen. Eine gemeinsame Erklärung der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und des
Ein weiteres Problem ist die importierte Inflation. In den Ländern, die Waren, Ausrüstung, Komponenten und chemische Produkte für den russischen Markt herstellen, verteuern sich Benzin, Gas, Strom, Transport und Versicherungen. Eine gemeinsame Erklärung der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds und des Welternährungsprogramms warnt ausdrücklich: Der Preisanstieg bei Öl, Gas und Düngemitteln werde zusammen mit Engpässen im Transportwesen die Preise für Lebensmittel und andere Waren in die Höhe treiben.
Die Bank von Russland hat die Eskalation im Nahen Osten bereits als neuen Angebotsschock bezeichnet. Dieser beschleunigt den Kostenanstieg weltweit und treibt die Inflation an. Die durch importierte Waren verursachte externe Inflation wird die Binneninflation in Russland weiter anheizen. Neben den direkten negativen Auswirkungen erhöht dies das Risiko, dass die russische Zentralbank ihre restriktive Geldpolitik beibehält, was wiederum dämpfend auf das heimische Wirtschaftswachstum wirken würde.
Bei der Abwägung der Vor- und Nachteile der Golfkrise für Russland wird deutlich: Der größte Gewinn liegt nicht im temporären Preisanstieg für Öl, Gas, Aluminium oder Düngemittel. Der bedeutendste strategische Vorteil besteht in einem Wandel der wirtschaftlichen Mentalität im riesigen Raum Eurasiens.
Die Krise am Persischen Golf hat erneut gezeigt, wie politische Instabilität die vermeintlichen Vorteile einer günstigen Seeroute im Handumdrehen in ein teures und unkalkulierbares Risiko verwandeln kann. In einer solchen Situation zählen für Staaten und Unternehmen nicht mehr allein der aktuelle Preis, sondern zunehmend langfristige Liefergarantien und Resilienz. Genau deshalb wächst das Interesse an Landkorridoren, einer vertieften Zusammenarbeit mit Nachbarn und an langfristigen Verträgen mit verlässlichen Partnern. Davon zeugen die Reaktionen asiatischer LNG-Abnehmer, Indiens Verhandlungen über Düngemittel und die steigende Bedeutung von Pipeline-Routen, die unabhängig von der Straße von Hormus sind.
In diesem Licht gewinnt das Projekt “Power of Siberia” zusätzlich an Bedeutung. Über die bestehende Pipeline lieferte Russland im Jahr 2025 38,8 Milliarden Kubikmeter Gas nach China – mehr als vertraglich vereinbart. Das Folgeprojekt “Power of Siberia 2” erhielt bereits 2025 die politische Zustimmung Moskaus und Pekings in Form eines rechtsverbindlichen Memorandums. Formal sind damit noch nicht alle kommerziellen Details geklärt. Doch die Krise am Golf unterstreicht die Logik des Projekts erheblich: Eine Landpipeline durch Eurasien wird aus chinesischer Sicht nicht nur zu einer weiteren Importoption, sondern zu einer strategischen Absicherung gegen künftige Turbulenzen in der Straße von Hormus.
Ähnliches gilt für die Amur-Gasverflüssigungsanlage. Die 2021 in Betrieb genommene Anlage entwickelt sich schrittweise zu einer der Schlüsselanlagen Russlands im Osten. Laut Reuters soll ihre geplante Helium-Kapazität bis zu 60 Millionen Kubikmeter pro Jahr betragen. Diese Menge ist vergleichbar mit den schätzungsweise 63 Millionen Kubikmetern, die Katar im Jahr 2025 produzierte.
Mit anderen Worten: Mit der schrittweisen Inbetriebnahme der Amur-Anlage auf Nennleistung erhält Russland die Chance, zu einem der wichtigsten Lieferanten von strategischem Helium für Asien zu werden, insbesondere für das wachsende High-Tech-Produktionszentrum China. Zwar ist dies noch kein vollständiger Ersatz für das Angebot aus dem Nahen Osten, aber bereits eine alternative Quelle von vergleichbarem Umfang.
Warum ist das relevant? Weil Helium kein exotisches Nischenprodukt ist, sondern ein entscheidender Rohstoff für die moderne Elektronik und insbesondere die Chip-Produktion.
Reuters berichtete, dass sich der Heliummangel infolge der Nahost-Krise bereits auf einige Produktionsketten der Technologiebranche auszuwirken beginnt. Südkoreanische Chiphersteller verfügten der Agentur zufolge über Vorräte für etwa vier bis sechs Monate; Taiwan halte die Situation vorerst durch alternative Lieferungen, vor allem aus den USA, unter Kontrolle. Dies ist ein wichtiger Vorbehalt: Einen großflächigen, bestätigten Produktionseinbruch in Taiwan und Südkorea gab es bislang nicht. Doch die Logik der Krise ist offensichtlich: Je länger die Verknappung andauert, desto höher wird der Wert neuer, kontinentaler Bezugsquellen – und desto größer die strategische Bedeutung des Amur-Gasprojekts für die chinesische Industrie und, im weiteren Sinne, für die gesamte eurasische Zusammenarbeit.
Die Bilanz für Russland fällt somit gemischt aus: Die Krise am Persischen Golf verschafft dem Land kurzfristige Preisvorteile bei Öl, Gas, Metallen, Düngemitteln und Agrarexporten. Gleichzeitig bringt sie höhere Logistikkosten, importierte Inflation, das Risiko einer anhaltend restriktiven Geldpolitik und eine mögliche Abkühlung der Nachfrage nach Nicht-Rohstoff-Exporten mit sich.
Der größte strategische Effekt liegt jedoch auf einer anderen Ebene. Die Länder Eurasiens werden noch stärker davon überzeugt, dass die Ära des “Billig und schnell um jeden Preis” an ihr Ende kommt. In den Vordergrund rücken nun Zuverlässigkeit, Landkorridore, langfristige Verträge und die Zusammenarbeit mit Nachbarn. In dieser neuen geopolitischen und geoökonomischen Konstellation bietet sich Russland die Chance, nicht nur von einer vorübergehenden Marktlage zu profitieren, sondern zu einem zentralen Architekten beim Umbau der gesamten Kontinentalverbindungen in Eurasien zu werden.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 11. April 2026 zuerst auf der Website der Zeitung Wsgljad erschienen.
Dmitri Skworzow ist Wirtschaftsanalyst bei der Zeitung Wsgljad.
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