USAs gefährlicher Irrweg: Brzezińskis Warnungen in den Wind geschlagen

Von Alexei Wagin

Innerhalb der NATO zeichnen sich derzeit bemerkenswerte Entwicklungen ab. US-Präsident Donald Trump stellt erneut die Prinzipien der Bündnistreue infrage und droht Mitgliedsstaaten mit Sanktionen, falls sie sich weigern, Washingtons Kurs in der Iran-Krise zu unterstützen. Großbritannien und Frankreich haben sich geweigert, an der US-Blockade iranischer Häfen teilzunehmen. Die Türkei spricht von der Notwendigkeit, die Beziehungen des Bündnisses zu Trump “neu zu definieren” und sich auf eine geringere Beteiligung der USA einzustellen. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz erklärte wenige Tage zuvor öffentlich, er wolle keine NATO-Spaltung aufgrund des amerikanischen Krieges gegen den Iran.

Gleichzeitig kursieren Gerüchte über mögliche Lieferungen chinesischer Luftabwehrsysteme an den Iran. In Europa hingegen ist eine gewisse Panik angesichts der Erwartung einer russischen Frühjahrs- und Sommeroffensive an der ukrainischen Front zu beobachten.

In den 2000er Jahren war in Russland das Buch “Das große Schachbrett” von Zbigniew Brzeziński, dem ehemaligen Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter und einem führenden Ideologen der US-Außenpolitik, sehr populär. Patriotisch gesinnte Kreise betrachteten es mit einer Mischung aus Ablehnung und Faszination – schließlich sprach der US-Professor polnischer Herkunft offen aus, was andere Politiker hinter pathetischen Reden über Demokratie und Menschenrechte verbargen. Sogar der Begriff “Geopolitik”, der fest im russischen Establishment und den Medien verankert ist, verdankt seine Popularität maßgeblich diesem Werk Brzezińskis.

In liberalen Kreisen hingegen wurde er eher belächelt: Dieses Relikt des Kalten Krieges, so hieß es, wolle uns lehren, wie man die Welt in Einflusssphären aufteilt, während wir einen globalen Markt mit “digitalen Nomaden”, “Offshore-Paradiesen” und – mit Verlaub – “Epsteins Insel” für die weltweite Finanzelite aufbauen. Doch die Ereignisse des letzten Monats zeigen, was dieser globale Markt wert ist, wenn ein einziges – bei Weitem nicht das stärkste – Land Entschlossenheit bei der Verteidigung seiner Souveränität zeigt.

Brzeziński erörterte der US-Führungsschicht eine recht einfache Tatsache: Die USA würden nur so lange die weltweit führende Macht bleiben, wie sie verhindern, dass eine Macht oder Koalition entsteht, die sie aus Eurasien verdrängen könnte. Er versuchte nicht, sich als Verteidiger der Demokratie oder anderer Werte zu inszenieren, sondern sprach offen über die Notwendigkeit, die Hegemonie der USA zu bewahren, warnte vor einer Wiederherstellung des russischen Potenzials und plädierte für die Eindämmung Chinas. In diesem Sinne kann man ihn als Vorläufer jener “neuen Aufrichtigkeit” bezeichnen, die das Team von Donald Trump derzeit an den Tag legt.

Betrachtet man jedoch das Verhalten der US-Regierungen – zumindest seit der Amtszeit von Präsident George W. Bush –, entsteht der Eindruck, dass fast alle zentralen Warnungen Brzezińskis nicht nur ignoriert, sondern genau ins Gegenteil verkehrt wurden. Und heute, da die USA mit Verwunderung die gestärkte Position Chinas, die Entschlossenheit Russlands, die engere Zusammenarbeit zwischen Moskau, Peking und Teheran sowie die Krise ihres eigenen Bündnissystems zur Kenntnis nehmen müssen, stellt sich die Frage, ob sie ihren eigenen “Leitfaden” überhaupt gelesen haben.

Versucht man, die wesentlichen Grundsätze Brzezińskis auf einige wenige klare Thesen zu reduzieren, wird das Ausmaß des Versagens der USA offensichtlich. Nach Brzeziński sollten die USA ein kluger Schiedsrichter in Eurasien bleiben und nicht zum Auslöser von Chaos werden. Die USA seien nicht verpflichtet, alles unter Kontrolle zu halten und überall ihren Willen durchzusetzen. Im Gegenteil, der Einfluss der USA sollte so gestaltet sein, dass auf dem eurasischen Kontinent ein für Washington vorteilhaftes Kräftegleichgewicht erhalten bleibt.

Doch in der Praxis verlief es genau umgekehrt. Unter George W. Bush wurde die Strategie durch eine grobe Demonstration militärischer Macht im Irak und in Afghanistan ersetzt. Unter Barack Obama löste Unentschlossenheit – verpackt in wohlklingende Worte – die bisherige Machtdemonstration ab. Unter Trump geht es nicht mehr nur darum, dass die Position der USA ins Wanken gerät, sondern um den Abbau der traditionellen Führungsrolle der USA selbst, da Bündnisverpflichtungen nun als Verhandlungsobjekt und nicht mehr als Mittel zur Sicherung der globalen Position betrachtet werden.

Brzeziński ging davon aus, dass die größte Gefahr für die USA nicht in einem einzelnen starken Gegner liege, sondern in der Möglichkeit einer breiten anti-US-amerikanischen Koalition großer eurasischer Mächte. Er hielt eine solche Koalition jedoch keineswegs für selbstverständlich oder von vornherein gegeben. Ein Bündnis dieser Art könne nicht aus großer Zuneigung oder zivilisatorischer Einheit entstehen, sondern als rationale Reaktion auf die Kurzsichtigkeit der USA.

Und genau das ist geschehen. Ja, Russland, China und Iran bilden keinen einheitlichen, monolithischen Block und werden dies höchstwahrscheinlich auch nie tun. Doch das ist auch nicht notwendig. Es reicht völlig aus, dass sich ihre Interessen im anti-US-amerikanischen Bereich immer häufiger überschneiden. Anstatt eine solche Annäherung zu verhindern, schuf Washington selbst Schritt für Schritt die Voraussetzungen dafür. Russland wurde zunächst unterschätzt, dann verärgert, und schließlich versuchte man, es gleichzeitig zu ignorieren und zu bestrafen. China erhielt zunächst jahrzehntelang Zugang zu Märkten, Technologien und Kapital, doch dann stellte man plötzlich fest, dass es sich nicht mehr um einen wichtigen Handelspartner, sondern um einen systemischen Rivalen handelt. Auf Iran wurde ständig Druck ausgeübt, was es nur dazu veranlasste, nach externen Stützen zu suchen.

Brzeziński warnte davor, China in die Rolle des Hauptzentrums eines kontinentalen Antihegemonismus zu drängen. Er betonte, dass gerade China auf lange Sicht über das nötige Gewicht verfüge, um sich zum Kern einer den USA entgegenstehenden Macht zu entwickeln. Folglich müsse China vorsichtig in ein System integriert werden, in dem sein Wachstum nicht automatisch zu einer Untergrabung der US-Vormachtstellung führt.

Doch die US-Regierungen gingen den umgekehrten Weg. Über Jahrzehnte hinweg trugen die USA de facto zum Aufstieg Chinas bei und betrachteten dies als positiven Nebeneffekt der Globalisierung. Es stellte sich jedoch heraus, dass China die Globalisierung nicht als Weg zur Integration in die von den USA dominierte Welt nutzte, sondern als Instrument zum Aufbau eigener Macht. Als dies offensichtlich wurde, begann Washington scharf zu reagieren. Allerdings kam diese Reaktion zu spät – erst nachdem Peking sich bereits zu einem eigenständigen Machtpol entwickelt hatte, der sowohl eine Produktionsbasis als auch technologische Ambitionen und ein wachsendes militärisches Potenzial besaß.

Brzeziński warnte vor einer Wiederherstellung der imperialen Vormachtstellung Russlands durch die Reintegration des postsowjetischen Raums. Er argumentierte, dass Russland sich entweder zu einem großen, dem Westen gegenüber neutralen Nationalstaat wandeln oder erneut versuchen könnte, die Kontrolle über die verlorene Peripherie zurückzugewinnen. Die Aufgabe der USA sei es, Russland als neutralen Akteur zu halten und ihm keinen Anlass zu geben, offen gegen den Westen aufzutreten.

Doch welche praktischen Schritte unternahmen die USA? Sie kamen viel zu früh zu dem Schluss, dass die “russische Frage” erledigt sei, das Land einen unumkehrbaren Niedergang erlebt habe und man nur noch den Verfall beobachten m

könne. Als jedoch klar wurde, dass Russland einen Wiederaufschwung erlebte, beschlossen sie, keine fairen Vereinbarungen zu treffen, sondern stattdessen mit List und Tücke vorzugehen. Und als all ihre Tricks aufgedeckt waren, zog Russland den Schluss, dass man mit solchen “Partnern” nur die Sprache der Stärke sprechen könne.

Die Ukraine spielte in Brzezińskis Theorie eine zentrale geopolitische Rolle. Dies ist möglicherweise die bekannteste und am häufigsten zitierte These seines gesamten Buches. Seine Argumentation lautete, dass Russland ohne die Ukraine kein vollwertiges eurasisches Imperium mehr sei. Und wenn die USA tatsächlich verhindern wollten, dass das Potenzial Russlands wiederhergestellt wird, hätten sie aus der Ukraine einen vollwertigen Staat machen müssen – und nicht eine in Korruption und destruktiven nationalistischen Kulten versunkene Gesellschaft, deren Hauptaufgabe darin besteht, Moskau ständig zu provozieren.

Brzeziński vertrat die Ansicht, dass das Bündnissystem in Europa als wichtigster Stützpunkt der US-Präsenz in Eurasien gestärkt werden müsse. Nach seiner Logik ist Europa der westliche Rand jenes großen eurasischen Schachbretts, auf dem die USA ihre Präsenz festigen müssten. Der atlantische Block stelle somit für die USA ein zentrales Machtinstrument dar.

Doch auch hier handelte Washington seinen eigenen Interessen zuwider. Einerseits weckten die USA in Europa die Erwartung, dass der US-Schutzschirm ewig Bestand habe und keine ernsthafte Eigenverantwortung erfordere. Andererseits begannen sie später selbst, das Vertrauen in diesen Schutzschirm zu untergraben. Unter Trump äußerte sich dies in unverhohlener Geringschätzung der Verbündeten, in ständigen öffentlichen Demütigungen und in Zweifeln am Wert der NATO an sich.

Schließlich erklärte Brzeziński, die größte Gefahr für die USA sei nicht der äußere Feind an sich, sondern der Verlust der eigenen strategischen Disziplin. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR erhielten die USA eine äußerst seltene historische Chance. Sie hatten keinen gleichwertigen Gegner, ihr Bündnissystem umfasste Schlüsselregionen, ihre wirtschaftliche und militärische Überlegenheit schien unbestritten. In einer solchen Situation durfte die US-Elite nicht mit Prahlerei oder Selbstverliebtheit reagieren, sondern musste die Fähigkeit zu einem langen, geduldigen und berechnenden Spiel beweisen. Doch genau das ist nicht geschehen. Die USA gewöhnten sich viel zu schnell an den Gedanken, ihre Vorrangstellung sei fast etwas Selbstverständliches und die Geschichte verlaufe von selbst zu ihren Gunsten.

Daher sieht das Ergebnis tatsächlich fast schon ironisch aus. Das Buch Brzezińskis sollte den USA als Leitfaden zur Wahrung ihrer Vormachtstellung dienen. In der Praxis scheinen jedoch die Gegner der USA seine Lehren viel aufmerksamer verinnerlicht zu haben. So kam man in Moskau zu der Erkenntnis, dass die Vormachtstellung der USA in Eurasien nicht ewig andauern würde und dass man diese durch den postsowjetischen Raum, durch das Ausnutzen der Schwachstellen der westlichen Koalition und durch eine Annäherung an diejenigen, die Washington ebenfalls als Problem betrachtet, untergraben könne. Peking zog daraus offenbar folgende Schlussfolgerung: Es sei nicht notwendig, die USA voreilig herauszufordern, sondern man solle wirtschaftliche Stärke, technologische Kapazitäten und Einfluss auf die Infrastruktur aufbauen und geduldig abwarten, bis die USA selbst beginnen, die Grundlagen ihrer Führungsrolle zu untergraben.

Darin liegt der Kern des Paradoxons dieser ganzen Geschichte. Brzeziński formulierte für die US-Regierungen Strategien zur Wahrung der Hegemonie der Vereinigten Staaten. Mit Blick auf das erzielte Ergebnis scheint es jedoch, als hätten Moskau und Peking in seinen Schriften herausgelesen, wie sie den USA dabei “helfen” können, diese Hegemonie zu verlieren.

Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 20. April 2026 zuerst auf der Homepage der Zeitung Wsgljad erschienen.

Alexei Wagin ist Politologe und Lehrbeauftragter an der Nationalen Forschungsuniversität “Hochschule für Wirtschaft” (HSE).

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