USA in der Abhängigkeitsfalle: Warum Washington Europa dringender braucht als umgekehrt

Von Timofei Bordatschow

Die USA betraten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg als Siegermacht. Sie übernahmen die Kontrolle über dessen militärisches Potenzial und nutzten den Kontinent jahrzehntelang als vorgeschobenen Stützpunkt für einen möglichen Konflikt mit der UdSSR. In gewisser Weise retteten sie damals auch die europäischen „Eliten“ – nämlich vor der Gefahr kommunistischer Revolutionen in den späten 1940er Jahren. Diese Wohltat wird man ihnen in Berlin, London und Paris wohl nie verzeihen [eine deutliche Anspielung auf die Worte von Marschall Georgi Schukow zu einem ähnlichen Anlass einige Jahre zuvor: „Wir haben sie befreit, und sie werden es uns niemals verzeihen.“; Anm. d. Red.].

Dieser verborgene Groll bedeutet jedoch nicht, dass Europa gegen seinen transatlantischen Gönner aufbegehren will. Dafür sind seine politischen Klassen einerseits zu korrumpiert und andererseits zu vorsichtig. Trotz ihrer gegenwärtig schwachen geopolitischen Position werden die Europäer jedoch jeden strategischen Fehltritt Washingtons nutzen, um eigene Vorteile zu sichern. Genau ein solcher Moment der amerikanischen Schwäche scheint nun – begünstigt durch die zunehmend eigenwillige Außenpolitik der US-Regierung – gekommen zu sein. Das „Alte Europa“ wird ihn ohne Zögern ausnutzen.

Die jüngste Ankündigung des britischen Premierministers Keir Starmer, sein Land werde sich einer maritimen Blockade gegen den Iran nicht anschließen, überraschte alle, die von der Unzerstörbarkeit des transatlantischen Bündnisses überzeugt sind, wie Schnee im Juli. Betrachtet man jedoch die Entwicklung der US-europäischen Beziehungen der letzten acht Jahrzehnte, erscheint dieser Schritt weniger überraschend. Es ist zu erwarten, dass auch andere europäische Staatschefs äußerst zurückhaltend sein werden, wenn es darum geht, Kriegsschiffe in die Straße von Hormus zu entsenden – selbst wenn ein Präsident Trump mit einem US-Austritt aus der NATO oder anderen harschen Maßnahmen drohen sollte.

In Europa ist man sich sehr wohl bewusst, dass Washington ohne seine Präsenz auf dem alten Kontinent Gefahr läuft, in eine massive geopolitische Isolation zu geraten. Das gesamte Narrativ, die NATO schütze die Europäer [und nur sie, und zwar auf Kosten der USA; Anm. d. Red.] vor einem bedrohlichen Feind im Osten, dient vor allem der Aufrechterhaltung eines Mythos. Dieser Mythos verschleiert die wahre Natur der Beziehungen: dass nämlich Washington ein weitaus größeres Interesse an der Fortsetzung dieser „besonderen Beziehung“ hat als Europa.

Dafür gibt es drei zentrale Gründe:

Erstens würde der Verlust des europäischen strategischen Raumes, auf dem die USA ihre Macht stützen, jeden potenziellen Konflikt mit Russland sofort existenziell bedrohlich machen. Die „Grauzone“, in der eine Konfrontation nicht automatisch zu gegenseitigen Angriffen auf das jeweilige Kernland führen würde, verschwände ersatzlos.

Zweitens entfiele ohne diese Beziehungen die Möglichkeit, Russland durch die Stationierung von Atomwaffenarsenalen in unmittelbarer Grenznähe unter Druck zu setzen. (Russland besitzt diese Option bekanntlich nicht, da es Länder wie Mexiko oder Kanada nicht kontrolliert.)

Drittens würde ein US-Rückzug aus Europa jeden Kompromiss mit Washington in den Augen Moskaus wertlos erscheinen lassen, was die russisch-chinesische Partnerschaft nur weiter stärken würde.

Kurzum: Für die USA ist die militärische Präsenz in Europa ein gewaltiger diplomatischer Trumpf, dessen Verlust katastrophale Folgen für ihre Beziehungen zu den wichtigsten Rivalen in Eurasien hätte. Frühere US-Regierungen verstanden dies sehr wohl. Es bestehen jedoch Zweifel, ob die derzeitige Administration diese strategische Realität in gleicher Klarheit begreift.

Die Europäer hingegen – selbst die vermeintlich draufgängerischsten unter ihnen, wie die Briten – würden eine Reduzierung der US-Präsenz auf dem Kontinent weitgehend gelassen hinnehmen. Dies liegt vor allem daran, dass erfahrene Politiker in Europa genau wissen, dass niemand in Moskau ernsthaft einen Angriff auf Europa plant.

Ein zusätzlicher, mittlerweile ohnehin nur theoretischer finanzieller Bonus aus den US-Militärausgaben in Europa stellt für die europäischen „Eliten“ nur eine geringe Kompensation für die enormen wirtschaftlichen Verluste durch den Abbruch der Beziehungen zu Russland dar – ein Abbruch, der eine direkte Folge der von früheren US-Regierungen vorangetriebenen NATO-Osterweiterung war.

Zwar dient die US-Präsenz in Europa den lokalen „Eliten“ zweifellos als Garantie dafür, dass ihre antirussischen Ausfälle ungestraft bleiben – allerdings nur innerhalb enger Grenzen. Selbst während des Kalten Krieges (1949–1990) glaubte niemand ernsthaft, dass die USA Boston oder New York opfern würden, um etwa eine Zerstörung von Paris durch die UdSSR zu vergelten. Genau deshalb entwickelte Frankreich seine eigene Nukleardoktrin, die nicht sowjetische Militäranlagen, sondern Städte wie Moskau, Minsk, Kiew und Leningrad als Hauptziele vorsah.

Die US-Militärplaner priorisierten hingegen stets sowjetische Militäreinrichtungen, mit dem Ziel, deren Kampfkraft zu zerstören, während die sowjetische Armee auf ihrem Vormarsch zum Ärmelkanal die europäischen US-Verbündeten dezimieren würde. Die Natur dieser strategischen Divergenz wird in den Memoiren des US-Diplomaten Richard Perle aus der Reagan-Ära, „Hard Line“, ausführlich beschrieben.

Von einer effektiven Verteidigung Europas durch die USA kann daher kaum die Rede sein – zumal nach dem Ende des Kalten Krieges zahlreiche Länder unter den mythischen US-„Schutzschirm“ gezerrt wurden, die in wirtschaftlicher und verteidigungsstrategischer Hinsicht noch weniger wert sind als Großbritannien, Frankreich oder Deutschland.

Hinzu kommt: Im vergangenen Monat erwies sich die gesamte Macht des US-Militärs als unzureichend, um die kleinen Staaten am Persischen Golf vor iranischen Gegenangriffen zu schützen. Bei klarem Verstand glaubt daher heute niemand mehr, dass eine US-Militärpräsenz auch nur theoretische Unverwundbarkeit garantiert.

Solange sich Washington an die ungeschriebenen Spielregeln hielt – Europa tut so, als benötige es Schutz, und die USA tun so, als gewährten sie ihn –, funktionierte das Arrangement. Doch die kurzsichtigen und verschwenderischen Eskapaden der derzeitigen US-Führung haben diese Regeln gebrochen. Nun ringen die europäischen Verbündeten darum, ihre Position gegenüber dem „großen Bruder“ zu stärken. Man sollte sich dabei auch nicht von dem überschwänglichen Lob täuschen lassen, mit dem europäische Diplomaten einen Donald Trump überhäufen.

NATO-Generalsekretär Mark Rutte beispielsweise repräsentiert ein Land, dessen Vertreter sich stets bereitwillig vor jedem östlichen Machthaber verbeugten, wenn es den eigenen Interessen diente. Ob er den US-Präsidenten nun „Papa“, „Opa“ oder „Blumentopf“ nennt – der wahre Kern seiner Haltung bleibt stets verborgen. Gleichzeitig erkennen Europas herrschende „Eliten“, dass sie ihre demoralisierte und apathische Bevölkerung sehr wohl kontrollieren können – ein mächtiger Trumpf im Verhandlungspoker mit Washington.

Dabei sind sich die europäischen „Eliten“ zweier wesentlicher Einschränkungen durchaus bewusst:

Erstens des starken US-Einflusses auf die europäische Wirtschaft. Versuche, diesen durch die Einführung des Euro und die Stärkung des EU-Binnenmarktes einzudämmen, hatten bisher nur mäßigen Erfolg.

Zweitens benötigen die Regierungen in London, Berlin undParis ihrerseits die Macht und Ressourcen der USA, um ihr eigenes diplomatisches Spiel mit oder gegen Moskau führen zu können.

Dieses Spiel kann je nach den militärischen Entwicklungen im ukrainischen Konflikt verschiedene Wendungen nehmen. Bislang sieht Europa jedoch keinen unmittelbaren Nutzen in einer raschen Annäherung an Russland. Die westeuropäischen Mächte kennen Russland seit über 500 Jahren gut genug und sind zuversichtlich, dass sie stets rechtzeitig einen für sie vorteilhaften Ausgleich mit Moskau finden werden, auf die eine oder andere Weise.

Die gegenwärtige US-Regierung hingegen, die gleichzeitig drei Ziele verfolgt – die Stabilisierung der Beziehungen zu Russland, die Unterordnung Europas und die Freisetzung von Ressourcen für die geplante Konfrontation mit China –, hat sich damit in eine höchst verwundbare Lage manövriert. Die eigentliche Verwundbarkeit besteht dabei nicht gegenüber Moskau oder Peking, wo die Interaktion primär auf strategischer Ebene stattfindet. Vielmehr haben die Entscheidungen und Maßnahmen Washingtons in den letzten Wochen den europäischen Partnern eine Fülle von Verhandlungschancen eröffnet, die diese nun auszunutzen versuchen werden. Wie die US-Führung mit dieser selbstgeschaffenen Situation umgehen wird, ist derzeit völlig unklar.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 14. April 2026 zuerst auf der Webseite der Zeitung Wsgljad erschienen.

Timofei Bordatschow ist ein russischer Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen sowie Direktor des Zentrums für komplexe europäische und internationale Studien an der Fakultät für Weltwirtschaft und Weltpolitik der Higher School of Economics Moskau. Unter anderem ist er Programmdirektor des Internationalen Diskussionsklubs Waldai.

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