Von Igor Karaulow
Die Diskussion um einen „Dritten Weltkrieg“ ist allgegenwärtig. Manche halten ihn für unausweichlich, andere wittern seinen Beginn bei jedem größeren internationalen Waffengang, und wieder andere sind überzeugt, er sei längst im Gange – wir hätten nur den Ausbruch verpasst.
In gewisser Weise haben alle recht. Denn auch den beiden vorangegangenen Weltkriegen gingen Phasen intensiver lokaler und regionaler Konflikte voraus. Historiker werden vielleicht später ein genaues Datum für den Beginn der heißen Phase festlegen können. Dass sich jedoch ein globaler Konflikt anbahnt, scheint unbestreitbar.
Jeder globale Krieg hat sein eigenes Gesicht. Der Erste Weltkrieg mobilisierte zwar gewaltige Menschenmassen, doch im Kern ging es um imperialistische Eroberungen. Zwar schmähte jede Seite den Gegner als „Höllenwesen“, doch unterschieden sich die Weltbilder der Deutschen, Russen oder Franzosen kaum voneinander.
Der Zweite Weltkrieg zog noch mehr Menschen in seinen Strudel. Es war nicht länger nur der Zusammenprall riesiger Armeen, sondern ein Kampf zwischen Weltanschauungen von solch radikaler Gegensätzlichkeit, dass es um das Überleben ganzer Völker ging. Eine Niederlage hätte ihren Untergang bedeutet. Solche Konflikte werden heute oft als existenziell bezeichnet. Ein Begriff, der mir nicht sonderlich gefällt. Er weckt falsche Assoziationen zur Philosophie des Existenzialismus und gehört zum politisch-diplomatischen Wortschatz wie „implementieren“ oder „eventuell“. Doch mangels einer besseren Alternative muss man ihn verwenden.
Die heutigen Konflikte und Bruchlinien, die zu einem einzigen globalen Spannungsfeld verschmelzen, werden zunehmend als existenziell empfunden. Sie lassen sich nicht auf die simplen Erklärungen „allwissender“ Experten reduzieren, die jeden Krieg auf den Kampf um Land, Wasser oder Öl zurückführen. Wäre doch alles so einfach!
Sogar in den Äußerungen eines Donald Trump, der sonst gerne mit den eigennützigen Motiven seiner Politik prahlt – ob durch Zollmanipulation, die Aneignung fremden Öls oder offene Börsenspekulation – schwingen apokalyptische Untertöne mit, die für einen „heiligen Krieg“ typisch sind. Mal droht er, seinem Gegner die „Hölle“ zu bereiten, mal verspricht er, eine ganze Zivilisation über Nacht auszulöschen. Zugleich spricht der ehemalige US-Kriegsminister Pete Hegseth von einem Krieg „im Namen Jesu Christi“. Diese Tendenz, mystische und religiöse Motive für den Kampf gegen Gegner zu beschwören, wird sich entlang aller Konfliktlinien wohl noch verstärken. Pragmatismus weicht der Apokalyptik.
Das von den USA angegriffene Iran ist bereit, diese existenzielle Herausforderung anzunehmen. In der schiitischen Ausprägung des Islam ist das eschatologische Element ohnehin stark verbreitet. Die Geschichtsphilosophie des islamischen Iran läuft letztlich auf die Erwartung der Endschlacht zwischen Gut und Böse, zwischen den Rechtgläubigen und den Ungläubigen hinaus.
Der dritte Akteur in diesem Krieg, Israel, hat den existenziellen Konflikt zur Grundlage seiner Staatlichkeit gemacht. Für dieses Land ist der äußere Feind Teil seiner Identitätsformel, und heute ist Iran zu diesem Feind geworden. Angesichts des Verdachts, dass in diesem Fall „der israelische Schwanz mit dem amerikanischen Hund wedelt“, wird viel über eine bestimmte Sekte der „christlichen Zionisten“ innerhalb der US-Elite gesprochen. Sollten diese Gerüchte zutreffen, würde dies den existenziellen Konflikt im Nahen Osten erheblich verschärfen.
Doch es gibt noch ein weiteres Land, das „den Feind“ in seine Identitätsformel integriert hat: die Ukraine. Deren Staatsideologie besteht im Kern aus nichts anderem als dem Streben, antirussisch zu sein und, wo möglich, Russland zu vernichten. Dies führte in Russland mit der Zeit zur Überzeugung, dass unser Land keinen Frieden finden werde, solange der ukrainische Staat in seiner jetzigen Form existiert. Darin liegt der Kern dieses unversöhnlichen existenziellen Konflikts.
Auch die Europäische Union benötigte einen Erzfeind, einen Antagonisten, um ihre brüchige „Konföderation“ zu festigen. Die Einmischung in den russisch-ukrainischen Konflikt bescherte ihr einen solchen Feind und ließ zugleich Konfliktlinien wiederaufleben, deren Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen. Doch was geschah danach? Das sich auf der Grundlage von Russophobie einende Europa begann sich gleichzeitig von den USA zu entfernen – ein neuer „tektonischer Bruch“, der sich vor unseren Augen weiter auftut. Der Westen als zivilisatorisches Phänomen verliert erneut seine Einheit, seine Fragmentierung erscheint durchaus möglich.
Und schließlich rückt der Kampf näher, auf den alle warten: jener zwischen den USA und China. Auf dem Spiel steht der Titel der führenden Weltmacht. Für die USA könnte der Verlust dieses Titels durchaus das Ende bedeuten. Deshalb gilt auch hier das Prinzip: „Es darf nur einer übrig bleiben“.
Der sich abzeichnende globale Konflikt wird möglicherweise kein Krieg der Massenheere wie seine Vorgänger sein – darauf besteht zumindest Hoffnung. Doch er wird in noch größerem Maße ein Krieg der Weltbilder und Weltanschauungen sein. Letztlich muss er folgende Fragen klären: Nach welchen Prinzipien werden die Menschen künftig leben? Womit wird ihr Geist erfüllt sein? Was werden sie als ihre Daseinsberechtigung ansehen? Welchen Platz werden sie in einer von Technologien überfluteten Welt einnehmen?
Trotz des menschlichen Instinkts, einem solchen Konflikt auszuweichen, werden sich diese Fragen jedem Einzelnen stellen. Denn das Schlachtfeld ist unser Bewusstsein.
Es ist unmöglich, eine existenzielle Krise zu umgehen, deren Ursachen tiefgreifend sind. Wir müssen sie selbst durchstehen, niemand wird es für uns tun. In einer Zeit, die – um mit Winston Churchill zu sprechen – „Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“ verspricht, sind sowohl vom Staat als auch vom Einzelnen Geduld, Eifer, Wachsamkeit und Selbstbeherrschung gefordert.
Doch auch das reicht nicht aus. Erst wenn wir uns selbst verändern, werden wir jenseits des Konflikts einen „neuen Himmel und eine neue Erde“ erblicken. Eine Rückkehr zum alten Leben und zu den alten Werten nach dieser Bewährungsprobe ist unmöglich. Die Zukunft ist niemandem garantiert, vor uns liegt Ungewissheit. Doch das ist kein Grund, vor Schreck zu erstarren und untätig zu bleiben.
Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.
Igor Karaulow ist ein russischer Dichter und Publizist.
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